Joseph - ein Konfirmand früherer Zeiten (Predigt anlässlich einer Konfirmation)
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,
im Vorfeld früherer Konfirmationen habe ich verschiedentlich die Jugendlichen nach ihren Zukunftsplänen gefragt. Das führte dann öfters zu einem Schmunzeln oder gar zu offenem Lachen in der Kirche, wenn wir vorlasen, was die Jungen und Mädchen geschrieben hatten. Zum Beispiel: Ich möchte Rennfahrer werden wie Schuhmacher oder Tennisprofi wie Steffi Graf, oder auch schlicht: Ich möchte Millionär werden, ein schönes Haus besitzen, zwei Kinder haben und in der Garage soll ein Jaguar stehen. Das Lachen der Erwachsenen, der Eltern und Verwandten war vermutlich nie böse gemeint. Eltern hören solche Zukunftspläne ihrer Kinder mit Wohlwollen. Es ist ja gut, wenn Kinder Ziele haben. Sie dürfen ruhig ein wenig hoch gegriffen sein. Das Leben wird es schon richten.
Euch habe ich nun nicht so gefragt, aber ich vermute dennoch, dass ihr auch Ziele, Träume und Wünsche habt. Was wäret ihr sonst für Jugendliche!
Deshalb auch möchte ich euch jetzt von einem jungen Mann erzählen, aus dem tatsächlich Großes geworden ist. Das hat sich zwar schon vor ca 3000 Jahren abgespielt. Wie aber aus ihm etwas geworden ist, daraus können wir noch heute lernen. Die Geschichte dieses Mannes ist ein exemplarischer Bildungsroman und Thomas Mann, der wohl größte deutschsprachige Romancier seit Goethe, hat auch tatsächlich aus dem Stoff einen großen Roman gestaltet: Joseph und seine Brüder.
Der Vater des Joseph, Jakob, hatte 12 Söhne und wohl auch noch Töchter von verschiedenen Frauen. Von seiner Lieblingsfrau Rahel stammten zwei Söhne ab. Der Älteste von diesen beiden – Joseph – war Jakobs erklärter Lieblingssohn. In diesen Sohn setzte Jakob seine höchsten Erwartungen, und er stattete ihn darum bestens aus. Er kleidete ihn so vortrefflich in einen prächtigen Mantel, dass Joseph wirklich etwas hermachte. Joseph wusste mit der Zeit, dass er etwas Besonderes war und das zeigte er auch.
Das allerdings machte die anderen Brüder eifersüchtig und neidisch zugleich. Joseph reizte sie geradezu bis aufs Blut. So wollten sie ihn schlussendlich ausschalten, am liebsten sogar ermorden. Sie warfen Joseph in einen ausgetrockneten Brunnen. Es war das 1. Mal, dass Joseph in ein Loch fiel oder vielmehr, dass er in ein solches gestopft wurde. Dem Vater wollten die Brüder Josephs schönen Mantel – blutbefleckt – bringen. Ein wildes Tier hätte Joseph… usw. usw.
Dieser Plan wurde dann auch so ausgeführt. Nur töten wollten sie Joseph denn doch nicht. Aber sie verkauften ihn als Sklaven nach Ägypten. So brachte er ihnen wenigstens noch ein wenig Geld.
In Ägypten machte Joseph nun wirklich und schnell Karriere. Er wurde eine Art Prokurist bei einem bedeutenden Mann. Er konnte auch wirklich etwas und er war zudem auch noch einigermaßen attraktiv. Das merkte auch die Frau seines Chefs Potiphar. Sie hätte gerne ein Verhältnis mit Joseph angefangen, aber dieser wollte nicht. Und wieder spielt sein Mantel eine Rolle. Die Frau hält diesen nämlich bei ihrem Griff nach Joseph fest und dreht die ganze Geschichte einfach um. Sie behauptet, dass Joseph hinter ihr her gewesen sei. Niemand glaubt natürlich dem fremden Joseph, und er landet schließlich im Gefängnis. Er ist zum 2.Mal ins Loch, in die Grube gefallen.
