Sonntag, 7. Juni 2009

David und Goliath - Machtkampf auf biblisch

David und Goliath - 1.Samuel 17 - eine Strategie


Liebe Gemeinde,

niemand kann in diesen Tagen an der aktuellen Situation vorbeigehen. Es beschäftigt alle, also auch uns. Es wird gewählt in Deutschland und in Europa.

Ich habe den Eindruck, dass die Atmosphäre sogar aufgemischter ist als in früheren Zeiten. Es gibt eine größere Diskussionsfreude und Diskussionsbreite. Wahrscheinlich, weil es vor allem um wirtschaftliche Belange, vulgo ums Geld geht. Da ist jeder betroffen und interessiert. Ganz gleich, ob es eine echte Sorge ist, wenn es um Renten, um soziale Sicherungssysteme oder um die Steuern geht, oder ob es die blanke Raffgier ist, wenn Subventionen verhandelt werden,- interessiert sind alle.

Aufgabe der Kirche und des Pastors ist es nun nicht, Wahlempfehlungen oder gar Parteiempfehlungen zu geben. Jede demokratische Partei – von der sozialistischen Linken bis zur konservativen Rechten – ist für Christen wählbar. Ausgenommen sind nur die Radikal – Rechten, die unsere Grundordnung und unsere Grundwerte in Frage stellen. Empfehlungen braucht in der Kirche niemand, aber es geht uns um Werte.

Das sind unsere Fragen:
Wie eigentlich wird Macht begründet? Was drückt sich in ihrer Gestalt, in ihrem Daherkommen aus? Welche Werte stehen im Hintergrund? Um was geht es wirklich? Was soll durch Menschen für die Menschen gestaltet werden?
Aus den Antworten auf solche Fragen können dann Schlüsse gezogen werden.

Was sagen wir also zu den Machtbegründungen und zu den Werten? Lasst uns die Antwort in der Bibel suchen.

In einem Gruppengespräch haben wir uns neulich mit zwei unterschiedlichen Machttypen beschäftigt. Sie sind allgemein bekannt, aber werden im Gottesdienst nicht häufig traktiert: David und Goliath.

Wir wissen, dass David der eigentliche Sieger ist. Sein Sieg hat Geschichte, Kultur und sogar Religion begründet. Aber wie ist Davids Macht begründet? Welche Glut steckt in seiner Art, in seiner Kraft?

Zur Situation:
Die Eindringlinge ins Land sind die Israeliten – wohlgemerkt. Es sind Bauern- u. Hirtenhaufen mit dem Bauernkönig Saul an der Spitze, die sich im Land festsetzen wollen. Dabei bekommen sie es nun mit schon längst sesshaften Kulturvölkern zu tun. Die Kultur und auch das Recht scheint auf deren Seite zu liegen. Sie sind die Bürger, die Philister. Sie besitzen Kultur, auch Kriegskultur. Nicht alle sollen gegen alle kämpfen und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Einer allein soll es tun, stellvertretend für alle. Goliath ist der starke Mann.

Goliath ist ein lebender Panzer. Er ist der Prototyp eines aufgeblasenen und eingebildeten Kulturmenschen. Er beeindruckt mit Drohgebärden. Er schüchtert ein und fordert durch Beschimpfungen heraus. Er verlangt Ebenbürtigkeit: Mann gegen Mann, Schwert gegen Schwert. Alles auf gleicher Augenhöhe, dann wird man weitersehen. Die israelitischen Haufen bekommen Angst. So ist es beabsichtigt.

Nur einer lässt sich nicht beeindrucken: David.
Ist er ein Luftikus, der vor lauter jugendlichem Überschwang die Realität nicht richtig einschätzt? Oder steckt mehr – aber anderes – in ihm? Er scheint ein Naturbursche zu sein. Auf jeden Fall ist er ein Naturtalent. Unwillkürlich tritt die Davidfigur des Michelangelo vor unser inneres Auge.
In der eisernen Kultur-Rüstung kann dieser David sich nicht bewegen. Er kann so nicht gehen. Er zieht sie also wieder aus. Löwen und Bären hat er mit der bloßen Hand bezwungen. Am Erfolg ist er durchaus interessiert. Die Belohnung will er schon.

Die Bibel zögert nicht, David klein zu machen. So klein, wie nötig. Das scheint geradezu ihre Strategie zu sein. Als Samuel einen Nachfolger für Saul sucht, muss David erst vom Feld geholt werden. Er ist der Jüngste in der Familie. Jetzt bringt er nur fünf Steine aus dem Bach mit. Der ältere Bruder schickt ihn weg. Du willst nur gucken, was die Erwachsenen machen, sagt er. Nur König Saul hat ein richtiges Gespür. Ihm bleibt auch keine andere Wahl.

Worin besteht Davids Kraft?
Ist es seine jugendliche Unbekümmertheit, sein Wagemut, vielleicht sogar sein Übermut? Ist er womöglich eine Spielernatur?
Durch alles dieses allein hätte er nicht gewonnen. Sein Sieg wäre dann Zufall oder Glück gewesen. Er hätte auf tönernen Füßen gestanden. So begründet man keine Dynastie. Davids Kraft muss aus anderen Quellen kommen.

Auf dem Bild in der kleinen Hosentaschenbibel steht David im Licht. Was ist das für ein Licht? Was gibt ihm Licht und Kraft? Woher nimmt er das?

Es wird seine Bodenhaftung sein, die ihm hilft. David ist mit der Erde verbunden, geradezu eingewickelt in Erde. Er ist Schäfer und Hirte. Als Goliath ihn mit seinem Hirtenstock sieht, ruft der gepanzerte Krieger: Bin ich ein Hund?! So, wie du auftritts, bist du mir nicht ebenbürtig. Du bist nicht satisfaktionsfähig. Du eignest dich nicht zum Duell.
Aber genau das will David auch nicht. Es geht ihm eben nicht um Augenhöhe. Er kommt nun mal von unten, vom Boden weg.

David hat nichts als sich selber. Aber er kann mit sich umgehen. Wenn es sein muss, packt er Löwen und Bären mit den bloßen Händen.
Weil das so ist, ist Gott mit ihm. Gott potenziert Davids Kraft. Gott kommt nicht von außen – etwa als ein Schild - zu David hinzu, sondern er ist i n David, denn dieser ist „vom Acker“, aus Erde, ein neuer Adam.

Wir wissen bereits, wie die Geschichte ausgeht. David wird siegen, und er wird ein großer König Israels. Er wird auch die Kultur fördern, wobei es allerdings nicht so sehr um die Kriegstechnik geht. David ist ein Sänger, Tänzer, Musiker, Leierspieler. Er dichtet Psalmen und andere Gesänge, Hohelieder. So begründet er seinen Ruf – und seine Macht. Später wird er dann diese Macht allerdings auch wieder missbrauchen. Macht korrumpiert leider auch ihn. Aber David lässt sich auch brechen, auf ein menschliches Maß brechen. Er vergisst nicht, dass er letztlich vom Acker stammt. Er bleibt immer nah an den Problemen der Menschen. So ist er ein großer König.

Noch einmal wieder ins Aktuelle.
Haben wir unter unseren gegenwärtigen Politikern dem David ähnliche Charaktere? Die Frage stellen heißt sie verneinen. Unsere Politiker und Politikerinnen gleichen eher den aufgeblasenen Goliaths, die immer schon vorher wissen, wie die Schlacht auszugehen hat. In der Regel wissen sie schon vor der Wahl, was diese bringt.
Man möchte unsere politische Spezies nur zu gerne auf den Boden ziehen und ihnen vorschlagen, doch einmal nur einen Monat lang von der Sozialhilfe zu leben. Werdet zuerst Menschen, bevor ihr Menschen regieren wollt! Vielleicht würden die Gesetze dann andere werden. Vielleicht ginge es dann gar nicht mehr um das große Geld oder herausragende Wirtschaftserfolge. Vielleicht ginge es dann eher um Moral, die man dem Geld sehr wohl vorschreiben muss. Aus sich hat es die nicht. Vielleicht geht es dann wirklich um Arbeitsplätze und nicht nur um günstige Konditionen für mögliche Arbeitsplätze.

Für all das haben wir Christen einzutreten. Die Menschen dürfen nicht außen vor bleiben. Sie sind und bleiben die Mitte.
Wir wollen von Menschen regiert werden, die wissen, wie man Löwen und Bären bändigt – mit den eigenen Händen. Das heißt ja durch eigene Arbeit, durch Kontakt mit den Betroffenen und nicht vom fernen Schreibtisch aus. Wir brauchen Davids und nicht aufgeblasene Goliaths, die nur durch imposante Gesten, durch Bissigkeiten und Intrigen zu imponieren versuchen.
Zugegeben: Sie sind schwer zu finden. Leicht lässt man sich blenden von weiblichen und männlichen Goliaths.

Aber einzuklagen haben wir integre Politiker.
Vielleicht ist bei uns die Zeit noch nicht reif für David. Vielleicht haben wir nur die Wahl zwischen verschiedenen Übeln. Dann wählen wir hoffentlich das Kleinere.

Vergessen wir nur nicht: Gesiegt hat letztlich nur David. Da ist die Bibel – wie immer – ganz klar und tröstlich.

AMEN

Dienstag, 2. Juni 2009

CREDO

Credo der Gemeinde an der Lutherkirche in Bochum

In einem dreitägigen Gesprächsprozess haben ca. 30 Gemeindeglieder 2005 diesen Text als Glaubensbekenntnis für diese Zeit und für diese Gemeinde formuliert.


Wir glauben an GOTT, der die Liebe ist, die sich in der ganzen Schöpfung und in Jesus Christus zeigt und die alles durchwaltet.
Weil GOTT die Liebe ist, wissen wir, dass Religion nie mehr ein Grund für Gewalt sein darf.

Wir vertrauen darauf, dass in Jesus Christus alle Menschen die Einheit mit GOTT finden und zu einem neuen Leben erlöst werden.
Das befreit uns davon, egozentrisch um uns selbst zu kreisen.

Wir danken dafür, dass uns die Verkündigung von GOTTES Macht und Liebe über die Jahrtausende erreicht hat und bitten um die Kraft des Heiligen Geistes, die Botschaft unseren Kindern weiterzugeben und vorzuleben.

Wir möchten, dass die Kirche und unsere Gemeinde ökumenisch offen und gastfreundlich ist für alle Menschen auf der Suche nach GOTT und nach Sinn und Ziel ihres Lebens.

Wir vertrauen darauf, dass uns GOTT in seinem Wort und seinen Zeichen (Sakramenten) begegnet. Wir ehren GOTT im Gottesdienst durch Gebet, Singen und Stille. So werden wir gestärkt für unser alltägliches Leben.

Wir beten dafür, dass wir in unserer Gemeinde nicht müde werden, uns für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen.
Wir wenden uns denen helfend zu, die zu Opfern von Menschen und Umständen werden.

Wir stehen bewusst und dankbar in der christlich-evangelischen Tradition und halten uns offen dafür, von GOTT und den Menschen in aller Welt zu lernen.
In unserem Tun lassen wir uns von unserem Gewissen und dem Heiligen Geist leiten.

AMEN

Pfingsten, 15. Mai 2005

Montag, 1. Juni 2009

Pfingstwunder - ein neues, altes

Pfingsten 2005 - Einheit in Verschiedenheit - Acta 2


Liebe pfingstliche Gemeinde,

ich habe schon mehr als einmal in verschiedenen Pfingstpredigten versucht zu erklären, was Pfingsten eigentlich bedeutet. Sicher bin ich nicht der einzige Prediger, der eben das versucht.
Und dennoch: die Menschen wissen trotzdem nicht, was das für ein Fest ist. Was feiern wir eigentlich? Es hat irgendwie mit dem Heiligen Geist zu tun oder mit dem Geburtstag der Kirche. Aber weshalb und wie – das ist weitgehend unbekannt.

In welcher Kulturvergessenheit leben wir eigentlich? Wir feiern ein Fest – 2 Tage sogar -, aber die meisten wissen nicht warum. Eigentlich dürfte nicht ich so fragen und Erklärungsversuche anstellen. Eigentlich wäre die ganze Angelegenheit umzukehren. Die unwissenden Menschen müssten fragen: Wieso feiern wir eigentlich? Was ist da wirklich, in der Tiefe und nicht nur an der Oberfläche geschehen? Sie müssten so fragen, weil sie das Unbekannte nicht einfach hinnehmen wollen. Dann könnte man gemeinsam nach einer Antwort suchen. Eine Erklärung, die wirklich greift, gibt es nämlich gar nicht. Dieses Fest ist nicht erklärbar. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum von allen Erklärungsversuchen nichts oder nur so wenig hängen bleibt.

Dieses Fest kann man nur erfahren oder erleben, und genau das bleibt hängen. So ist es ja immer: nur was man erlebt, bleibt im Gedächtnis. Was nur im Kopf geschieht, wird auch schnell wieder vergessen. Der Kopf reicht nicht für die Speicherung alles dessen, was durch ihn hindurchgeht. Eine Erfahrung müssten wir also suchen und nicht nur eine Erklärung.

Was zu Pfingsten geschehen ist, haben wir versucht, in einer Vorbereitungsgruppe zu dieser Glutpredigt herauszufinden. Ich bin zutiefst dankbar für dieses Gespräch. Noch im Nachhinein ist mir aufgegangen, welche tiefen Gedanken und Fragen wir berührt haben. So etwas ereignet sich nur, wenn nicht einer alleine nachdenkt, sondern wenn mehrere Menschen sich vernetzen und miteinander suchen. Dann wirkt schon der Heilige Geist, und Erfahrung stellt sich ein.

Eine unserer Fragen lautete z.B., welchen Zugang wir Menschen eigentlich zur Wirklichkeit haben. Wie ereignet sich Verstehen, Begreifen, Einleuchten? Das ist eine zugegebenermaßen recht abstrakte Frage, aber sie ist dennoch wesentlich.

Seit fast 400 Jahren denkt man in Europa, dass wir ausschließlich mit Hilfe unseres Verstandes und unserer Vernunft begreifen. Wir forschen, messen, zählen, wiegen, zerlegen. Wir denken dann nach und kombinieren. So wird unsere Welt eine ergriffene und begriffene Welt. Aus diesem Begreifen wächst dann eine Handhabung, eine Technik, mit der wir die Welt noch einmal anders – technisch – in den Griff nehmen. Was aber nicht im Verstand aufgeht, zählt eigentlich nicht. Es gibt es nicht, oder es ist schlichtweg unvernünftig. Besser, man lässt es auf sich beruhen.

