Montag, 5. Januar 2009

1. Glutpredigt - MOSES

Der Mann Moses - eine Predigt im Advent,aber auch sonst…

Liebe Gemeinde,

Was ist eine Glutpredigt?
Jede Predigt sollte eigentlich eine Glutpredigt sein. Wieso?

Wer sich an ein offenes Feuer erinnert, der weiß, dass aus dem hell-u.hochlodernden Feuer, aus dem fast ausgebrannten Holz glühende Kohlestückchen werden, die vor sich hinglimmen und dabei doch noch recht viel Wärme abgeben. Man muss nur ein wenig neues Holz hinzugeben und für die rechte Sauerstoffzufuhr sorgen, dann lodert das Feuer schnell wieder auf.
Glut ist also eine Konserve. Sie kommt vom Eigentlichen – dem Feuer – her, und will auch wieder zum Feuer hinführen.Das Feuer ist das Erstrebenswerte. Glut ist ein Wartezustand.
In gewisser Weise ist das ein Bild für die ganze Bibel. Die Bibel ist eine Schrift-Tradition, die aus einem großen Feuer, einem lebendigen Erleben entsteht. Menschen haben Situationen erlebt, Erfahrungen gemacht, Gott erlebt – und das hat sie entzündet und in Brand gesetzt. Ein Feuer ist entfacht, das hoch und hell brennt. Diese feurige Erfahrung ist geronnen zu Texten. Sie ist zur Glut verbrannt. Dabei hat sie viel von ihrer alten Kraft verloren, aber potentiell ist da immer noch Feuer. Es kann aus dieser Glut wieder Feuer werden. Es braucht dazu nur neues Holz und Sauerstoff. Eine Predigt soll eben das dem Gluttext hinzuführen.
Wir Menschen in der Kirche hüten diese Glut. Die Bibel liegt auf dem Altar wie ein Häufchen Glut im Kamin. Früher kannten die Menschen die Geschichten der Bibel. Sie lebten mit ihnen und aus ihnen. Sie sorgten für Feuer in ihrem Leben. Sie waren Modell und Anreiz. Die heutigen Kinder kennen vielleicht noch ein, zwei, drei Geschichten. Andere Erzählungen – Harry Potter oder der Herr der Ringe – sind bekannter als die Bibel und ihre Geschichten.

Wir wollen jetzt die Glut in einigen der alten Geschichten aufspüren, auch damit wir selber an ihnen Feuer fangen. Dazu ist die Glut in den Texten konserviert. Sie will wieder zu Feuer werden.

Wir wenden uns zuerst dem Geschichtenkranz um Moses zu. Alle Welt redet im Advent von Christus, von Bethlehem, von Hirten und Sternen – aber auch Moses war ein adventlicher Mensch. Er war ein Mensch des Wartens und ein Mensch des Feuers. Wie ist er dazu geworden?
Wir hören in der Bibel, dass er schon als Säugling ein gefährdeter Mensch war, wie Jesus, der als Baby von den Eltern nach Ägypten (ausgerechnet!) in Sicherheit gebracht werden musste. Moses wird von seiner Mutter in einer kleinen Arche dem Wasser, dem Nil übergeben. Er wird durch das Wasser hindurch gerettet, so wie er später das ganze Volk durch das Wasser hindurch, durchs Rote Meer hindurch, rettet. Moses erlebt selbst vorweg, wozu er später ausersehen ist.
Danach wächst Moses am Pharaonenhof auf mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Er erhält Anteil am Herrscherwissen der Ägypter und zugleich am Unterdrücktenbewusstsein der Sklaven, der Hebräer.
Er ist ein zerrissener Mensch – und das zeigt sich besonders als er zum Mörder wird und er einen Ägypter erschlägt.
Ist Moses ein Machtmensch, der ungezügelt drauflos schlägt? Die beiden Hebräer, die den Mord beobachten, vermuten es. Er könnte ein Mensch sein, der alles aus eigenem Machtstreben tut.
Also wird er gebrochen. Das geschieht zu seinen Gunsten. Er muss fliehen – aus dem Kulturland in die Wüste, ins Ödland. Schafe hüten, Nichtstun, Warten.
Es dauert lange, bis er sein entscheidendes Erlebnis mit Gott hat. Und es dauert noch länger, bis er endlich – seiner Bestimmung entsprechend – wirken kann. Es dauert lange bis er sein Volk in die Freiheit führen darf und ihm Gesetze gibt, nach denen es leben kann.
Die Bibel sagt, dass alles das GOTT tut, aber er tut es durch Moses. Bis dieser zu diesem Gottesinstrument geformt ist, braucht es lange Zeit. Seine anfängliche Gefährdung, seine Zerrissenheit, sein Mörder-u.Flüchtlingssein, sein Umherirren – alles das sind notwendige Stationen auf seinem Weg. Nur ganz langsam bildet sich das Feuer. Aber dann brennt es und es verändert die Welt. Nicht nur seine eigene, nicht nur die der Hebräer oder die der Ägypter. Die ganze Welt verändert sich, denn Gott tritt durch ihn ins Bewusstsein der Menschen. Aus diesem Ergehen wird eine Religion geboren.