Aber auch im Gefängnis fällt er auf. Er weiß eben mehr als die anderen. So soll er schließlich sogar dem Pharao, dem Kaiser, dessen Träume deuten. Als er mit seiner Deutung richtig lag, hatte er es endgültig geschafft. Jetzt war er der gemachte Mann.
Mit diesem Happyend lassen wir die Geschichte enden, nicht ohne uns zu fragen, was wir von Joseph lernen können. Das ist eine spannende Frage, gerade wenn man am Tor zum richtigen Leben steht wie ihr bei eurer Konfirmation.
Eines scheint mir beim Joseph ganz wichtig zu sein: seine Karriere verläuft nicht gradlinig. Da gibt es so manchen Knick. Mindestens zwei Mal fällt Joseph in ein tiefes Loch. Aber ausgerechnet diese Einbrüche sind die Wendemarken seines Lebens. Wenn euch etwas Ähnliches passieren sollte, oder sogar schon passiert ist,- denkt an Joseph. Ein Ende muss nicht das Ende sein. Gerade das, was unser Leben verschattet, kann es auch reich machen. Wir lernen daran.
Ein zweites ist ebenso wichtig: mindestens zwei Mal wird dem Joseph sein Kleid, sein Mantel genommen. Was übrig bleibt, ist das, was in dem Mantel steckt: der Joseph. Nicht das Äußere ist also das Entscheidende. Nicht das, was vor Augen liegt, das, was man sehen und also auch machen kann. Der Kern ist wichtig.
In seinem Kern, in sich selber, hatte Joseph seinen wirklichen, wahren Schatz. Er hörte auf seine Träume. Er lernte, sie zu verstehen und lernte so, sich selber gut zu verstehen. Am Ende kannte er nicht nur sich selber gut, sondern auch die anderen. Manchmal verstand er sie besser als sie sich selbst verstanden. Das ist der eigentliche Grund für seine Karriere. Nicht die äußerlichen Konditionen sind wichtig. Sie können kommen und gehen. Aber was Joseph in sich selber war, das konnte ihm niemand, kein neidischer Bruder, keine verletzte Frau und kein rachsüchtiger Machthaber nehmen.
Ein jeder von Euch hat auch so einen Personkern. Jeder Mensch hat einen solchen. Lasst ihn wachsen!
Ihr habt euch selbst eure Konfirmationsverse ausgesucht. Warum habt ihr den gewählt, den ihr genommen habt? Vielleicht, weil er so schön kurz ist. Aber das ist nur äußerlich. Wenn ihr euren Vers meditiert, wie die Kuh Gras wiederkäut, werdet ihr merken, dass euer Konfirmationsvers ein Schlüssel zu eurem Kern sein kann. Wenn ihr seiner Weisung folgt, wird er euch einen wichtigen Teil eures Lebens erschließen. Er wird euch zeigen, was wirklich zählt.
Vergesst vor allem den Joseph nicht! Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man zu dem wird, der man ist. Das ist der größte Erfolg, den ein Mensch im Leben haben kann.
Dazu wünschen wir euch Gottes guten Segen.
AMEN
Dienstag, 26. Mai 2009
Dienstag, 19. Mai 2009
Jakob und die Leiter zum Himmel
JAKOB - Gen 28,10ff Sprossen zur Erde und zum Himmel
Eine Weihnachtsgeschichte nicht nur zur Weihnachtszeit
Es war als hätte der Himmel
Die Erde still geküsst
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst
Liebe Gemeinde,
dieses sommerliche Nachtgedicht Eichendorffs scheint mir zugleich das Geheimnis der winterlichen Weihnacht, der Christnacht, zu fassen: Es ist als küsste der Himmel die Erde und diese träumt fortan im Schönsten, was sie hervorbringen kann – im Blütenschimmer – vom Himmel,- allerdings ohne zu vergessen, dass sie Erde bleibt und dass es Nacht ist.
Es mag hoffentlich viele leise und zauberhafte Nächte im Laufe des Jahres geben, aber es gibt auch die lauten und schreienden und leider auch viele brutale, gewalttätige, leidvolle Nächte. Die Nacht ist die Zeit des Zaubers und zugleich die Zeit des Schreckens.