Langsam dämmert uns heutzutage, dass das so nicht alles sein kann. Die vernünftige, technische Weltbemeisterung birgt auch viele Gefahren. Technik alleine ist ambivalent. Sie hilft, aber sie tötet auch.

Viele Aspekte des Lebens gehen wirklich in unserem Verstand allein nicht ein und auf – und sie zählen trotzdem. Alles Geheimnisvolle, das Wunderbare und Wunderhafte, das, was plötzlich da ist, und niemand weiß woher – die Liebe, die Rührung, das Mitgefühl – es bleibt dem Verstand rätselhaft. Jede Religion – im echten und guten Sinn – geht in der reinen Verstandeswelt nicht auf. Das Wunderbare muss unbegriffen bleiben, wenn es nicht zerstört werden soll. Eine zerlegte Blume ist eben kein Schöpfungswunder mehr.

Ein Philosoph unserer Tage (Sloterdijk?) hat sich neulich im Spiegel so geäußert: Religion weist uns darauf hin, dass wir das Ungeheure des Lebens nicht zureichend erfassen können. Unser Verstand reicht dazu nicht aus. Er begreift nur den engeren Sektor.
Damit sind wir wieder bei Pfingsten.

Da wird von einem anderen Zugang zur Wirklichkeit, von der größeren Möglichkeit erzählt. Die Bibel nennt das den „Heiligen Geist“. Er wirkt 1000 Möglichkeiten und unendliche Unmöglichkeiten. Man kann ihn nicht begreifen,- er ergreift uns. Man kann ihn auch nicht vorausschauend berechnen. Er kommt und geht wie der Wind und wie er will. Er brennt, entflammt, erleuchtet und verbrennt doch nichts. Er zerstört nicht, sondern belebt. Wie Feuer und Licht erhellt er alles. Die von ihm ergriffenen Menschen verstehen alles und sehen alles in einem anderen, neuen Licht. Er überfällt die Menschen, es erreicht sie und sie können nicht erklären, warum, weshalb, wieso.

Wer nur von außen, mit seinem Verstand das Phänomen betrachtet, begreift nichts. Der Verstand alleine sagt: Die sind betrunken, voll des süßen Weines. Das kann er analysieren, wenn er will.

Nur von innen aber versteht man, und man versteht sich, auch wenn jeder verschiedene Sprachen spricht.
Von außen wird eingeteilt: Kreter, Griechen, Römer, Juden; Mann, Frau; Alt, Jung.
Von innen, im Heiligen Geist, hat man an solcher Einteilung kein Interesse mehr. Von innen gesehen sind alle eins: Menschen, die im Geiste Gottes stehen.

Was die Außenstehenden sehr wohl erkennen, ist die Wirkung. Das Leben der Betroffenen ändert sich. Sie sehen mehr und handeln anders. Ihren Verstand gebrauchen sie auch – hoffentlich, aber sie verfügen auch noch über größere Erkenntnisquellen, die den Verstand erst in seine angemessene Position rücken. Die geistbewegten Menschen stehen im Geist, der sie lieben heißt und tief verstehen lässt, wie die Rätsel der Welt und des Lebens sich lösen, von Gott her lösen.

Petrus beginnt in seiner Pfingstpredigt, der ersten, dieses Phänomen den Außenstehenden zu erklären. Das ist nicht einfach, denn wie soll man Blinden die Farbe erklären? Wie kann man Verstandesgrenzen überschreiten, wenn dasselbe nur verdankt sein kann. Allenfalls kann man sich nicht widersetzen und einen Versuch zulassen.

Petrus erklärt, dass das alles nicht neu ist. Schon der Prophet Joel hat am Ende des 1. Bundes eine solche Geisterfahrung angekündigt. Auch er hat schon gewusst, dass es mehr gibt als das, was Menschen denken können. Diese Geisterfahrung hat nicht nur etwas Formales. Sie ist nicht nur eine Begabung oder eine besondere Fähigkeit. Ihr gehört auch ein besonderer Inhalt zu: Jesus, der Christus. Petrus sagt: Jesus lebt – von Gott auferweckt und mit dem Geist beschenkt. Sein Geist soll sich in uns fortsetzen. Er soll in uns Gestalt werden, damit wir zur unterschiedenen Einheit und zur gegenseitigen Zuwendung finden. Damit wir jedes Spalten und Abtrennen lassen. Ein solcher Geist ist eine große Macht, die sich auf die Menschen setzt.

Jemand in unserem Vorbereitungskreis hat gefragt, ob das wohl noch einmal kommt, dass sich all die zerspaltenen Menschen als die eine Einheit empfinden? Juden und Christen, Christen und Moslems, Abendland und Ferner Osten, Katholiken und Protestanten – und welche Spaltungen es sonst noch geben mag.

Babylon – die Nur-Rationalität und die sich ihr verdankende eindimensionale Technik haben die Trennungen – im Sinne der Wissenschaften – herbeigeführt. Das ist notwendig und wir verdanken dem viel. Aber es ist nicht alles.

Der Heilige Geist will das ändern. Er macht nicht gleich, er nivelliert nicht – das wäre nur eine Verarmung, aber er ermöglicht ein Verstehen gerade des Verschiedenen und Unterschiedenen. Die verschiedenen Sprachen bleiben alle, aber sie trennen nicht mehr. Der Heilige Geist spricht sie alle, nur Esperanto will er nicht verstehen. Man versteht sich trotz der verschiedenen Sprachen.

Zwei Bemerkungen zum Schluss:

In diesen Tagen wurde an das Kriegsende vor 60 Jahren gedacht, und in Berlin wurde das einzigartige Denkmal für die 6 Millionen ermordeten Juden eingeweiht. Da steht ein Mahnmal und Friedhof im Herzen unseres Landes. Ein tieferes Symbol kann es hier nicht geben. Was in der Zeit vor 60 Jahren geschah, war der Gipfel einer Fehlentwicklung des Menschen. Man hat Menschen noch mit kühlem Kalkül und mit technischer Perfektion gemordet – und damit die Menschlichkeit selbst getötet. Die Seele der Menschheit und aller Menschen ist durch diese Brutalität im Kern tödlich getroffen worden.

Der Heilige Geist will auch diese, die tiefste Wunde heilen und zusammenführen, was der Hass zertrennt hat. Er will Frieden und Versöhnung. Wir werden diese Heilung verstehen, annehmen und leben können, wenn wir uns vom Heiligen Geist entzünden lassen.

Und das zweite: Wir veröffentlichen heute unser Gemeindecredo und bekennen es. Etwa 30 Menschen haben diese Worte im Gemeindeseminar formuliert, und wir hoffen, dass sich auch noch viele andere in diesen Worten wiederfinden können. Es ist wichtig, den Geist dieser Worte aufzuspüren, um in ihnen das Wehen auch des Heiligen Geistes zu entdecken.

So wünschen wir es uns: Veni, Creator Spiritus - Komm, Heiliger Geist, Schöpfer! Erschaffe uns neu!

AMEN

Dienstag, 26. Mai 2009

Joseph - oder wie man wird, was man ist

Joseph - ein Konfirmand früherer Zeiten (Predigt anlässlich einer Konfirmation)


Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

im Vorfeld früherer Konfirmationen habe ich verschiedentlich die Jugendlichen nach ihren Zukunftsplänen gefragt. Das führte dann öfters zu einem Schmunzeln oder gar zu offenem Lachen in der Kirche, wenn wir vorlasen, was die Jungen und Mädchen geschrieben hatten. Zum Beispiel: Ich möchte Rennfahrer werden wie Schuhmacher oder Tennisprofi wie Steffi Graf, oder auch schlicht: Ich möchte Millionär werden, ein schönes Haus besitzen, zwei Kinder haben und in der Garage soll ein Jaguar stehen. Das Lachen der Erwachsenen, der Eltern und Verwandten war vermutlich nie böse gemeint. Eltern hören solche Zukunftspläne ihrer Kinder mit Wohlwollen. Es ist ja gut, wenn Kinder Ziele haben. Sie dürfen ruhig ein wenig hoch gegriffen sein. Das Leben wird es schon richten.

Euch habe ich nun nicht so gefragt, aber ich vermute dennoch, dass ihr auch Ziele, Träume und Wünsche habt. Was wäret ihr sonst für Jugendliche!
Deshalb auch möchte ich euch jetzt von einem jungen Mann erzählen, aus dem tatsächlich Großes geworden ist. Das hat sich zwar schon vor ca 3000 Jahren abgespielt. Wie aber aus ihm etwas geworden ist, daraus können wir noch heute lernen. Die Geschichte dieses Mannes ist ein exemplarischer Bildungsroman und Thomas Mann, der wohl größte deutschsprachige Romancier seit Goethe, hat auch tatsächlich aus dem Stoff einen großen Roman gestaltet: Joseph und seine Brüder.

Der Vater des Joseph, Jakob, hatte 12 Söhne und wohl auch noch Töchter von verschiedenen Frauen. Von seiner Lieblingsfrau Rahel stammten zwei Söhne ab. Der Älteste von diesen beiden – Joseph – war Jakobs erklärter Lieblingssohn. In diesen Sohn setzte Jakob seine höchsten Erwartungen, und er stattete ihn darum bestens aus. Er kleidete ihn so vortrefflich in einen prächtigen Mantel, dass Joseph wirklich etwas hermachte. Joseph wusste mit der Zeit, dass er etwas Besonderes war und das zeigte er auch.

Das allerdings machte die anderen Brüder eifersüchtig und neidisch zugleich. Joseph reizte sie geradezu bis aufs Blut. So wollten sie ihn schlussendlich ausschalten, am liebsten sogar ermorden. Sie warfen Joseph in einen ausgetrockneten Brunnen. Es war das 1. Mal, dass Joseph in ein Loch fiel oder vielmehr, dass er in ein solches gestopft wurde. Dem Vater wollten die Brüder Josephs schönen Mantel – blutbefleckt – bringen. Ein wildes Tier hätte Joseph… usw. usw.

Dieser Plan wurde dann auch so ausgeführt. Nur töten wollten sie Joseph denn doch nicht. Aber sie verkauften ihn als Sklaven nach Ägypten. So brachte er ihnen wenigstens noch ein wenig Geld.

In Ägypten machte Joseph nun wirklich und schnell Karriere. Er wurde eine Art Prokurist bei einem bedeutenden Mann. Er konnte auch wirklich etwas und er war zudem auch noch einigermaßen attraktiv. Das merkte auch die Frau seines Chefs Potiphar. Sie hätte gerne ein Verhältnis mit Joseph angefangen, aber dieser wollte nicht. Und wieder spielt sein Mantel eine Rolle. Die Frau hält diesen nämlich bei ihrem Griff nach Joseph fest und dreht die ganze Geschichte einfach um. Sie behauptet, dass Joseph hinter ihr her gewesen sei. Niemand glaubt natürlich dem fremden Joseph, und er landet schließlich im Gefängnis. Er ist zum 2.Mal ins Loch, in die Grube gefallen.

Aber auch im Gefängnis fällt er auf. Er weiß eben mehr als die anderen. So soll er schließlich sogar dem Pharao, dem Kaiser, dessen Träume deuten. Als er mit seiner Deutung richtig lag, hatte er es endgültig geschafft. Jetzt war er der gemachte Mann.

Mit diesem Happyend lassen wir die Geschichte enden, nicht ohne uns zu fragen, was wir von Joseph lernen können. Das ist eine spannende Frage, gerade wenn man am Tor zum richtigen Leben steht wie ihr bei eurer Konfirmation.

Eines scheint mir beim Joseph ganz wichtig zu sein: seine Karriere verläuft nicht gradlinig. Da gibt es so manchen Knick. Mindestens zwei Mal fällt Joseph in ein tiefes Loch. Aber ausgerechnet diese Einbrüche sind die Wendemarken seines Lebens. Wenn euch etwas Ähnliches passieren sollte, oder sogar schon passiert ist,- denkt an Joseph. Ein Ende muss nicht das Ende sein. Gerade das, was unser Leben verschattet, kann es auch reich machen. Wir lernen daran.

Ein zweites ist ebenso wichtig: mindestens zwei Mal wird dem Joseph sein Kleid, sein Mantel genommen. Was übrig bleibt, ist das, was in dem Mantel steckt: der Joseph. Nicht das Äußere ist also das Entscheidende. Nicht das, was vor Augen liegt, das, was man sehen und also auch machen kann. Der Kern ist wichtig.

In seinem Kern, in sich selber, hatte Joseph seinen wirklichen, wahren Schatz. Er hörte auf seine Träume. Er lernte, sie zu verstehen und lernte so, sich selber gut zu verstehen. Am Ende kannte er nicht nur sich selber gut, sondern auch die anderen. Manchmal verstand er sie besser als sie sich selbst verstanden. Das ist der eigentliche Grund für seine Karriere. Nicht die äußerlichen Konditionen sind wichtig. Sie können kommen und gehen. Aber was Joseph in sich selber war, das konnte ihm niemand, kein neidischer Bruder, keine verletzte Frau und kein rachsüchtiger Machthaber nehmen.

Ein jeder von Euch hat auch so einen Personkern. Jeder Mensch hat einen solchen. Lasst ihn wachsen!

Ihr habt euch selbst eure Konfirmationsverse ausgesucht. Warum habt ihr den gewählt, den ihr genommen habt? Vielleicht, weil er so schön kurz ist. Aber das ist nur äußerlich. Wenn ihr euren Vers meditiert, wie die Kuh Gras wiederkäut, werdet ihr merken, dass euer Konfirmationsvers ein Schlüssel zu eurem Kern sein kann. Wenn ihr seiner Weisung folgt, wird er euch einen wichtigen Teil eures Lebens erschließen. Er wird euch zeigen, was wirklich zählt.

Vergesst vor allem den Joseph nicht! Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man zu dem wird, der man ist. Das ist der größte Erfolg, den ein Mensch im Leben haben kann.

Dazu wünschen wir euch Gottes guten Segen.