Das alles wiederholt sich bei Jesus noch einmal – anders aber ganz ähnlich.

Und wie ist es bei uns?
Wir sind keine Religionsstifter,- aber warum eigentlich nicht? Wenn wir unser Leben und unsere Religion verlebendigten, wären wir vielleicht auch Religionsstifter. Vorerst aber sind wir nur Ägypter und Hebräer, Herren und Sklaven zugleich. Die Ägypter sind – psychologisch gesprochen – Machtmenschen aus eigener Vollkommenheit. Bei ihnen geht alles ungebrochen und glatt. Die Hebräer und Moses das aber sind die, die zerbrochen und zwiegeteilt, gezeichnet und zerrissen leben müssen. Ein solches Schicksal wünscht sich niemand, aber es ist uns doch als Lebensaufgabe aufgegeben. Wir sind nicht nur stolze Ägypter. Moses zeigt uns, dass der Weg durch Gebrochenheiten hindurchführt, wenn er tiefer ins Menschsein führen soll. Die Wunden können wir zu Perlen machen. Moses hätte nicht Menschen gerettet, wenn er zuvor nicht selber hätte gerettet werden müssen. Nur der ist ein guter Arzt, der an sich selbst gespürt hat, was Krankheit bedeutet.
Der Durchgang oder Durchbruch ist entscheidend: aus der Krankheit heraus Arzt werden, oder wie bei Moses: aus dem Sklavenhalter ein Befreier, aus dem gesetzlosen Mörder ein Gesetzgeber, aus dem Flüchtling ein Heimatfinder.
Gott führt die Menschen wundersame Wege. Auch uns führt er so.

Aber was ist exact die Glut in dieser Geschichte?

Der Lebensweg führt nicht gradlinig nach oben hinaus. So entstehen nur Strohfeuer. Das hält nicht lange vor. Erst durch mancherlei Verwundung wird der Mensch stark, wenn aus Wunden Stärken werden. Der Mensch, der keine Wunden kennt oder keine Verwundungen zulässt, ist nicht wirklich stark, mag er es sich auch einbilden. Stark ist, wen die Wunden auf neue Wege führen. Die Bibelglut führt uns immer erst nach unten, bevor sie uns hindurchführt, hinaus in die Höhe.
Auch im Advent gilt: Unsere Welt ist nicht so puderzucker-süß und weiß, wie sie zu Weihnachten gerne tut. Sie ist zerrissen und gespalten, gefährdet und gefährlich. Aber das ist alles kein Grund zur Verzweiflung. Wir müssen da hindurch, wenn wir wirklich weiterkommen wollen. Moses – aber nicht nur er – zeigt den Weg.

AMEN

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