Diese eine Nacht aber, die Christnacht, ist anders. Es liegt mehr als nur ein Zauber über ihr. Es liegt ein Geheimnis in ihr. Jeder Schrecken ist fern.
Jahrhunderte bevor Jesus in einer solchen Nacht geboren wurde, befand sich ein Mann auf der Flucht. Jakob hatte seinen alten Vater und seinen älteren Bruder Esau betrogen. Er hatte sich das Erbrecht, ein Segensrecht, den Erstgeborenen-Segen erschlichen, sich dadurch aber auch seine nächsten Angehörigen zu Todfeinden gemacht. Er lebte jetzt in einem fortwährenden Schrecken. Schrecklich.
In einer tiefschwarzen Fluchtnacht legte er sich zum Schlaf auf den nackten Erdboden. Ein Stein diente als Kissen. Da sieht er im Traum den Himmel offen. Engel steigen auf einer Leiter auf und nieder. Himmel und Erde sind wie mit einer Nabelschnur verbunden. – und Gott spricht diesem erschrockenen Menschen seinen Segen zu: Ich, Gott, bin mit dir. Deine Nachkommen werden zahlreich sein. Sie werden ein Segen für die Völker sein.
Jakob wacht benommen auf. Er begreift nichts, aber er ahnt, wie anders alles sein könnte. Hier ist das Tor zum Himmel – sagt er, und macht seinen Kissen-Stein zum Altar, zum Heiligtum.
Das ist eine Weihnachtsgeschichte 1500 Jahre vor Jesus. Genau so geschieht es diese 1500 Jahre später in der Nacht von Bethlehem: Der Himmel öffnet sich. Engel singen. Die Nacht wird hell. Ein Kind ist geboren. Neues ist in die Welt gekommen. Es gibt einen Ausgang aus jedem Schrecken.
Das ist das ganze Geheimnis. Deshalb veranstalten wir jedes Jahr dieses Fest. Wir beschenken uns. Wir sind zusammen. Wir kommen in die Kirche. Alles geschieht, um dieses Geheimnis nicht zu vergessen: Der Himmel kann sich öffnen – und siehe, es wird alles neu.
Ist das nicht nur ein frommer Traum? So etwas wie eine Suggestion? Bleibt die Erde nicht immer doch die, die sie nun einmal ist? Sind die Nächte nicht rabenschwarz? Hängen die Menschen nicht müde und bleischwer in ihren Netzen und Strukturen? Was ändert sich denn?
Ja, sicher – so ist es auch. Aber dennoch gibt es diesen Traum. Er hält uns wach. Wir halten Ausschau nach dem Himmel, ob er sich nicht doch noch einmal wieder öffnet.
Deshalb fragen wir: Wo trifft die Himmelleiter des Jakob heute auf die Erde? Vor 3500 Jahren auf Jakobs Stein, gewiss. Vor 2000 Jahren auf Jesu Krippe, sicher. Aber heute?
Potentiell in einem jeden menschlichen Leben auch. Potentiell also auch bei uns. Warum sind unsere Augen also so gehalten, dass sie nicht sehen, welche Botschaften die Engel uns vom Himmel bringen?
Für Jakob lautete die Botschaft: Ich bin mit dir – und mit deinen zahlreichen Nachkommen.
In Bethlehem hieß sie: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Und wir brauchen heute auch keine andere Botschaft als diese.
Was bedeuten denn für eine altgewordene Gesellschaft wie die unsrige Nachkommen, Kinder?
Sie sind ein Segen und keine Sicherung der Renten- u. Sozialsysteme, wie man manchmal hört. Wir setzen den Segen aufs Spiel, wenn wir keine Kinder wollen und einfach nur immer älter werden. Wir verlieren den Segen, wenn wir unsere Kinder nicht mehr in den Mittelpunkt stellen. Wir können dann einmal niemandem mehr unsere Früchte anvertrauen.