AMEN

Dienstag, 19. Mai 2009

Jakob und die Leiter zum Himmel

JAKOB - Gen 28,10ff Sprossen zur Erde und zum Himmel
Eine Weihnachtsgeschichte nicht nur zur Weihnachtszeit



Es war als hätte der Himmel
Die Erde still geküsst
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst

Liebe Gemeinde,

dieses sommerliche Nachtgedicht Eichendorffs scheint mir zugleich das Geheimnis der winterlichen Weihnacht, der Christnacht, zu fassen: Es ist als küsste der Himmel die Erde und diese träumt fortan im Schönsten, was sie hervorbringen kann – im Blütenschimmer – vom Himmel,- allerdings ohne zu vergessen, dass sie Erde bleibt und dass es Nacht ist.

Es mag hoffentlich viele leise und zauberhafte Nächte im Laufe des Jahres geben, aber es gibt auch die lauten und schreienden und leider auch viele brutale, gewalttätige, leidvolle Nächte. Die Nacht ist die Zeit des Zaubers und zugleich die Zeit des Schreckens.

Diese eine Nacht aber, die Christnacht, ist anders. Es liegt mehr als nur ein Zauber über ihr. Es liegt ein Geheimnis in ihr. Jeder Schrecken ist fern.

Jahrhunderte bevor Jesus in einer solchen Nacht geboren wurde, befand sich ein Mann auf der Flucht. Jakob hatte seinen alten Vater und seinen älteren Bruder Esau betrogen. Er hatte sich das Erbrecht, ein Segensrecht, den Erstgeborenen-Segen erschlichen, sich dadurch aber auch seine nächsten Angehörigen zu Todfeinden gemacht. Er lebte jetzt in einem fortwährenden Schrecken. Schrecklich.
In einer tiefschwarzen Fluchtnacht legte er sich zum Schlaf auf den nackten Erdboden. Ein Stein diente als Kissen. Da sieht er im Traum den Himmel offen. Engel steigen auf einer Leiter auf und nieder. Himmel und Erde sind wie mit einer Nabelschnur verbunden. – und Gott spricht diesem erschrockenen Menschen seinen Segen zu: Ich, Gott, bin mit dir. Deine Nachkommen werden zahlreich sein. Sie werden ein Segen für die Völker sein.
Jakob wacht benommen auf. Er begreift nichts, aber er ahnt, wie anders alles sein könnte. Hier ist das Tor zum Himmel – sagt er, und macht seinen Kissen-Stein zum Altar, zum Heiligtum.

Das ist eine Weihnachtsgeschichte 1500 Jahre vor Jesus. Genau so geschieht es diese 1500 Jahre später in der Nacht von Bethlehem: Der Himmel öffnet sich. Engel singen. Die Nacht wird hell. Ein Kind ist geboren. Neues ist in die Welt gekommen. Es gibt einen Ausgang aus jedem Schrecken.

Das ist das ganze Geheimnis. Deshalb veranstalten wir jedes Jahr dieses Fest. Wir beschenken uns. Wir sind zusammen. Wir kommen in die Kirche. Alles geschieht, um dieses Geheimnis nicht zu vergessen: Der Himmel kann sich öffnen – und siehe, es wird alles neu.

Ist das nicht nur ein frommer Traum? So etwas wie eine Suggestion? Bleibt die Erde nicht immer doch die, die sie nun einmal ist? Sind die Nächte nicht rabenschwarz? Hängen die Menschen nicht müde und bleischwer in ihren Netzen und Strukturen? Was ändert sich denn?

Ja, sicher – so ist es auch. Aber dennoch gibt es diesen Traum. Er hält uns wach. Wir halten Ausschau nach dem Himmel, ob er sich nicht doch noch einmal wieder öffnet.

Deshalb fragen wir: Wo trifft die Himmelleiter des Jakob heute auf die Erde? Vor 3500 Jahren auf Jakobs Stein, gewiss. Vor 2000 Jahren auf Jesu Krippe, sicher. Aber heute?

Potentiell in einem jeden menschlichen Leben auch. Potentiell also auch bei uns. Warum sind unsere Augen also so gehalten, dass sie nicht sehen, welche Botschaften die Engel uns vom Himmel bringen?

Für Jakob lautete die Botschaft: Ich bin mit dir – und mit deinen zahlreichen Nachkommen.
In Bethlehem hieß sie: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Und wir brauchen heute auch keine andere Botschaft als diese.

Was bedeuten denn für eine altgewordene Gesellschaft wie die unsrige Nachkommen, Kinder?
Sie sind ein Segen und keine Sicherung der Renten- u. Sozialsysteme, wie man manchmal hört. Wir setzen den Segen aufs Spiel, wenn wir keine Kinder wollen und einfach nur immer älter werden. Wir verlieren den Segen, wenn wir unsere Kinder nicht mehr in den Mittelpunkt stellen. Wir können dann einmal niemandem mehr unsere Früchte anvertrauen.

Und Frieden auf Erden? Dieser Segenswunsch ist so aktuell wie lange nicht mehr. Der kalte Krieg ist Jahrzehnte vorbei, aber atomar gerüstet wird immer noch. „Frieden auf Erden“ muss die heutige Gewalt benennen und anklagen, damit sich kein fauler Frieden einschleicht.

Nun kommen aber nicht nur Botschaften vom Himmel. Die Engel tragen auch unsere Anliegen, unsere Klagen und Hoffnungen, unsere Schrecknisse zum Himmel. Das bewahrt uns vor der Wahnidee, dass alles von uns alleine abhängt. Dass wir selber alles alleine bewerkstelligen müssten. Von uns hängt so wenig ab – und doch auch wieder alles, weil es auf die Meinung und Haltung von vielen ankommt. Ich bin nur einer von diesen, aber immerhin. Meine Motivation ist von Gott gestärkt.

Himmel und Erde sind nicht auseinander zu reißen. Weihnachten bindet sie ganz eng zusammen. Das merken wir und das feiern wir.

Umberto Ecco, der italienische Philosoph und Romancier, ein Ungläubiger, ein Agnostiker, hat gesagt: Selbst wenn hinter Weihnachten keinerlei Realität stünde, selbst wenn nicht ein wirklicher Gottessohn wirklich ein wirklicher Mensch geworden wäre – wenn also der Himmel sich tatsächlich nicht öffnen würde und keine Leiter Himmel und Erde aneinander binden würde oder – um noch einmal mit Eichendorff zu sprechen – der Himmel die Erde nicht tatsächlich küssen würde – selbst wenn das alles nicht geschähe, sondern vom Menschen nur erdacht und erfunden wäre – es würde uns Menschen immer noch veredeln und für uns sprechen. Dass wir Menschen überhaupt so denken können, dass wir eine solche Sehnsucht haben, dass wir zutiefst ein Neues, ein anderes, einen Frieden und eine Verbindung von Himmel und Erde wünschen und ersehnen – das ist das Geheimnis. In einem viel tieferen Sinne als dem der bloßen Tatsächlichkeit wäre die Geschichte der Weihnacht dann also doch wahr.

Der christliche Glaube bündelt die große Hoffnung und die tiefe Sehnsucht der Menschen in einem kleinen Kind. So beginnt das Neue immer: klein, kindlich, jung.

Dann müssen auch wir mit dem neuen, anderen, friedlichen Menschen in uns so weihnachtlich beginnen: klein, kindlich-einfach, kindlich-weise.

Liebe Gemeinde, in dieser Nacht öffnet sich der Himmel und die Himmelsleiter trifft in einem jeden von uns auf die Erde. Letztlich ist unser Herz der Stein Jakobs, auf den die Leiter trifft. So bilden sich in uns die Mythen: Engel, die auf und ab steigen. Engel, die uns das Herz öffnen, es weit und warm machen, es vom Stein zum Heiligtum wandeln. Es bilden sich die Mythen, die uns bergen, die helfen und motivieren. Weihnachten ist ein Segen. „Gesegnete Weihnachten“ ist ein Wunsch für das ganze Jahr.

AMEN

Mittwoch, 6. Mai 2009

ABRAHAM - Aufbruch in ein weites Land

ABRAHAM - Genesis 12: Aufbruch in ein weites Land
Hinweise für ältere Menschen zur Feier ihrer Goldenen
Konfirmation


Liebe Gemeinde,

in vielen biblischen Geschichten steckt eine Kernaussage, die wie eine Glut wirkt. Manchmal glimmt diese nur noch schwach vor sich hin. Wird sie aber entfacht, entwickelt sich die Glut zu einem lodernden Feuer, das Menschen ergreift und sie selbst brennend macht. Wir werden im Feuer lebendig.

Abraham war ein solcher von Feuer entfachter Mensch. Wir nennen ihn „Vater des Glaubens“. Sein Lebensgefühl war geprägt von Vertrauen ins Leben, in die Welt und in seine Zeit, Vertrauen in die Sterne am Himmel oder den Sand am Meer – was ihm beides zum Zeichen wurde für seine Verwirklichung in zahlreichen Nachkommen. Vertrauen aber vor allem zu einem Gott, der ihn aus sich herausrief und versprach, ihn in die Weite zu führen.

Abraham ist der Stammvater Israels. Von Adam und Eva stammen nach dem Mythos der Bibel alle Menschen ab. In Adam und Eva sind sich alle Menschen hinsichtlich ihres Menschseins gleich. Auf Abraham aber werden nicht alle zurückgeführt, sondern nur die, die sich in ihm in besonderer Art und Weise erwählt fühlen.
Für die Juden ist Abraham der Stammvater des Volkes Gottes. Für den Juden und Christen Paulus – und mit ihm für alle Christen – ist Abraham der „Vater des Glaubens“, also der Stammvater des neuen Israels, des Glaubensvolkes aus Juden und Heiden. Für die Muslime ist Abraham einer der ganz großen Propheten, einer, in dem wir alle gesegnet sind oder einer, an dem sich die Geister scheiden: Wer ihn segnet, der wird gesegnet sein. Wer ihm Übel will, der wird selber ins Übel, in den Fluch fallen.

Was ist an Abraham so wichtig, dass er zum „Vater“ schlechthin wird, dass „Vater Abraham“ zu einem stehenden Begriff wird?

Wir hören, dass Abraham ein herumirrender Nomade war. So hatte er keine Heimat, kein Land, das ihm wirklich gehörte. Er wird gar nicht gewusst haben, wohin er eigentlich gehörte.
Andererseits besitzt er alles: er hat eine Frau, eine Großfamilie mit Nichten und Neffen, er hat Knechte und Mägde und viel Vieh.
Er hätte sich sogar einrichten können. Er besaß Gastrecht in dem Land, in dem er sich aufhielt. Er hätte…- aber das tat er nicht.

Eines Tages wusste er, was er zu tun hatte. „Geh aus deinem Vaterland und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde. So hörte er.
Abraham war zu der Zeit 75 Jahre alt. Auch wenn die Bibel andere Lebensspannen kennt heißt das, dass er kein Jüngling mehr war. Der gehörte Hinweis war also nicht irgendeine Jugendidee, ein Experiment ins Abenteuer wie es jungen Menschen zusteht. Es war eine Notwendigkeit, die sich dem gestandenen Mann aufdrängte. Als sagte die Stimme: du musst das tun, weil du mehr bist als es dir dein Vater vorgibt. Es beginnt mit dir etwas ganz Neues, also „geh aus deines Vaters Hause!“ Dein eigentliches Land wirst du erst noch finden, wie du auch das erst noch bekommen sollst, was dir noch fehlt und was du so sehnlich erwartest: einen Sohn, einen Nachkommen, einen Fortsetzer.

Das alles steht unter dem Segen. Es wird so zur Fülle: Das Land wird herrlich und reich, fruchtbar sein, und aus deinem Sohn wird ein Volk. So zahlreich wie die Sterne am Himmel oder der Sand am Meer. Das ist Segen: Land und Kinder. Das ist Reichtum. Wer diesem Segen sich entgegensetzt, der fällt in den Fluch. Dann gelingt nichts mehr. Das Leben ist ein Jammer, auch wenn man noch so vieles andere besitzt.

Abraham glaubte Gott und machte sich auf den Weg und auf die Suche.

Wenn es stimmt, dass wir nach der Verheißung seine Kinder sind, dass wir also die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meer sind – sind wir dann auch wohl Menschen von seinem Geist? Menschen von Abrahams Geist. Das ist die Glut, die wir in uns finden können, auch wenn sie angesichts unseres Alters schon fast ausgeglüht zu sein scheint.
An einem Festtag wie dem der Goldenen Konfirmation schaut man gerne zurück: Weißt du noch, fragt man und erinnert sich. Was haben wir nicht alles erlebt! Dass das nun schon 50 oder 60 Jahre zurückliegen soll! Andererseits: So, wie es jetzt aussieht, ist es gut. Die wohlverdiente Rente reicht mehr oder weniger, die Kinder sind schon lange groß. Vielleicht sind sogar Enkel oder Urenkel da. So wie es ist, ist es gut.

Nein! – sagt der Geist Abrahams. Geh! Geh aus deines Vaters Haus. Verlass wenn nötig die Bequemlichkeiten. Es kommt noch etwas. Ein Stück Weg liegt noch vor dir. Vielleicht ist es sogar noch das wichtigste Stück Weg, weil du von dem Alten und Vergangenen immer mehr loslassen kannst. Du darfst gar nicht soviel Gepäck mit dir herumschleppen. Du musst es ja schleppen! Du brauchst auch dein ganzes Sorgen-Gepäck nicht mehr. Mach dir nicht unnötige Sorgen! Aber geh! Gehe deinen Weg – bis ins gelobte Land!

Als wir 14 o. 15 waren, da haben wir wohl gedacht, dass das ganze Leben wie ein gelobtes Land vor uns liegt. Wir mussten es nur ergreifen und etwas aus ihm machen. Und das haben wir dann ja auch: wir haben gearbeitet, geschafft, mal mit weniger, mal mit mehr Erfolg.
Jetzt merken wir, dass es um solche Erträge eigentlich gar nicht geht. Es war gut so,- aber der Weg führt noch weiter. Es war noch nicht das Ziel.
Alles, was ich gesammelt oder erworben habe, muss ich auch wieder loslassen. Das muss nicht bitter sein. Es kann auch wie eine große Befreiung wirken. Je freier ich werde, desto lieber gehe ich auf meinem Weg, auf dem Lebensweg voran. Dabei sehe ich so viel Schönes und so vieles, was ich noch zu beenden und abzuschließen habe. Vieles, das zu vollenden ist..