Und Frieden auf Erden? Dieser Segenswunsch ist so aktuell wie lange nicht mehr. Der kalte Krieg ist Jahrzehnte vorbei, aber atomar gerüstet wird immer noch. „Frieden auf Erden“ muss die heutige Gewalt benennen und anklagen, damit sich kein fauler Frieden einschleicht.
Nun kommen aber nicht nur Botschaften vom Himmel. Die Engel tragen auch unsere Anliegen, unsere Klagen und Hoffnungen, unsere Schrecknisse zum Himmel. Das bewahrt uns vor der Wahnidee, dass alles von uns alleine abhängt. Dass wir selber alles alleine bewerkstelligen müssten. Von uns hängt so wenig ab – und doch auch wieder alles, weil es auf die Meinung und Haltung von vielen ankommt. Ich bin nur einer von diesen, aber immerhin. Meine Motivation ist von Gott gestärkt.
Himmel und Erde sind nicht auseinander zu reißen. Weihnachten bindet sie ganz eng zusammen. Das merken wir und das feiern wir.
Umberto Ecco, der italienische Philosoph und Romancier, ein Ungläubiger, ein Agnostiker, hat gesagt: Selbst wenn hinter Weihnachten keinerlei Realität stünde, selbst wenn nicht ein wirklicher Gottessohn wirklich ein wirklicher Mensch geworden wäre – wenn also der Himmel sich tatsächlich nicht öffnen würde und keine Leiter Himmel und Erde aneinander binden würde oder – um noch einmal mit Eichendorff zu sprechen – der Himmel die Erde nicht tatsächlich küssen würde – selbst wenn das alles nicht geschähe, sondern vom Menschen nur erdacht und erfunden wäre – es würde uns Menschen immer noch veredeln und für uns sprechen. Dass wir Menschen überhaupt so denken können, dass wir eine solche Sehnsucht haben, dass wir zutiefst ein Neues, ein anderes, einen Frieden und eine Verbindung von Himmel und Erde wünschen und ersehnen – das ist das Geheimnis. In einem viel tieferen Sinne als dem der bloßen Tatsächlichkeit wäre die Geschichte der Weihnacht dann also doch wahr.
Der christliche Glaube bündelt die große Hoffnung und die tiefe Sehnsucht der Menschen in einem kleinen Kind. So beginnt das Neue immer: klein, kindlich, jung.
Dann müssen auch wir mit dem neuen, anderen, friedlichen Menschen in uns so weihnachtlich beginnen: klein, kindlich-einfach, kindlich-weise.
Liebe Gemeinde, in dieser Nacht öffnet sich der Himmel und die Himmelsleiter trifft in einem jeden von uns auf die Erde. Letztlich ist unser Herz der Stein Jakobs, auf den die Leiter trifft. So bilden sich in uns die Mythen: Engel, die auf und ab steigen. Engel, die uns das Herz öffnen, es weit und warm machen, es vom Stein zum Heiligtum wandeln. Es bilden sich die Mythen, die uns bergen, die helfen und motivieren. Weihnachten ist ein Segen. „Gesegnete Weihnachten“ ist ein Wunsch für das ganze Jahr.
AMEN
Eine Weihnachtsgeschichte nicht nur zur Weihnachtszeit
Es war als hätte der Himmel
Die Erde still geküsst
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst
Liebe Gemeinde,
dieses sommerliche Nachtgedicht Eichendorffs scheint mir zugleich das Geheimnis der winterlichen Weihnacht, der Christnacht, zu fassen: Es ist als küsste der Himmel die Erde und diese träumt fortan im Schönsten, was sie hervorbringen kann – im Blütenschimmer – vom Himmel,- allerdings ohne zu vergessen, dass sie Erde bleibt und dass es Nacht ist.
Es mag hoffentlich viele leise und zauberhafte Nächte im Laufe des Jahres geben, aber es gibt auch die lauten und schreienden und leider auch viele brutale, gewalttätige, leidvolle Nächte. Die Nacht ist die Zeit des Zaubers und zugleich die Zeit des Schreckens.
Diese eine Nacht aber, die Christnacht, ist anders. Es liegt mehr als nur ein Zauber über ihr. Es liegt ein Geheimnis in ihr. Jeder Schrecken ist fern.