Alles steht unter dem Segen. Solange ein Mensch geht und sich bewegt, ist er gesegnet. Erst wenn sich nichts mehr tut, schläft auch der Segen ein. Diese Lebensenergie der Bewegung ist die eigentliche Glut. Und da ist ein Gott, der lockt und lockt und lockt. Der ins Leben verlockt. Komm, Abraham, sagt er dem Alten. Es gibt noch so manches, das ich dir zeigen will.

Und Abraham glaubte Gott und ging.
Wir sind Abrahams Kinder. Wir sind in ihm gesegnet. Gehen wir also weiter. Es wird ein Segen sein.

AMEN

Samstag, 2. Mai 2009

NOAH - oder Schutzräume in Weltuntergängen

Noah - Hinweise für Konfirmanden und Konfirmandinnen und nicht nur für
diese


Liebe Jungen und Mädchen, liebe Gemeinde,

wir zählen auch diese Predigt zu den Glutpredigten. Da es schon länger her ist, dass ich erklärt habe, was wir unter einer solchen Glutpredigt zu verstehen haben, jetzt noch einmal ein Versuch.

In der Bibel stehen ziemlich alte Geschichten. In der Bibel ist damit altes Traditionsgut der Menschheit gesammelt, das allerdings für alle Menschen eine nicht unerhebliche Wahrheit aufbewahrt. Diese Wahrheit können wir uns wie eine Glut vorstellen. Ein Gluthaufen schwelt vor sich hin, fast ausgelöscht, fast vergessen. Hin und wieder aber wird eine solche Glut auch wieder zum lodernden Feuer. Wenn die Menschen Feuer brauchen, erinnern sie sich: da war doch etwas! Davon habe ich doch schon einmal gehört!

Die Geschichte von Noah gehört zu diesen Gluterzählungen. Sie ist schon in Kindergärten beliebt. Viele Bilderbücher erzählen von Noah, der Arche und dem Regenbogen, und man kann alles das auch gut in eigene Bilder fassen. Millionenfach ist diese Geschichte so schon von Kindern gemalt worden und hat sich so in den Köpfen festgesetzt.

Diese Geschichte steht aber nicht nur in der Bibel. Ca 250 mal wird sie in unterschiedlichsten Versionen in allen möglichen Kulturen überliefert, verstreut über die ganze Erde.

Alle Menschen haben offensichtlich so etwas wie eine ganz tief sitzende Urangst, dass ihre Welt einmal untergehen könnte. Nicht nur der Einzelne ist bedroht, sondern die Menschheit als Gattung. Wir könnten auch sagen, dass es eine überall schwelende Angst gibt, dass die ganze Schöpfung rückgängig gemacht werden könnte.

Das verdrängt der Mensch natürlich gerne. Nur bei großen, zumeist von Menschen verursachten Krisen oder Katastrophen erinnert man sich. Wie kann es sein, dass alles sang- und klanglos einfach so untergehen soll oder den Bach hinuntergeht, wie wir sagen?

Das passiert nicht, weil die Menschen grundsätzlich d.h. von Grund auf böse sind. Das sind sie nämlich nicht. Das passiert auch nicht, weil die Menschen gar nicht anders können. Sie könnten anders. Aber es passiert, weil die Menschen unter bestimmten Bedingungen so bösartig werden, dass die Schöpfung nur noch geringe Chancen hat. Es passiert, wenn die Menschen verführt werden, oder sie sich verführen lassen. Dann treibt alles in den Untergang, wie in den furchtbaren Kriegen des vergangenen Jahrhunderts, und heute scheint es ähnlich, wenn man den Krieg gegen die Umwelt bedenkt.

Dann erinnert man sich und fragt: da war doch was? Wie war das mit Noah?

Noah hatte eine Arche gebaut. In der wurde er gerettet, er und seine ganze Großfamilie und von allen Tierarten ein Paar. So konnte die Schöpfung später noch einmal neu beginnen.
Was dann neu begann, war nicht besser als das, was vorher gewesen war. Die Menschen sind die gleichen, vor der Flut und nach der Flut. Aber Gott hat sich geändert. Gott ist gnädiger geworden. Es ist, als hätte Gott jetzt erst - nach dem Sündenfall - erkannt, dass auch er mit einer defekten Welt leben muss. Deshalb verspricht er mit dem Zeichen des Regenbogens, dass er, Gott, die Welt nicht mehr zerstören wird.

Die Menschen aber können sie freilich sehr wohl noch zerstören und erst in unserer Zeit haben sie mehr als je zuvor auch die Mittel dazu. Die Menschen können es, wenn sie nicht doch noch von dem einstmaligen Entschluss Gottes lernen und sich selbst besinnen.

Katastrophen gibt es ja nun wirklich genug. Es gibt also auch genug Material, an dem wir üben könnten, die Welt zu retten.
Gerade wenn man 13,14 oder 15 Jahre alt ist, scheint die Welt oft wie eine einzige Katastrophe. Man fühlt sich zuhause nicht mehr richtig wohl. Die Schule bringt es erst recht nicht. Man fühlt sich oft noch nicht einmal in sich selber, in der eigenen Haut wohl.
Alles ist eine einzige Katastrophe,- aber untergehen soll darin ja niemand. Jedenfalls will Gott das nach unserer Glutgeschichte nicht.

Was ist also eure Arche?
Gibt es so etwas wie einen Ort, eine Höhle, in die man sich zurückziehen kann wie in einen Kokon?

Vielleicht ist es euer eigenes Zimmer, in das niemand eintreten darf, es sei denn mit eurer Erlaubnis.
Vielleicht ist es ein guter Freund oder eine Freundin? Vielleicht auch eine ganze Clique, die jeden Blödsinn mitmacht.

Eine Arche braucht jeder Mensch. Eine solche ist eigentlich kein Rückzugsort, kein heiles Örtchen in einer unheilen Welt, sondern vielmehr ein Aufbewahrungskasten für eine neue Geburt. Das Kästchen, in dem Moses im Nil überlebt, wird mit demselben Wort bezeichnet wie die Arche Noahs.

Eigentlich sollte und wollte auch jede Kirche eine Art Arche, ein Widerstandsnest, sein. Deshalb nennt man sie ja auch manchmal „Kirchenschiff“. Leider haben das die meisten Menschen vergessen. Vielleicht brauchen sie sie noch einmal ganz dringend – wer weiß? Wer weiß, wofür Gott noch einmal gut sein muss?

In der Geschichte von Noah hören wir jedenfalls, dass Gott die Arche von außen verschlossen hat. Das hat er ganz fürsorglich getan. Ähnlich könnten wir es für uns verstehen: Gott selber birgt uns in unserer Arche. Welche auch immer es sein mag.

Es kommt dann allerdings auch die Zeit, in der man die Arche wieder verlassen muss. Noah hatte das große Glück, dass er im richtigen Moment den bunten Regenbogen als Hoffnungszeichen sah. Er begriff sofort, dass das nur ein Friedenszeichen sein konnte. Der Regenbogen sah – nach den damaligen Modellen eines Kriegsbogens – wie ein entspannter Bogen, ein abgelegter Bogen aus. Der Regenbogen sagte Noah, dass Gott den Kriegsbogen beiseite gelegt hat und ihn zum Friedenszeichen gemacht hat.

Also: Wenn man hinausgeht, nach einer Zeit des Rückzugs, nach einer Zeit der bewussten Untätigkeit, weil alles Tun die Situation nur schlimmer macht, wenn die Katastrophe also vorbei ist und man hinausgeht,- ist alles anders geworden. Die Welt ist eine andere und vor allem man selbst ist ein anderer. Man sieht alles mit neuen Augen, auch und gerade sich selbst. Es ist der Sinn einer jeden Arche, dass man in ihr zu sich kommt, dass man groß wird und erwachsen.

Noch einmal: Die Arche will nicht zu einem bequemen Nichtstun verleiten. Man muss alles tun, um Katastrophen zu verhindern. Aber manchmal stellen sie sich trotz aller Gegenaktivität ein. Dann braucht man seine Arche. Dinge, die einem Kraft geben, Schutzräume, die Überleben helfen.

Das Wichtigste aber ist, dass wir nach jeder persönlichen oder allgemeinen Katastrophe lernen, neu und anders weiter zu leben. Die alten Strategien haben ja nicht wirklich geholfen.

Gott will, dass die Menschen und dass die Welt lebe. Dazu stärkt er jede Friedensaktivität und jeden Schutzraum, wenn er denn nötig ist.

Das sagt uns die alte Glut der Noaherzählung – und so segnet uns Gott, wo immer wir die Arche entdecken.

AMEN

Sonntag, 26. April 2009

Kain und Abel

Kain und Abel - Ein Brudermord am Anfang der Kultur
Genesis 4


Liebe Gemeinde,

nach dem biblischen Mythos wurde zunächst ein Mensch erschaffen: Adam, der Mensch.
Dann spürte dieser eine Mensch bald, dass ihm ein gleichwertiges und gleichgewichtiges Gegenüber fehlte. Er hatte wohl Tiere. Die konnte er benennen und beherrschen. Aber es fehlte ihm das Gegenüber auf gleicher Augenhöhe. Es fehlte ihm gewissermaßen das Spiegelbild, in dem er sich selbst begegnen konnte und in dem er sich auch selbst erkennen konnte. Diesen Mangel empfand der Mensch – und Gott fand das auch.
Deshalb teilte Gott den einen Menschen im Schlaf in zwei Teile, in Mann und Frau. Er setzte so dem „isch“, dem Mann, den es durch die Teilung jetzt erst gab, die „ischah“, die Frau oder die Männin gegenüber. Den alten Adam gab es jetzt nicht mehr. Er war ein anderer geworden. Er war durch Eva zum Mann geworden, wie die Eva durch ihn zur Frau wurde. Dem Mann eine Gehilfin und der Frau einen Gehilfen. So sollte es im Idealfall sein. So war es gedacht.

Es ist aber nicht immer so. Der Mann oder die Frau ist dem anderen bei weitem nicht immer Gehilfe. Es kann so weit gehen, dass der eine dem anderen ein Mörder wird. Brudermörder, Schwestermörder, Gattenmörder. Das ist auch eine menschliche Erfahrung und sie wird früh in der menschlichen Geschichte gemacht. Fast ganz am Anfang schon. Es könnte ein solcher krimineller Akt die Grundlage der Kultur sein. Kultur ist die Entgegnung zu einem solchen Verbrechen.

Kain und Abel, die Söhne von Adam und Eva, sind dieses Täter – Opfer – Paar des Anfangs.
Der eine ist ein Ackerbauer. Es ist Kain. Er arbeitet hart, kämpft mit der Erde. Er schuftet im Schweiße seines Angesichts, ganz wie es das Fluchwort aus dem verschlossenen Paradies sagt. Kain ist der Ältere, der Erstgeborene. Eva bejubelt diesen Sohn nach der Geburt. Kain besitzt bereits eine gewisse Kultur. Ackerbau ist Kultur – und vom Namen „Kain“ her ist er auch wohl eine Art Schmied, ein Techniker. Später wird er sogar eine Stadt gründen. Aber soweit ist es noch nicht.

Der andere Sohn, Abel, ist Hirte. Er wird als 2. Sohn in gewisser Weise mal eben so in die Familie hineingeboren. Eva verliert kein Wort über ihn, als wäre er nicht der Rede wert. Sein Name bedeutet soviel wie „Hauch“, man könnte auch sagen „kleiner Furz“.
Abel hat es irgendwie leichter im Leben als Kain. Er liegt auf der Wiese bei seinen Schafen, bläst Flöte, guckt in den Himmel und lässt die Hunde für sich arbeiten. Es gelingt ihm auch irgendwie alles. Das nämlich bedeutet die Aussage der Bibel: „der Herr schaute gnädig auf sein Opfer“. Es gelingt ihm alles. Trotz der unbedeutenden Anfänge – oder gerade wegen ihnen – ist er ein Sonnenkind.

Kain hat es schwerer. Manchmal gelingt ihm rein gar nichts. Es geht nichts mehr. Selbst Gott scheint an ihm und seinem Opfer vorbei zu schauen. Das ist bitter.

Warum beide so ungleich sind, oder warum ihnen so Ungleiches widerfährt, wird nicht erzählt. Es ist einfach so. Aber die Frage, warum oder mit welchem Recht das so ist, ist auch nicht so wichtig. Wichtiger ist, was daraus wird.

Kain wird bitter. Er kann seinen Bruder noch nicht einmal mehr in die Augen schauen. Er kann sogar noch nicht einmal mehr geradeaus in die Welt schauen. Er sieht niemandem mehr ins Gesicht. Er starrt nur noch nach innen. Da brodelt es: Eifersucht, Neid, Hass, Wut… es dampft und zischt wie in einer Hexenküche. Die Bibel schiebt an dieser Stelle einen fast unverständlichen, verstümmelten Satz ein, als begänne Gott selbst gegenüber dem verfinsterten Kain zu stottern. Vermutlich ist es so etwas wie eine Warnung, die da aus Gottes Mund kommt: Pass auf! Die Sünde lauert vor der Tür!

Aber Kain passt nicht auf. Er lässt seine Wut laufen. Aus Todeshass wird ein Mordplan. Wo keiner etwas sieht, auf dem Acker, auf dem Terrain des Kain, das er genau kennt, erschlägt er den „Furz“ – und dessen Leben ist vorüber wie ein Hauch. Abel, der Bruder, ist tot.

Vielleicht fällt uns bei diesem Brüderpaar das andere namenlose Brüderpaar aus dem Lukasevangelium ein. Da bekommt auch ein Jüngerer vom Vater anscheinend alles geschenkt, und der Ältere schuftet auf dem Feld. Der verbittert auch, aber ermordet hat er seinen Bruder nicht. Noch nicht! Der Vater ging hinaus und redete mit ihm. Wie es ausgeht, wissen wir nicht.

Bei Kain und Abel redet Gott, der Vater, auch noch einmal mit dem Älteren, aber da ist es schon zu spät. Deshalb sind die Sätze Gottes jetzt auch wie Keulenschläge: Wo ist dein Bruder? Wo?
Soll ich etwa des Hirten Hüter sein, antwortet Kain keck. Bin ich für ihn verantwortlich? Soll ich immer noch auf den Kleinen aufpassen?
Wir wissen, dass das infame, lügnerische Fragen sind, hinter denen Kain sich ja nur verbirgt. Er hat ja wirklich nicht aufgepasst. Nicht auf den Bruder und noch nicht einmal auf sich selbst.
„Sein Blut schreit zum Himmel“. Das ist der nächste Keulenschlag Gottes.
Gott übersieht nichts. Er lässt sich nicht täuschen. Man kann ihm nichts verbergen und es bleibt nichts verborgen.