Jahrhunderte bevor Jesus in einer solchen Nacht geboren wurde, befand sich ein Mann auf der Flucht. Jakob hatte seinen alten Vater und seinen älteren Bruder Esau betrogen. Er hatte sich das Erbrecht, ein Segensrecht, den Erstgeborenen-Segen erschlichen, sich dadurch aber auch seine nächsten Angehörigen zu Todfeinden gemacht. Er lebte jetzt in einem fortwährenden Schrecken. Schrecklich.
In einer tiefschwarzen Fluchtnacht legte er sich zum Schlaf auf den nackten Erdboden. Ein Stein diente als Kissen. Da sieht er im Traum den Himmel offen. Engel steigen auf einer Leiter auf und nieder. Himmel und Erde sind wie mit einer Nabelschnur verbunden. – und Gott spricht diesem erschrockenen Menschen seinen Segen zu: Ich, Gott, bin mit dir. Deine Nachkommen werden zahlreich sein. Sie werden ein Segen für die Völker sein.
Jakob wacht benommen auf. Er begreift nichts, aber er ahnt, wie anders alles sein könnte. Hier ist das Tor zum Himmel – sagt er, und macht seinen Kissen-Stein zum Altar, zum Heiligtum.
Das ist eine Weihnachtsgeschichte 1500 Jahre vor Jesus. Genau so geschieht es diese 1500 Jahre später in der Nacht von Bethlehem: Der Himmel öffnet sich. Engel singen. Die Nacht wird hell. Ein Kind ist geboren. Neues ist in die Welt gekommen. Es gibt einen Ausgang aus jedem Schrecken.
Das ist das ganze Geheimnis. Deshalb veranstalten wir jedes Jahr dieses Fest. Wir beschenken uns. Wir sind zusammen. Wir kommen in die Kirche. Alles geschieht, um dieses Geheimnis nicht zu vergessen: Der Himmel kann sich öffnen – und siehe, es wird alles neu.
Ist das nicht nur ein frommer Traum? So etwas wie eine Suggestion? Bleibt die Erde nicht immer doch die, die sie nun einmal ist? Sind die Nächte nicht rabenschwarz? Hängen die Menschen nicht müde und bleischwer in ihren Netzen und Strukturen? Was ändert sich denn?
Ja, sicher – so ist es auch. Aber dennoch gibt es diesen Traum. Er hält uns wach. Wir halten Ausschau nach dem Himmel, ob er sich nicht doch noch einmal wieder öffnet.
Deshalb fragen wir: Wo trifft die Himmelleiter des Jakob heute auf die Erde? Vor 3500 Jahren auf Jakobs Stein, gewiss. Vor 2000 Jahren auf Jesu Krippe, sicher. Aber heute?
Potentiell in einem jeden menschlichen Leben auch. Potentiell also auch bei uns. Warum sind unsere Augen also so gehalten, dass sie nicht sehen, welche Botschaften die Engel uns vom Himmel bringen?
Für Jakob lautete die Botschaft: Ich bin mit dir – und mit deinen zahlreichen Nachkommen.
In Bethlehem hieß sie: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Und wir brauchen heute auch keine andere Botschaft als diese.
Was bedeuten denn für eine altgewordene Gesellschaft wie die unsrige Nachkommen, Kinder?
Sie sind ein Segen und keine Sicherung der Renten- u. Sozialsysteme, wie man manchmal hört. Wir setzen den Segen aufs Spiel, wenn wir keine Kinder wollen und einfach nur immer älter werden. Wir verlieren den Segen, wenn wir unsere Kinder nicht mehr in den Mittelpunkt stellen. Wir können dann einmal niemandem mehr unsere Früchte anvertrauen.
Und Frieden auf Erden? Dieser Segenswunsch ist so aktuell wie lange nicht mehr. Der kalte Krieg ist Jahrzehnte vorbei, aber atomar gerüstet wird immer noch. „Frieden auf Erden“ muss die heutige Gewalt benennen und anklagen, damit sich kein fauler Frieden einschleicht.