Kain steckt in seiner Schuld fest. Nach der Weltordnung muss das Blut gerächt werden. Kain wird in Zukunft ein Getriebener sein. Er irrt umher. Einen Bruder hat er nicht mehr. Wer seinen Bruder tötet, der hat eben auch keinen Bruder mehr. Er muss ohne einen solchen auskommen. Die Erde ist durch das Blut entweiht. Sie wird ihre Frucht verweigern.

Damit kann ich nicht leben! schreit Kain. So nicht! Jeder hat ein Recht mich zu töten und in der Fremde kann ich alleine nicht überleben.
Doch! sagt Gott. Du wirst so leben müssen! Du bist gezeichnet, gebrandmarkt. Die Schuld bleibt. Du musst als Schuldiger leben. Aber dieselbe Zeichnung, die dich mahnt und aussondert, schützt dich auch. Keiner soll dich töten dürfen! Blutrache ist keine Lösung. Todesstrafe soll nicht sein! Das ist eine neue Weltordnung: Wer dich tötet, der soll unter einem siebenfachen Fluch stehen.

Kain lebte dann gezeichnet bis an sein Ende. Er war verändert durch seine Tat und die Folgen. Er bekam Kinder, denen er eine Stadt gründete, die er nach seinem Sohn Henoch benannte. Der gezeichnete, schuldige Mensch wurde der Urvater der Kultur. Als hätte seine Untat diese erst möglich gemacht. Denn worin bestand diese Kultur? Nicht nur in der Stadtgründung, sondern darin, dass er lernte, hinfort auf sich selbst, auf seine Seele aufzupassen. Die Sünde lauerte ja immer noch vor der Tür.

Wir wissen jetzt auch, was die eigentliche Ursünde ist: Eifersüchtig sein, neidisch sein, begehren – und das geradezu so tief in sich verbergen, es geradezu nicht erkennen und benennen wollen, bis das Herz wirklich zur Mördergrube geworden ist. Es ist keine Sünde, dass solche Gedanken in uns sind. Sie sind unwillkürlich da. Aber dass man sie auswachsen lässt, was man aus ihnen macht - das ist Sünde.

Die Menschen sind verschieden. Das ist so! sagt die Bibel. Pass also auf, dass du deshalb nicht zum Mörder wirst – und Mörderschaft gibt es auch ohne Blutvergießen. Pass auf die Regungen deines Herzens auf! Kannst du noch offen und klar in die Welt schauen oder beginnst du schon den Blick zu senken. Dann wird es gefährlich. Pass auf!

Was hat das mit uns zu tun? Sitzen etwa Mörder unter uns? Wohl kaum. Aber potentiell sind wir alle gemeint. Die mörderhaften Regungen: Neid, Eifersucht, Missgunst, Gier und Begierde, kennen wir alle. Was das bedeutet und worauf wir zu achten haben, möchte ich an einer Geschichte verdeutlichen.

Die deutsch-tschechische Jüdin Ilse Weber hat in den 30iger und 40iger Jahre Gedichte, Lieder und Briefe verfasst, die vor kurzem veröffentlicht wurden. Von Beruf war Ilse Weber Kinderkrankenschwester. Sie hatte zwei Söhne, von denen sie den Älteren im Alter von 8 Jahren zu einer Freundin nach England in die Sicherheit schicken konnte. Er wurde gerettet. Die übrige Familie wurde in Theresienstadt und Auschwitz ermordet. In den Briefen an die Freundin und an ihren Sohn in England schildert Ilse Weber ganz schlicht und einfach, aber unglaublich beeindruckend und berührend, was und wie sie als Mutter und Jüdin im Naziherrschaftsbereich erlebt und empfindet – und was sie schließlich nicht mehr empfindet, weil es in ihr schon abgetötet worden ist. Ich frage mich, wie damals die Menschen, die dieses Leid verursachten oder mitansahen oder eben wegsahen, nicht empfinden konnten, was wir heute empfinden, wenn wir die Texte hören? Wie kann man so abstumpfen, dass man nicht mehr empfindlich ist für das Leid, das man selbst verursacht oder auch nur in Reichweite geschehen lässt?! Wo ist dein Bruder oder deine Schwester? Die Antwort ist immer noch: Ist mir doch egal!

Was ist die innere Glut, die uns heute die Geschichte von Kain und Abel vermittelt? Es ist nichts als der schlichte Rat: Pass auf deine Seele auf! Die Sünde lauert vor der Tür – zumal wenn du beginnst, neidisch zu werden. Und neidisch wirst du oder bist du, denn immer wird es einen geben, der es vermeintlich leichter hat als du, und den du zu einem Sündenbock machen kannst für alles, was in deinem Leben nicht rund läuft. Vor 60 oder 7o Jahren waren das die Juden, heute sind es andere, die zu Aussenseitern gemacht werden.

Wenn du Neid und Gier-Gedanken in dir spürst, dann senke den Blick nicht verstohlen nach unten, um den Gedanken noch mehr Raum in dir zu geben. Guck vielmehr hoch – und spuck es aus. Sprich die Gedanken aus – und sie werden wie Eis an der Sonne schmelzen.

So hältst du dein Herz rein und es wird nicht zur Mördergrube, auch wenn das Böse von Zeit zu Zeit hindurchzieht. Auf das reine Herz kommt es an. Das ist Kultur.

AMEN

Montag, 20. April 2009

Paradis und Fall

Das Paradies - und der Fall aus dem Garten Genesis 2 u.3


Liebe Gemeinde,

einmal erschien zu Pfingsten ein Spiegel mit dem Titelthema „Das Paradies“.
Demnach behaupten einige Forscher neuerdings, dass es in ältester Vorzeit im kurdischen Bereich des Irak eine Art paradiesischer Kultur gegeben haben müsse. Die Menschen hätten dort große Tempelanlagen gebaut und von geradezu unerschöpflichen wilden Tierbeständen gelebt. Dann sei durch einen Klimawandel und durch Erschöpfung der Tierbestände an die Stelle des Paradieses eine Ackerbaukultur getreten, die von mühsamer Arbeit geprägt gewesen sei. Spuren dieser Zustände und Ereignisse hätten sich im biblischen Bericht vom „Garten Eden“ erhalten.
Das Paradies war also demnach eine Art Schlaraffenland, in dem den Menschen der gebratene Ochsen in den Mund fiel.

Wenn Familien bei IKEA einkaufen gehen, können sie die Kinder im „Kinderparadies“ abgeben, um sorglos und störungsfrei aussuchen und einkaufen zu können.
Das Paradies ist also dort eine Art Spielgarten.

Vor kurzem bekam ich einen Stereo-Viewer geschenkt. Durch eine besondere Folie kann man dreidimensional in eine paradiesische Karibikkulisse hineinschauen: türkisfarbenes Meer, weißer Sand, Palmen und zwei Liegestühle, die aufs Meer und in den blauen Himmel schauen lassen.
So malt uns eine Tourismusindustrie das Urlaubsparadies.

Daneben gibt es auch noch das Steuerparadies, das keine Abgaben oder sonstige unangenehmen Verpflichtungen kennt. Ein Paradies, das neuerdings ins Gerede gekommen ist.

Von welchem Paradies spricht eigentlich die Bibel? Und was sagt uns die biblische Vorstellung vom Paradies über den Menschen?
Alle Fragen, die mit dem Paradies zusammenhängen, gehören zu den Urfragen der Menschheit.

Menschheit!
Adam und Eva sind nicht historische Einzelpersonen, sondern sie sind die Menschen schlechthin. Was diese beiden erleben, erleben alle zu jeder Zeit. Also auch ein jeder von uns.

Die Bibel erzählt nun, dass Gott den Menschen einen Garten gegeben habe. Dieses Wort „Garten“ würde in der griechischen Übersetzung der Bibel mit dem altiranischen Wort „Paradies“ wiedergegeben.
Der Paradiesgarten bestand aus einem umzäunten Raum. Es war ein beschützter und beschützender Bereich. Das Wort „Gart“ ist mit den Wörtern Gürtel und Gurt verwand. Garten ist also ein zusammenhaltender, behütender Raum. So etwas wie ein Gürtel Gottes, oder auch eine hohle Hand Gottes.
„Gart“ taucht auch in vielen Frauennamen auf, wie Irmgard, Hildegard oder Friedgart etc.
Vielleicht können wir deshalb auch sagen, dass es in diesem Garten wie in weiblich-mütterlicher Obhut war. Alles stand in Übereinstimmung. Es war ein Raum, der Heimat und Geborgenheit vermittelte – und das nicht nur äußerlich, sondern auch bewusstseinsmäßig, innerlich.
Dieser Garten war die ganze Welt, soweit der Horizont reichte.
Er hatte eine Mitte, von der aus vier Flüsse wie Weltachsen in die vier Himmelsrichtungen ausströmten.
In der Mitte aber stand ein Baum.

Dieses dargelegte Bild ist eine mythisch-kultische Konstruktion, die ganz wesentlich für die Menschen ist. Es ist von einer mythischen Kartographie, die zugleich eine seelische Kartographie des Menschen abbildet.

Wenn die alten Völker, z.B. die Etrusker, eine Stadt gründeten, suchten sie zuerst eine Mitte. Dort in der Mitte dachte man sich die vertikale Weltachse, die Himmel und Erde und sogar auch noch die Unterwelt miteinander verband. Dort war die Erde wie an einer Nabelschnur mit dem Himmel verbunden. In dieser Mitte stand der Weltenbaum oder Lebensbaum, der im Stamm Himmel und Erde zusammenhielt und in dessen Krone sich der Himmel verfing.
Von dieser Mitte gingen die vier horizontalen Weltachsen aus, die die Stadttore und die vier Himmelsrichtungen bestimmten.

Die Mitte war unverfügbar. Sie war die Voraussetzung für jedes Leben. Von ihr aus lebte der Mensch. Diese Bindung gab seinem Lebensraum erst Bestand. So ermöglichte sie das Leben. Die Mitte war ein mythischer, symbolischer Ort.

Ein solches Denken bestimmt auch den biblischen Text vom Garten Eden. Wir verstehen jetzt, warum Adam und Eva alle anderen Bäume und Früchte im Garten berühren und essen durften, aber diesen einen in der Mitte, der zwei Namen trägt – Baum des Lebens und Baum der Erkenntnis – nicht. An diesem Baum war Tod und Leben geknüpft. Dieses Unverfügbare sollten sie nicht in die Hand nehmen. Das sollten sie sich nicht einverleiben, weil es eben draußen, als Vorgängiges, als Voraussetzung des Lebens bestehen bleiben musste. Es war das Gesetz des Lebens, das zu respektieren war, wenn man mit Gott und der Welt in Übereinstimmung leben wollte.

Dieses „ auf eine Mitte ausgerichtet sein“ ist also etwas schöpfungsgemäßes. Es bedeutet, dass es eine heilige, unverfügbare Mitte geben muss, die wir ein Leben lang suchen. Wir möchten den Kern von allem finden und das, was alles zusammenhält.
Selbst die Galaxien rotieren noch um ein schwarzes Loch in der Mitte. Auch diese Mitte ist unverfügbar, unberührbar. Jeder Zugriff würde in ihr verbrennen, er wird verschluckt.
Nicht wir nehmen die Mitte in unsere Hand, sondern sie uns. Unter ihren Bedingungen haben wir zu leben. Wir haben der Mitte nichts vorzuschreiben.

Die Mitte, der Kern alles dessen, was ist, ist gewissermaßen auch das Tor zum Jenseitigen, zur Transzendenz. Diese vorausgesetzte Mitte finden wir tatsächlich in allem. Nicht nur im Großen, im Kosmos oder im Sonnensystem, sondern auch im Kleinsten, im Feinsten, in dem, was gar nicht mehr stofflich ist. Wir finden sie gerade in der Psyche, in der Seele.
Jeder Mensch besitzt eine unverfügbare Mitte, ein Herz, auf das hin er gespannt ist, und in dem ihm Gott näher ist, als er sich selbst je sein könnte.
Wehe, man verletzt die Mitte eines Menschen! Wenn man ihn ins Herz trifft, tötet man ihn, seelisch.

Auch jede Beziehung zwischen Menschen hat eine solche Mitte. Die Menschen sind als Beziehungswesen geschaffen. Es sind zumindest immer zwei: Adam und Eva. Die Mitte ist das Unverfügbare im anderen, die unverfügbar sich auch in der Beziehung abbildet, wenn diese eine wirkliche Beziehung und eine lebendige sein soll. Die Unverfügbarkeit macht die Beziehung reizvoll.
Alles Verfügbarmachenwollen ist nur Bemächtigung und zerstört letztendlich.

Wir verstehen jetzt, warum Gott verboten hat, die Mitte des Gartens anzutasten. Es ist kein autoritäres Verbot, das dem Menschen das Schönste vorenthalten will. Gott will sich keine überlegene Macht sichern oder den Menschen abhängig und unmündig halten. Solche Kategorien von Über- u. Unterlegenheit sind noch gar nicht denkbar.
Es ist die Struktur der Wirklichkeit, der Schöpfung, die hier geschützt wird. Unsere eigene Voraussetzung sollen wir nicht in die Hand nehmen, wir sollen sie– mental und haptisch - nicht begreifen oder uns gar selbst einverleiben wollen. Sie bleibt uns vorausgesetzt Wir zerstören uns selber, wenn wir das Unverfügbare zerstören, indem wir es einholen wollen. Leben oder Tod – es hängt davon ab, ob das Unverfügbare als solches geachtet bleibt.