Nun kommen aber nicht nur Botschaften vom Himmel. Die Engel tragen auch unsere Anliegen, unsere Klagen und Hoffnungen, unsere Schrecknisse zum Himmel. Das bewahrt uns vor der Wahnidee, dass alles von uns alleine abhängt. Dass wir selber alles alleine bewerkstelligen müssten. Von uns hängt so wenig ab – und doch auch wieder alles, weil es auf die Meinung und Haltung von vielen ankommt. Ich bin nur einer von diesen, aber immerhin. Meine Motivation ist von Gott gestärkt.
Himmel und Erde sind nicht auseinander zu reißen. Weihnachten bindet sie ganz eng zusammen. Das merken wir und das feiern wir.
Umberto Ecco, der italienische Philosoph und Romancier, ein Ungläubiger, ein Agnostiker, hat gesagt: Selbst wenn hinter Weihnachten keinerlei Realität stünde, selbst wenn nicht ein wirklicher Gottessohn wirklich ein wirklicher Mensch geworden wäre – wenn also der Himmel sich tatsächlich nicht öffnen würde und keine Leiter Himmel und Erde aneinander binden würde oder – um noch einmal mit Eichendorff zu sprechen – der Himmel die Erde nicht tatsächlich küssen würde – selbst wenn das alles nicht geschähe, sondern vom Menschen nur erdacht und erfunden wäre – es würde uns Menschen immer noch veredeln und für uns sprechen. Dass wir Menschen überhaupt so denken können, dass wir eine solche Sehnsucht haben, dass wir zutiefst ein Neues, ein anderes, einen Frieden und eine Verbindung von Himmel und Erde wünschen und ersehnen – das ist das Geheimnis. In einem viel tieferen Sinne als dem der bloßen Tatsächlichkeit wäre die Geschichte der Weihnacht dann also doch wahr.
Der christliche Glaube bündelt die große Hoffnung und die tiefe Sehnsucht der Menschen in einem kleinen Kind. So beginnt das Neue immer: klein, kindlich, jung.
Dann müssen auch wir mit dem neuen, anderen, friedlichen Menschen in uns so weihnachtlich beginnen: klein, kindlich-einfach, kindlich-weise.
Liebe Gemeinde, in dieser Nacht öffnet sich der Himmel und die Himmelsleiter trifft in einem jeden von uns auf die Erde. Letztlich ist unser Herz der Stein Jakobs, auf den die Leiter trifft. So bilden sich in uns die Mythen: Engel, die auf und ab steigen. Engel, die uns das Herz öffnen, es weit und warm machen, es vom Stein zum Heiligtum wandeln. Es bilden sich die Mythen, die uns bergen, die helfen und motivieren. Weihnachten ist ein Segen. „Gesegnete Weihnachten“ ist ein Wunsch für das ganze Jahr.
AMEN
Mittwoch, 6. Mai 2009
ABRAHAM - Aufbruch in ein weites Land
ABRAHAM - Genesis 12: Aufbruch in ein weites Land
Hinweise für ältere Menschen zur Feier ihrer Goldenen
Konfirmation
Liebe Gemeinde,
in vielen biblischen Geschichten steckt eine Kernaussage, die wie eine Glut wirkt. Manchmal glimmt diese nur noch schwach vor sich hin. Wird sie aber entfacht, entwickelt sich die Glut zu einem lodernden Feuer, das Menschen ergreift und sie selbst brennend macht. Wir werden im Feuer lebendig.
Abraham war ein solcher von Feuer entfachter Mensch. Wir nennen ihn „Vater des Glaubens“. Sein Lebensgefühl war geprägt von Vertrauen ins Leben, in die Welt und in seine Zeit, Vertrauen in die Sterne am Himmel oder den Sand am Meer – was ihm beides zum Zeichen wurde für seine Verwirklichung in zahlreichen Nachkommen. Vertrauen aber vor allem zu einem Gott, der ihn aus sich herausrief und versprach, ihn in die Weite zu führen.