Die Menschen haben nun aber doch an die Mitte gerührt. Und sie tun es noch und immer wieder. Der Mensch ist haptisch. Es reizt uns, alles in die Hand nehmen zu wollen: auch Gott, auch das Nichts oder die Leere, die jedem Sein eingezeichnet ist und es oft erst mit Sinn erfüllt - wie das Loch, oder den Topf, wie die Tür oder das Rad -, auch die schwarzen Löcher des Kosmos, die diesen erst konstituieren, auch das Verborgene und Geheimnisvolle in der Seele, auch das Leben und den Tod, auch die Quelle des Lebens, die Weltachse, den Lebensbaum, die Nabelschnur. Wir wollen alles wissen, das ganze Wissen haben, Gut und Böse – was additiv nur ein anderer Ausdruck für „alles“ ist. Wenn wir Gut und Böse wirklich unterscheiden und scheiden und das Böse als Böses etikettieren, sind wir in einem rein quantitativen Sinn tatsächlich weiser geworden als wenn wir alles nur als „gut“ begreifen, wie es das Schöpfungsurteil Gottes vorgesehen hatte. Was das allerdings bedeutet, in diesem Sinne weise zu sein, zeigt uns die Bibel an einem drastischen Beispiel:
Die Menschen waren nackt, bevor sie die Mitte berührten – und es war gut so. Jedenfalls hören wir es nicht anders. Nachdem sie allerdings die Mitte berührt hatten, war das Gleiche nicht mehr „nur“ gut. Es war auch böse. Es war ambivalent geworden. Und sie schämten sich – ein bislang unbekanntes Gefühl. Und sie versteckten sich – ein bislang unbekannter Ort. Sie „wussten“ das alles. Sie kannten jetzt „das Ganze“. Sie wussten jetzt mehr als vorher,- aber war das Wissen noch gut? Tat es ihnen gut? Die Erfahrung dieses neu erworbenen Wissens ist immer bitter, sie ist selber böse.

Die Bibel redet von diesem grenzüberschreitenden Tun übrigens nicht als Sünde. Es ist Ungehorsam gegenüber Gott und zugleich Ungehorsam gegenüber sich selbst, gegenüber dem Charakter des Menschen, der sich selbst begrenzen sollte, wie sich Gott in seiner Schöpfung selbst begrenzt hat. Es ist keine Sünde im moralischen Sinn, es ist die Grundabständigkeit von Gott, anders eben als Gott selbst ist. Auch ist die Sünde nicht durch dieses Tun gewissermaßen magisch auf alle Folgenden vererbt worden. Wohl aber wird diese Grundabständigkeit von allen Folgenden ebenfalls vollzogen. Ein jeder, eine jede versucht die empfindliche und fragile Mitte zu berühren. Der mythische Text der Bibel will aber die Existenz des Menschen erhellen helfen und die sich daraus ergebenden Fragen der Menschen beantworten: Warum ist der Mensch und das menschliche Leben so tragisch und tödlich begrenzt? Warum folgt aus der versäumten Selbstbegrenzung eine Verfehlung des ganzen Lebens, warum entstehen Mühe und Leid und Tod? Warum ist der Garten verschlossen und warum findet sich nur ein verschlossenes Feld der Erde vor?
Die Antwort lautet: Weil der Mensch an die Mitte rührt. Weil er sie sich verfügbar machen will, statt sie verfügen zu lassen. Er weiß jetzt das Ganze und er will es wissen, aber er muss es jetzt auch tragen. Das Leben selbst ist ambivalent geworden. Auch unter dem Guten steckt das Böse. Eine zweite Ebene ist aufgetan, die Last und mühsame Aufgabe ist und bleibt.

Die Menschen haben an die Mitte gerührt und sie rühren weiter an sie auf verhängnisvolle Weise. Die Menschen machen sich Menschen in Beziehungen verfügbar, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Sie ziehen Gott in ihre Verfügbarkeit, indem sie vor allem selbst an seine Stelle treten. Sie respektieren das Heilige nicht, lösen die Mitte in lauter Relativismen auf. Sie holzen den Baum des Lebens ab und plündern ihn. Sie unterscheiden nicht mehr nur Gut und Böse, sie erklären selbst, was gut und was böse ist.
Und immer noch verlieren sie deshalb das Paradies, wenn sie es auch noch so sehr suchen und ersehnen. Sie erschaffen sich deshalb aus Not und Orientierungslosigkeit Ersatzparadiese: Schlaraffenländer, in denen man alles umsonst bekommt wie im Kurdistan der Vorzeit. Im Garten Eden aber arbeitete der Mensch. Er lebte auch nicht von getöteten Tieren. Er bebaute und bewahrte, und vielleicht war ja gerade das das Paradies, dass man sinnvoll arbeiten konnte, weil man in der Arbeit die Schöpfung bewahrte, indem man ihre Mitte, ihre Voraussetzungen achtete.
Oder man errichtet Kinderparadiese wie bei Ikea, obwohl dort kein Kind lange bleiben will. Die Kinder spüren, dass sie um eines Kaufinteresses willen manipuliert werden sollen.
Und die Urlaubsparadiese? Meistens sehen die Menschen nach einem Aufenthalt dort gar nicht so aus als seien sie im Paradies gewesen. Sie erscheinen eher gestresst oder gefoppt.
Die Steuerparadiese aber sind so wie so nur Tummelplätze für Raff und Gier, Geiz und Co.
Und selbst ein nur jenseitiger Himmel, das sog. Himmelreich, ist wohl nur ein Ersatzparadies für das, was auch hier, diesseitig, schon erfahrbar sein müsste.

Solange die Menschen ausgreifen zur Mitte, solange sie sich das Unverfügbare verfügbar machen wollen, anstatt sich von der Mitte ergreifen zu lassen und sich der Mitte selbst zur Verfügung zu stellen, solange verpassen sie das Paradies.

Dabei können wir allerdings letztlich die Mitte gar nicht erreichen. Es ist nur der Versuch, der bereits schadet, und es ist eine ungedeckte Einbildung, die die Menschen auf den falschen Weg treibt. Wir können die Mitte gar nicht wirklich erreichen, denn ein Cherub steht vor dem Tor- sagt der Mythos

Man könnte allerdings auch sagen, dass dann, wenn die Mitte respektiert ist, das Paradies schon begonnen hätte, sich zu verwirklichen. Das Paradies beginnt dann in uns, wenn die Seele bereit ist, respektvoll zu sein. Das ist freilich leichter gesagt als getan.

AMEN

Samstag, 11. April 2009

Ein neuer spiritueller Weg ... auf dem österlichen Weg nach Emmaus

Die Auferstehung ... in Emmaus Lukas 24
Eine andere Art eines "Osterspazierganges"

Liebe Gemeinde,

als vor einigen Jahren Papst Johannes Paul II. gewissermaßen in aller Öffentlichkeit starb, fand ich es verwunderlich, wie ungebrochen man von seinem Weiterleben nach dem Tode sprach. Es schien mir, als würde im Geschick des Papstes das ganze Drama von Leid, Tod, Auferweckung und Neuem Leben ansichtig gemacht. Es wurden immer nur wenige Worte gesprochen, aber sie saßen wie Hammerschläge. Die offizielle Todesnachricht lautete: „Heute Abend um 21.37 Uhr ist der Heilige Vater heimgekehrt ins Haus seines Vaters.“
Das erinnert fast an die Geschichte vom Verlorenen Sohn, der aus der Fremde und dem Elend heimkehrt zu seinem Vater.
In der Trauer-Predigt sagte Kardinal Ratzinger dann sinngemäß: „Vor 2 Wochen segnete der Hl. Vater ein letztes Mal urbi et orbi aus dem Fenster seines Palastes. Jetzt steht er am Fenster des himmlischen Palastes, im Hause seines himmlischen Vaters. Er sieht auf uns herab und segnet uns.“
Die Menschen, die das hörten, jubelten und klatschten. Dennoch ist das so gezeichnete Bild nicht ganz ungefährlich. Es sieht ja fast so aus, als stände Gott selber am Fenster und segnete.

Warum aber berührt und bewegt dieses Bild so viele Menschen?

Offensichtlich ist mit dem Tode dieses Papstes eine Epoche zu Ende gegangen. Jemand ist unwiederbringlich weggegangen. Die Zurückgebliebenen sind traurig und fragen sich, wie Nähe jetzt zu erfahren sein kann. Ist noch irgendetwas an Nähe überhaupt spürbar?

Der katholischen Kirche gelingt es, auch noch das Jenseitigste und das Heiligste zu symbolisieren und zu „materialisieren“. Es wird greifbar und fassbar und fühlbar. Das Jenseitige, Transzendente wird in die Welt geholt. Man kann es spüren und selbst Wind, Sonne und Schatten spielen in der Regie der päpstlichen Trauerfeier wie ein jenseitiges Eingreifen mit.

Die Gefahr besteht in solchen Fällen immer, dass man Irdisches vergötzt. Aber es liegt auch eine Chance in solcher Ungebrochenheit und Direktheit. Wir können spüren, was wir alle spüren wollen. Die Verbindung, der Kontakt zu GOTT, als der Kraftquell des Lebens, ist erfahrbar. Deshalb folgen Hunderttausende einem Papst. Hoffentlich werden sie nicht irre geleitet. Hoffentlich bleiben sie auf dem rechten Weg.

Die Frage, wie uns das Ferne und Jenseitige nahe kommen kann, wie wir es spüren können, wie es zur Kraft in unserem Leben wird, begegnet uns auch in dem österlichen Text der Geschichte aus Emmaus. Als diese Geschichte ins Lukasevangelium geschrieben wurde, war Jesus sicher schon 60 Jahre tot. Es war also die 2. u.3. Generation nach ihm, die sich fragte, wie man ihm jetzt nahe sein könnte. Die Menschen, die Jesus noch leiblich gekannt hatten, waren längst selbst tot. Jetzt aber fasste man die Lehre aus dem einstigen Geschehen in einer Geschichte zusammen. Es geht in ihr nicht darum, bloße Fakten zu berichten. Vielmehr wird eine Erlebensmöglichkeit aufgezeigt. So könnte es jetzt, heute, hier sein!

Wir sehen zwei Jünger wandernd auf einem Weg. Es sind zwei Menschen, zwei – keine Massen, aber auch kein Einzelgänger. Christentum vermittelt sich nur in der Gemeinschaft, im Gespräch miteinander. Das ist eine erste Beobachtung.

Dann ist diese Gemeinschaft auf dem Weg. Leben ist Gehen. Der gezeichnete Weg führt nicht nur von A nach B. Es ist der Lebensweg, wie wir alle ihn gehen. Was auf dem Weg geschieht, geschieht in den Grenzen von Raum und Zeit. Alles auf dem Lebensweg ist begrenzt durch den Tod und durch das Leid, das auf den Tod zuführt.

Mit solchen Gedanken werden die beiden Männer in Gesprächen beschäftigt sein. Und sie sind traurig. Sie reiben sich an der Grenze.

Nun aber tritt ein Unbekannter zu ihnen als wenn eine andere Dimension an sie heranträte. Der Unbekannte erklärt, dass dieses Leiden und der Tod Sinn machen. Es ist gar keine Grenze, vielmehr so etwas wie ein Durchgang. In sich scheint es sinnlos, aber es dient dem größeren Sinn des Lebens. Ins Leben will es verwandeln, dorthinein will es führen.
Jesus musste leiden. GOTT aber hat ihn auferweckt – heißt es im Text.

Ein Unbekannter oder ein Unerkannter zeigt unserem Leben, dem begrenzten, also erst einen wirklichen Sinn. Was wir hier konkret leben und erleben, erscheint plötzlich in einer neuen Dimension. Aber das merken wir nur, wenn wir tatsächlich auf dem Weg sind, wenn wir gehen, wenn wir lebendig unseren Lebensweg gehen. Man kann es nicht theoretisch erfassen. Man muss es erfahren, besser ergehen.

Was wir erfahren, ahnen wir mehr, als dass wir es wissen. Wir ahnen, dass unser Leben einmal vollendet sein soll. Wir ahnen, dass alles, was hier auf der Erde nur Sehnsucht war, nur Teil oder Fragment, einmal ganz sein soll. So geschieht es zunächst einmal, aber im Nachhinein – als sie schon wissen, dass es so ist – sagen die Männer: Brannte nicht unser Herz auf dem Weg? Haben wir es nicht geahnt, besser: intuitiv gewusst?

Das ist die Glut im Herzen! Ein Unbekannter, ein anderer Mensch und vielleicht manchmal auch ein Unbekanntes, ein Neues, ein Zentralerlebnis kann uns diese Glut erschließen. Wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind, da ist Jesus unter ihnen. Dann wird die Glut zum Feuer und die neue Sicht- u. Lebensweise tut sich auf. Zum Alltäglichen tritt die zugehörige spirituelle Dimension.


Nun gibt es aber nicht nur das Unterwegssein im Leben mit spiritueller Qualität. Am Wegesrand stehen auch Einkehrhäuser. Neben dem Alltag des Lebensweges - wie wir ihn alle Tage leben – gibt es auch das Haus des Sonntags. Besonders wenn es Abend wird, wenn es dunkel auf dem Lebensweg ist, können und wollen wir einkehren.

Auch die beiden Jünger tun das, und sie laden den Unerkannten ein, bei ihnen zu bleiben. Dann geschieht noch einmal genau das gleiche wie auf dem Weg. Wieder soll Bekanntes und Gewöhnliches einen anderen, tieferen Sinn bekommen. Man isst zu Abend. Das ist das Gewöhnliche und Bekannte. Als der Fremde nun aber das Brot bricht und es teilt, begreifen sie: hier ist mehr als nur ein Abendessen. Hier ist zugleich Gemeinschaft in dichtester Form, hier ist Einheit und Verbindung. Himmel und Erde verbinden sich. Alle und alles wird eins. Das Brot verweist.
Das ist der Herr – sagen sie.

Dazu also ist das Haus am Wege da. Man kann in ihm rituell und symbolisch, verdichtet feiern und erfahren, was einem auch im Leben begegnet. Alles bekommt einen anderen, einen tieferen Sinn. Der Ritus, das Symbol verweisen auf eine ganze Wirklichkeit.

Das Eigentliche und Entscheidende aber kommt erst jetzt. Nachdem der Fremde es ihnen auf dem Weg erklärt hat und nachdem sie es gemeinsam am Tisch erlebt haben, nachdem ihnen die Lehre erschlossen worden ist und die rituelle Feier des Erlebten vollzogen ist, ist der unerkannte Herr verschwunden. Vielleicht würden sie ihn ja gerade jetzt gerne festhalten. Sie würden ihn gerne verehren, immer noch mehr hören wollen und seine Worte und Handlungen tiefen. Aber als Gegenüber oder als ein Objekt ist der Herr nicht mehr nötig. Er ist vielmehr Subjekt in den Jüngern selbst geworden, ganz wie in Maria Magdalena am 1. Ostermorgen. Der Herr ist jetzt in ihnen, in ihrem Denken und Verstehen, in ihrem ganzen Erleben. Er ist einer von ihnen und sie sind ER.

Jesus festhalten zu wollen, ist gefährlich. Es macht abhängig, wie ein kleines Kind abhängig ist. Wer an etwas oder an jemandem klebt, wird nicht erwachsen.

Die Buddhisten sagen: „Triffst du Buddha unterwegs – d.h. triffst du den Lehrer, den Guru – dann töte ihn“. Damit vermeiden sie, abhängig zu bleiben. Sie tragen die Buddhaschaft wie jeder Mensch selber in sich.
Auch in unserer Geschichte verschwindet am Ende der Lehrer und Meister. Jetzt gilt es, selber ein Stück auf dem Weg voranzukommen. Die Männer wissen, dass Jesus lebt. Er ist auferstanden, wie sie das in ihrem Leben, in ihrer eigenen Auferstehung des neuen Verstehens der alten Tradition über Leid, Tod und Leben selbst erfahren haben. Sie können zu den anderen als Zeugen des Auferstandenen und der Auferstehung zurückkehren.

Auch wir sind Emmaus-Jünger. Auch wir suchen die Nähe zu Gott und zu Jesus. Zunächst suchen wir sie in der Begegnung mit dem, was uns von außen entgegenkommt. Das ganze Leben ist unser Material. Wir müssen es durchleben, bis es uns umgestaltet und zu veränderten Menschen macht. Jesus geht als Unerkannter an unserer Seite ein gehörig Stück mit.
Ebenfalls feiern wir das Mahl mit rein äußerlichem Brot und Wein, bis es in uns selbst zu neuem Brot und Wein wird. Bis wir selbst Nahrung und Freude, Nahrung und Feuer geworden sind.

Was nur äußerlich bleibt, gefährdet uns, weil es uns klein und abhängig macht. Wir werden uns schließlich selbst fremd und kommen nicht zu unseren erwachsenen Möglichkeiten. Es ist gefährlich ein Leben lang hinter heiligen Vätern wie hinter einem Guru herzulaufen. Wir sollen selbst väterlich und mütterlich werden. Wir haben nicht die Buddhaschaft, aber Christus in uns.
Die Emmaus-Geschichte zeigt uns ein spirituelles Programm: die Schriften und d.h. auch das alltägliche Leben verstehen und ihm den Sinn geben, das Mahl feiern als Verweis auf die ganze Wirklichkeit, selber Christus werden. Das sind die drei Schritte auf dem spirituellen Weg nach Emmaus
.

Das ist zugleich die elementarste Osterbotschaft: Christus ist auferstanden. Wir laufen hinter ihm her, weil wir selbst auferstanden leben. Christus ist nicht nur unter uns. Er ist in uns.

AMEN

Sonntag, 5. April 2009

Endlich eingezogen... Jesu Einzug am Palmsonntag

Endlich eingezogen in die Welt - Jesu Einzug in Jerusalem - Joh.12, Lk. 22

Liebe Gemeinde,

in einer der ersten Glutpredigten haben wir über den Auszug der Israeliten aus Ägypten nachgedacht. Über den Exodus, den Moses angeführt hat.
Da geriet eine Menge in Bewegung. Es ging geradezu um Bewegung. Ein Weg musste überhaupt erst gefunden werden und es war ein Fluchtweg. Israel machte sich bedrängt und bedrückt auf den Weg.
Ganz entscheidend war der Aufbruch. Nur weg aus der Sklaverei! Aber wohin? Niemand wusste das genau. Jedenfalls führte der Weg nicht direkt ins Paradies, sondern in mancherlei Mühsal hinein. Aber er führte in die Freiheit. Gott war dabei, und er war in dem Weg – als Wolke oder als Feuersäule.

Auch am heutigen Palmsonntag geht es um einen Weg und um Bewegung. Aber es ist jetzt kein Auszug, keine Flucht mehr, sondern ein Einzug, ein Ankommen, auch wenn es gar nicht in 1. Linie um ein Ziel geht. Dieser Moment, das Jetzt ist wichtig. Es ist ein Gottesmoment. Gott ereignet sich in diesem Moment.

Wenn wir uns die Szenerie vorstellen,- was sehen wir?

Ohne Zweifel ist Jesus der Mittelpunkt. Er ist einfach, aber festlich, blendend weiß, leuchtend wie Licht gekleidet. Er reitet auf einem Esel und erscheint nicht wie ein Kriegsherr, vor dem man Angst haben müsste. Menschen sind um ihn herum, alle und alles: Männer, Frauen, Kinder – vor allem Kinder -, ein paar verlumpte Gestalten sieht man, Menschen mit schweren Behinderungen und Gesunde, Alte und Junge, ein paar Vornehme und vor allem viel, viel Volk.
Ein Weg wird zubereitet. Oder entsteht er im Gehen?
Jesus reitet wie auf Wolken. Er zeiht auf ausgebreiteten Kleidern einher wie auf einem Teppich.
Palmzweige – das sind Friedenssymbole – werden geschwenkt. Es wird gesungen und gerufen: Hosianna dem Sohn Davids, dem Gottessohn, der da kommt im Namen des Herrn. Es klingt, als käme Gott selber.

Auch noch andere stehen am Weg: Neugierige, die nur nichts verpassen wollen, Arme und Kranke, die etwas für sich ergattern wollen, Distanzierte, die eher angewidert aussehen, Sicherheitskräfte, die um die öffentliche Ordnung bangen, Priester und Obrigkeiten, die einen Aufruhr befürchten und die, weil sie ihn wittern, bereits beraten, wie man den Zug stoppen könnte.

Da ist aber nichts zu stoppen. Da ist pure Begeisterung. Ein Kairos ist da, eine Zeit ist reif, die Gelegenheit ist da. Alles und alle drängen in diesen Aufbruch hinein. Alle wollen sich in ihm ausdrücken. Und wenn nicht die Menschen so in Bewegung gerieten, dann würde es die stumme Natur vormachen. Selbst die Unbeweglichsten, die Steine, begönnen zu schreien.

Warum führt Jesus eine solche Bewegung an?

Möchte er wie ein Superstar einmal im Rampenlicht stehen? Ist er ein politischer Demonstrant, der der Macht das Fürchten lehren will? Ist er eine Art Friedens-Hippy, der eine Gala wie ein Happening inszeniert?

An allem könnte etwas dran sein, aber hier vollzieht sich noch weitaus mehr.

Hier ist Endzeit. Und das ist nicht mehr zu toppen. Hier ist Frieden und Macht und Power in eins gefallen. Hier hat sich altes Leid in Freude gewandelt. Hier sind alle Gegensätze – Klein und Groß, Arm und Reich, Kind und Greis, Mann und Frau, Hoch und Tief – eben keine Gegensätze mehr, Es ist der Moment, wo die Welt sich wandelt – und nur das zählt.

Es ist der Moment, auf den die Menschen gewartet haben, seit sie aus Ägypten ausgezogen sind. Jetzt ziehen sie ein. Lahme sind gehend geworden, Blinde sehend, Taube hörend, Aussätzige rein. Und es herrscht Frieden!

Jesus inszeniert nichts. Es ist so! Hosianna und Halleluja sind echt. Es kommt alles aus tiefstem Herzen – und die Menschen sind glücklich. Sie sind in Bewegung und Gott zieht mit.
Jesus ist da, Jesus ist mittendrin. Er ist der Friedenskönig. Er ist der Gesalbte. Sohn Davids.

Wir wissen aber, wie es weitergeht – anders als die Erstteilnehmer. Es gibt einen Verrat, eine Verleugnung, einen ganz kurzen Prozess, ein Todesurteil, einen grauenhaften Tod, eine schwarze, schmerzende Stille am Tage danach, und es gibt – Ostern, das Fest der Feste.

Alles, was bis zum Karfreitag oder Karsamstag geschieht, ist kein Gegensatz zum Palmsonntag. Das alles ist Endzeit. In dieser Gestalt und in keiner anderen soll der Frieden wirklich erscheinen. So soll er unter die Menschen kommen. Leid und Kreuz gehören dazu.
Der Palmsonntag ist nur der Auftakt. Es ist das Vorzeichen. Ostern leuchtet schon, aber es scheint nur hindurch.

Alles das ist im Kern , in nuce, das, was Christen glauben: So elementar in Bewegung und zugleich in Stille, so in Kraft und zugleich in Frieden, so unterschiedlich und differenziert und zugleich in Einheit, so soll und so kann der Mensch und seine Welt sein. Das ist das Ziel!

Und wir? Erleben wir auch so etwas? Oder ist in 2000 Jahren alles ganz anders geworden? Wo ist die Bewegung? Wo ist der Aufbruch? Wo ist der Funke, der die Glut zum Feuer entfacht?

Auf der Suche nach einer Antwort schauen wir noch einmal in unsere Geschichte und in die ganze Passionsgeschichte. Dort treten ja alle diese unterschiedlichsten Personen auf. Sie sind ein Panoptikum der menschlichen Gesellschaft. Es gibt Ängstliche und Gewalttätige, Verräter, Verleugner, Verbrecher, Notabeln, Könige und Priester, einfaches Volk, reine Masse, Trauernde und Schmähende. Wer von diesen bin ich?
Auch in der Einzugsgeschichte wird dieses ganze Panoptikum schon sichtbar. Da gibt es Berührte und Ungerührte, Beteiligte und bloße Zuschauer, Sympathisanten und Distanzierte, Freunde und Gegner. Betrachten wir die alle und das alles nun nur unsrerseits aus der Distanz oder identifizieren wir uns? Wer sind wir dann? Wer bin ich?

Natürlich sind wir Christen. Vielleicht sind wir etwas müde, aber Christen sind wir.. Wir gehören schon zum inneren Kreis. Wie aber geraten wir so in Bewegung wie in dem Urgeschehen gezeigt? Wie werden wir zur Bewegung? Erneut zu „Gefährten des neuen Weges“, wie die Apostelgeschichte die Christen nennt?

Solange uns das alles nur von außen angepredigt wird, ist es schlecht. Solange tut sich auch nichts wirklich. Höchstens ein schlechtes Gewissen oder Abneigung und Überforderung stellt sich ein. Jesus hat auch niemanden in seinen Zug hineingezwungen oder hineinmanipuliert.
Jede wirkliche Bewegung kommt von innen. Wenn wir selbst spüren, dass dieser Zug gut ist und auch gut tut, dass es schön ist, so zu gehen, sich zu bewegen, viel zu erfahren, in Kommunikation, Begegnung und Hilfeleistung zu geraten, was mir selber Freude macht,- wenn das geschieht, ist es gut. Jesus ruft uns in seinen Zug, solange wir „nur“ am Wege stehen, aber er tut es sehr indirekt und zurückhaltend. Was der Zug bietet, merken wir erst, wenn wir mitgehen. Wir merken es durch die Praxis und nicht durch graue Theorie.

Ein Weg wird erst Weg, wenn man ihn geht. Wir lernen auf ihm viel über die Menschen und über Gott und über uns. Wir kommen allem näher. Das ist schon das ganze Ziel.
Nie geht einer allein. Es geht immer eine ganze Gemeinde. Eine Gemeinde wird im Gehen.

Lasst uns also gehen! Jesus geht schon 2000 Jahre lang. 2000 Jahre Einzug!
Es wird Zeit, dass wir von reinen Zuschauern zu Bewegten werden, dass wir uns bewegen.

AMEN

Montag, 23. März 2009

Zachäus - wie ein Mensch zum Menschen wird

ZACHÄUS - Lukas 19 Zwischen Versteck und Offenheit

Liebe Gemeinde,

manche Geschichten der Bibel begleiten uns ein lebenlang. Vielleicht sind es mehr die Personen in den Geschichten als die Geschichten selber. Als wenn diese Menschen einen Funken Glut in sich trügen oder ein Weisheitsmoment des Lebens, das sie weitertragen zu anderen Menschen.
In ihren Geschichten finden wir Spuren einer großen alten Menschheitstradition, manchmal nur einen Glutgedanken, der aber zum Feuer in vielen entfacht werden kann. Er verwandelt die Menschen, die sich betroffen und getroffen zeigen.
Eine solche Verwandlung ist ja die Botschaft Johannes des Täufers und mehr noch auch die des Jesus von Nazareth: Kehret um! Tut Buße! Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Angesichts einer solchen Botschaft fragen wir uns: Warum sollen wir überhaupt umkehren? Ist nicht alles gut so, wie es eben ist? Wohin sollen wir uns denn kehren? Können wir überhaupt umkehren, oder ist ein solches Ansinnen nicht eine ständige Überforderung des Menschen?
Was ist schon das „Himmelreich“? Wirklich etwas Konkretes oder ein Ideal, vielleicht sogar nur ein Traumgesicht?

An einer Person der biblischen Geschichte finden alle diese Fragen eine Antwort. An Zachäus, einem jüdisch – römischen Zollbeamten. Er ist eine dieser Personen, die mich von Kindheitszeiten an begleiten. Wahrscheinlich nicht ohne Grund. Was ist er für ein Menschentyp? Welche Facetten machen sein Leben aus? Sind wir nicht selbst – zumindest partiell – ein Teil von ihm?
Und dann: Wie geht Jesus mit ihm um? Zu welcher Kehrtwende führt ihn das? Wie vollzieht sich diese Wende und wie kommt das Heil in das Leben dieses Menschen – und über ihn auch in die Welt?

Zunächst einmal stellen wir fest, dass Zachäus ein reicher Mann ist, der mit großen Befugnissen ausgestattet ist. Ganz im Gegensatz dazu ist er aber öffentlich geradezu verachtet, wenig anerkannt, eher sogar gemieden.
Er ist es gewohnt, Dinge anzuordnen, zu befehlen. Man ist ihm zu Diensten. Ganz im Gegensatz dazu aber klettert er wie ein kleiner Junge auf einen Baum, einerseits um sich zu verstecken, andrerseits aber um doch alles aus übergeordneter Perspektive mit zu kriegen.
Er ist es gewohnt, öffentlich aufzutreten, aber er versteckt sich auch im Hintergrund.
Er ist groß von seinen Funktionen her, aber ein kleiner Mann von Körpergestalt. Und er will gerne größer erscheinen, womöglich so groß wie ein Baum.
Er lebt vermutlich in einem ansehnlichen Bürgerhaus, aber er lebt von Korruption und Betrug.
Er will gerne alles sehen, aber sich doch selbst nicht gerne zeigen.
Kurzum: er ist ein gespaltener, zerrissener, höchst widersprüchlicher Mensch. Vielleicht einer, der sich nicht zeigen darf, weil er zuviel zu verbergen hat. Andrerseits ist auch schon zuviel bekannt, als dass er sich noch frei bewegen und zeigen könnte.

Zachäus verkörpert ein Grunddilemma des Menschen: Wer ist er eigentlich? Ein böser Mensch etwa? Verbrecherisch, korrupt? Ein Kollaborateur oder ein Opportunist?
Oder ist er im Kern vielleicht doch ein guter Mensch? Jedenfalls doch einer, der auf der Suche ist. Einer, der noch etwas anderes vom Leben will als nur Einkommen und Macht.

Trotzdem wird er auch bei seiner Suche nun wieder Angst haben, etwas von sich zu verlieren, etwas los lassen zu müssen von dem, was er sich errafft hat.
Wo er hingeht, was er tut – sein Dilemma folgt. Sein Grundproblem nimmt er mit, denn es liegt in seiner eigenen Tiefe.

Wie geht Jesus nun mit ihm um? Wie erweist er sich als guter „Therapeut“?

Zunächst einmal durchbricht Jesus das Dickicht, den Blätterwald. Er durchstößt die 1., die äußere Mauer, die Zachäus um sich errichtet hat. Er spricht den Zachäus an und tritt von sich aus in Kontakt zu ihm. Die Verbergungsmaßnahmen des Zachäus, sein Versteckspielen macht für Jesus keinen Sinn. Jesus redet ihn mit Namen an als kennte er ihn schon lange. Er, Jesus, stellt eine Beziehung her.

Das bereits ist schon gewaltig. Viele Menschen leiden unter Beziehungslosigkeit. Nicht nur, weil die anderen nicht wollen, oder sie sogar ablehnen. Sondern weil man selbst nicht kann. Weil sich zuviel zwischen die Menschen schiebt: Hemmungen, schlechtes Gewissen, Vorurteile, was auch immer. Beziehungslosigkeit ist das Grundübel des Menschen. Alle Gottlosigkeit und jede Sünde kommt letztlich aus der Beziehungslosigkeit. Sie ist Beziehungslosigkeit.

Die Menschen auf dem Bild unserer kleinen Kinderbibel, die Menschen in der Geschichte schauen mit offenem Mund: Was will dieser Zachäus hier? Was will er? Das ist doch ein Sünder, ein Outcast! Sie grenzen also aus. Sie, die Menschen, kappen die Beziehung.
Jesus aber spricht ihn an. Er stellt zuerst Beziehung her.

Was Jesus nun sagt, ist wirklich ungewöhnlich. Er spricht den Zachäus auf das hin an, was dieser positiv zu geben vermag. Er spricht ihn eindeutig und ausschließlich auf die gute Seite in ihm an. Er beginnt nicht mit Vorwürfen, sondern lädt sich frank und frei ein. „Heute will ich bei dir einkehren!“ Dein Haus kann Wohnstatt sein. Du kannst gastfreundlich sein.

Vielleicht meint Jesus gar nicht nur sein Haus. Vielleicht meint er gerade sein Herz, das ja auch ein Haus, eine Herberge, eine bergende Hülle sein kann.
Zachäus, der immer nur genommen hat – auch betrügerisch und ungerecht – und der sich mehr und mehr verschlossen hat, soll geben und sich öffnen lernen. Und er kann es! Jesus spricht ihn geradezu auf dieses Vermögen hin an. Nimm mich in dein Herz! Sei Herberge mit deinem Haus und deinem Herzen!

Zachäus merkt nicht nur schnell, dass es geht, sondern dass es sogar schön ist und Freude macht, so zu tun. Er findet Gefallen daran. Ganz aus freien Stücken sagt er: Die Hälfte von allem, was ich habe, den Armen! Allen, die ich betrogen habe, das Vierfache zurück!

Da wird nichts erzwungen. Im Hintergrund steht keine Moral oder eine neue Berechnung. Es macht einfach Freude, gut zu sein. Er kann nicht genug davon bekommen, aktiv gut zu sein.

Damit hat Jesus auch die 2., die innere Mauer durchbrochen. Er hat das Herz des Zachäus erschlossen und geöffnet. Zachäus ändert sich, ohne dass er es als solches bemerkt. Es ist so. Jesus hat eine Dimension seines Herzens geöffnet, die ihm vorher unbekannt und verborgen war.

Wenn Jesus sagt: Kehret um!, dann meint er nicht: Zwingt euch zu einem neuen, anderen – und wie ihr manchmal meint – zu einem besseren Leben! Solche Aufforderungen bringen nichts. Sie bewirken nur weitere Enttäuschungen und programmieren neue Niederlagen.
Jesus meint vielmehr: Findet zuerst euer wirkliches Leben! Es ist ja schon in euch. Das Reich Gottes, das Himmelreich ist in euch. Du, Zachäus, kannst es beherbergen. Du kannst dich selbst geben. Du musst dich nicht im Blattwerk, im Gebüsch verbergen. Du sollst deine Widersprüche und Verstrickungen nicht weiter pflegen müssen. Du kannst! Du sollst endlich der sein, der du bist.

Das ist eigentlich das ganze Geheimnis, wie du Mensch die verglimmende Glut in dir zu neuem Feuer entfachen lassen kannst. Es wächst von selbst, wie jedes Feuer wächst, wenn es nur Nahrung hat. Die Nahrung aber ist das ganze Leben.

Jesus hat nichts gefordert. Keine Wiedergutmachung, kein Bessermachen. Er verlangt nur diesen 1. kleinen Schritt in ein Vermögen hinein, das in einem jeden steckt. Alles andere folgt von selbst.

Jesus verändert Sichtweisen. So kommt das Heil in die Welt. Aus seinen Zwiespältigkeiten, seinen Widersprüchen und Verwicklungen kommt Zachäus zur Eindeutigkeit. Das gefällt ihm. Es ist wie eine Befreiung. So zu leben, macht Freude.

Diese Freude erwartet auch uns, denn, liebe Gemeinde, der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

AMEN

Mittwoch, 18. März 2009

JESUS UND DIE KINDER

Die Kinder als Wegweiser zum Himmel Markus 10,15 u. Lukas 7,32

Liebe Gemeinde,

einmal habe ich in unserer Kirche, der Lutherkirche am Stadtpark in Bochum, ein kleines Mädchen – Jana – getauft. Sie war schon 15 Monate alt, konnte also bereits laufen, und sie wollte es auch. Sie wollte sich bewegen und lief in der Kirche hin und her.
Dabei entdeckte sie unseren gläsernen Altar in der Mitte und drückte sich ihr Näschen an den Scheiben platt – wie Kinder es gerne tun. Schließlich hat sie ausgerechnet an der Scheibe, auf der sich die Aufschrift „ hier ist ein Kind mit 5 Broten und 2 Fischen“ befindet, festgestellt, dass es Spalten zwischen den einzelnen Scheiben gibt und dass man hindurchgucken und sogar hindurchgreifen kann, dass man auf das Innenleben des Altars zupacken könnte, wenn die Ärmchen nur nicht noch zu kurz wären.

Jedes Kind ist neugierig und unternehmenslustig. Es ist geradezu begierig nach Entdeckungen. Es will Erfahrungen machen, Begreifen und erleben.

Wer unser Büchlein über die Lutherkirche gelesen hat, der weiß, dass ich die innerste Mitte unserer Kirche, - die Säule aus dem großen Leuchter und dem Altar - als Abbild von Himmel und Erde – also als Abbild des „Ganzen“ interpretiere und damit auch als Hinweis und Verweis auf Gott verstehe, der uns nährt an Leib und Seele. Und weil nun alles Sein und alles Geschehen auch ein Gleichnis ist, sagt mir das kleine und neugierige Mädchen Jana, woran wir uns annähern sollen, was wir ergreifen und berühren sollen. Noch niemand ist der Mitte unserer Kirche seit wir sie eingerichtet haben wohl so nahe gekommen, wie dieses kleine Mädchen.

Als ich die Bibelverse für den Altar aussuchte, habe ich besonders auf diesen einen, oft überlesenen Vers von dem Kind mit „den 5 Broten und 2 Fischen“ aus der Speisungsgeschichte der 5000 Wert gelegt. Das Kind ist die Quelle dieser Speisung. Mit dem Beitrag und der Gabe eines Kindes fängt alles überhaupt erst an.

Damit sind wir beim Thema: Jesus und die Kinder. Weil dieses nun eine Glutpredigt ist, stellt sich die Frage, welche Glut in den Kindern liegt. Was bringen uns die Kinder? Welche Hinweise geben sie für unser Erwachsenenleben?

Bevor wir nun zu „Jesus und die Kinder“ kommen, noch eine andere Geschichte. Vor kurzer Zeit ist ein Buch von Jirina Prekop – einer Kinder- und Jugendtherapeutin – und Gerald Hüther – einem Hirnforscher in Göttingen – erschienen. Es heißt: Auf Schatzsuche bei unseren Kindern. Die Grundthese des Buches ist folgende: Jeder Mensch ist schon von den ersten Wochen im Mutterleibe an so angelegt, dass er über sich hinauswachsen und über sich hinaussehen will. Er ist auf Beziehung angelegt und deshalb mit einer Fülle von Gaben ausgestattet, die das ermöglichen.
Das Kind will vertrauen und sich mit der Mutter auch schon ohne Worte verstehen z.B. Deshalb spiegeln beide. Jeder gibt wieder, was er beim anderen sieht. Jeder von uns kennt das: ein lachendes Kind lacht man unwillkürlich ebenfalls an.
Weiterhin: Das Kind will die Welt ohne Vorurteile entdecken. Auch Spinnen sind also schön.
Es will Dankbarkeit zeigen.
Es fragt energisch nach dem richtigen Weg – und das immer wieder, bis es zufriedengestellt ist und Grenzen der Beantwortbarkeit erfahren hat. Die berühmten Warum-Fragen.
Das Kind will ehrlich sein. „Sag Oma am Telefon, ich bin nicht da“, geht dann nur um den Preis einer Grunderschütterung.

Da steckt also ein großer Schatz in den Kindern. Es ist sehr viel Gold oder auch Glut in ihnen.
Nur – ganz anders als bei den Alchimisten im Mittelalter, die versuchten, aus Blei Gold zu machen und damit letztlich das Wesen des Menschen veredeln wollten – versuchen die Menschen heute aus dem Gold in den Kindern Blei zu machen. Und in der Regel kriegen sie das auch gut hin. Die jüngsten Amokfälle in Deutschland zeigen das drastisch und grauenvoll.
Eine solche Verwandlung von Seelengold in Blei fabrizieren die Eltern oder Lehrer oder wer auch immer nicht bösartig, sondern eher tragischerweise, weil aus ihnen selber so bleihaltige Menschen gemacht worden sind. Es gibt da geradezu bleihaltige Zusammenhänge über Generationen.

Das alles untersucht und beschreibt das Buch. Wie aus Gold Blei wird. Aber auch, wie man unter dem Blei das Gold noch ahnen, suchen und finden kann. Das Buch ist so etwas wie ein modernes Kinderevangelium, das wir ja bei jeder Taufe hören.

Es kommt mir nun vor, als hätte Jesus das alles ebenfalls schon über die Kinder gewusst, und als hätte er auch in diesem Wissen gehandelt. Nämlich: den Schatz im Menschen suchen und dort im Menschen die Glut finden. Dann diese Schätze zum Wachsen und zum Blühen zu bringen – das wollte er und das hat er getan.
Wir sollten nicht missverstehen: Jesus idealisiert das Kind oder das Kindsein nicht. Kindsein per se ist noch nicht viel. Gerade auch im Kind kann schon soviel Blei vorhanden sein, dass es auch in frühester Zeit schon verlernt hat, zu tanzen. Einmal sagt Jesus deshalb zu grauen Menschen: „Ihr seid wie die Kinder, denen man aufspielte, aber sie wollten nicht tanzen.“ Da ist schon alles schwer – wie Blei eben – geworden. Wenn man dem aber auf den Grund geht, dann ist es bei den Kindern so eben nicht normal.

Einmal wollten Mütter mit ihren Kindern zu Jesus. Die bleischweren Jünger aber wollten vorsorglich trennen. Hier Kinder und da Erwachsene, als hätten beide nichts miteinander zu tun, als könnten sie nichts miteinander anfangen. Als Jesus das merkte, wurde er böse. Nicht oft wird gerade das von Jesus gesagt. Aber hier – wohl weil es um das Elementarste geht – nun doch. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so kommt ihr nicht ins Reich Gottes“ – sagt er. Das heißt doch, dass die Kinder schon im Reich Gottes sind. Sie sind geradezu das Reich Gottes, weil sie das Gold wie einen Schatz im Acker in sich haben, wenn man es nur sein und wirken ließe.

Das oben erwähnte Buch ist voller Beispiele dafür. Hier nur eines: Eine Mutter ist mit ihrem kleinen Kind im Kurheim. Es ist offensichtlich ein christliches Haus, denn man isst nicht einfach so drauflos. Der Heimleiter hält – vielleicht doch etwas verschämt – einen Moment Stille und sagt dann: Ich bin dankbar, dass die Sonne heute so schön scheint, und ich freue mich auf unseren Ausflug heute Nachmittag. Amen. Das Kind findet diesen Ritus so interessant, dass es ihn am nächsten Tag selber sprechen will. Der Mutter ist das hochnotpeinlich – und es wird noch peinlicher als das Kind vor allen Leuten sagt: das musst du auch mal machen. Morgen bist du dran! Hier hat das Kind die Mutter beten gelehrt und nicht umgekehrt. Und es hat sie dankbar sein und Freude empfinden und ausdrücken gelehrt.
Wo ist hier der Schatz, das Gold? Und wo ist das Blei ?

Stellen wir uns das vor: wir – 20 oder 30 Haushalte, die wir hier versammelt sind, täten das einmal oder doch manchmal am Tage: innehalten und etwas aussprechen, wofür ich dankbar bin und worauf ich mich freue. Das allein schon würde uns, unsere Gemeinde und - über den Zusammenhang von allem mit allem - unsere Welt verändern. Mehr Gold würde sichtbar. Mehr Glut würde mehr Wärme verbreiten. Weniger Blei würde das Leben schwer und giftig machen.
Unendlich viel Gold ist in uns verborgen, versteckt, klein gemacht worden, belächelt, ausgetrieben, verhindert, verbogen worden. Aber es kann auch neu anfangen zu glänzen.

AMEN