Abraham ist der Stammvater Israels. Von Adam und Eva stammen nach dem Mythos der Bibel alle Menschen ab. In Adam und Eva sind sich alle Menschen hinsichtlich ihres Menschseins gleich. Auf Abraham aber werden nicht alle zurückgeführt, sondern nur die, die sich in ihm in besonderer Art und Weise erwählt fühlen.
Für die Juden ist Abraham der Stammvater des Volkes Gottes. Für den Juden und Christen Paulus – und mit ihm für alle Christen – ist Abraham der „Vater des Glaubens“, also der Stammvater des neuen Israels, des Glaubensvolkes aus Juden und Heiden. Für die Muslime ist Abraham einer der ganz großen Propheten, einer, in dem wir alle gesegnet sind oder einer, an dem sich die Geister scheiden: Wer ihn segnet, der wird gesegnet sein. Wer ihm Übel will, der wird selber ins Übel, in den Fluch fallen.
Was ist an Abraham so wichtig, dass er zum „Vater“ schlechthin wird, dass „Vater Abraham“ zu einem stehenden Begriff wird?
Wir hören, dass Abraham ein herumirrender Nomade war. So hatte er keine Heimat, kein Land, das ihm wirklich gehörte. Er wird gar nicht gewusst haben, wohin er eigentlich gehörte.
Andererseits besitzt er alles: er hat eine Frau, eine Großfamilie mit Nichten und Neffen, er hat Knechte und Mägde und viel Vieh.
Er hätte sich sogar einrichten können. Er besaß Gastrecht in dem Land, in dem er sich aufhielt. Er hätte…- aber das tat er nicht.
Eines Tages wusste er, was er zu tun hatte. „Geh aus deinem Vaterland und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde. So hörte er.
Abraham war zu der Zeit 75 Jahre alt. Auch wenn die Bibel andere Lebensspannen kennt heißt das, dass er kein Jüngling mehr war. Der gehörte Hinweis war also nicht irgendeine Jugendidee, ein Experiment ins Abenteuer wie es jungen Menschen zusteht. Es war eine Notwendigkeit, die sich dem gestandenen Mann aufdrängte. Als sagte die Stimme: du musst das tun, weil du mehr bist als es dir dein Vater vorgibt. Es beginnt mit dir etwas ganz Neues, also „geh aus deines Vaters Hause!“ Dein eigentliches Land wirst du erst noch finden, wie du auch das erst noch bekommen sollst, was dir noch fehlt und was du so sehnlich erwartest: einen Sohn, einen Nachkommen, einen Fortsetzer.
Das alles steht unter dem Segen. Es wird so zur Fülle: Das Land wird herrlich und reich, fruchtbar sein, und aus deinem Sohn wird ein Volk. So zahlreich wie die Sterne am Himmel oder der Sand am Meer. Das ist Segen: Land und Kinder. Das ist Reichtum. Wer diesem Segen sich entgegensetzt, der fällt in den Fluch. Dann gelingt nichts mehr. Das Leben ist ein Jammer, auch wenn man noch so vieles andere besitzt.
Abraham glaubte Gott und machte sich auf den Weg und auf die Suche.
Wenn es stimmt, dass wir nach der Verheißung seine Kinder sind, dass wir also die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meer sind – sind wir dann auch wohl Menschen von seinem Geist? Menschen von Abrahams Geist. Das ist die Glut, die wir in uns finden können, auch wenn sie angesichts unseres Alters schon fast ausgeglüht zu sein scheint.
An einem Festtag wie dem der Goldenen Konfirmation schaut man gerne zurück: Weißt du noch, fragt man und erinnert sich. Was haben wir nicht alles erlebt! Dass das nun schon 50 oder 60 Jahre zurückliegen soll! Andererseits: So, wie es jetzt aussieht, ist es gut. Die wohlverdiente Rente reicht mehr oder weniger, die Kinder sind schon lange groß. Vielleicht sind sogar Enkel oder Urenkel da. So wie es ist, ist es gut.
Nein! – sagt der Geist Abrahams. Geh! Geh aus deines Vaters Haus. Verlass wenn nötig die Bequemlichkeiten. Es kommt noch etwas. Ein Stück Weg liegt noch vor dir. Vielleicht ist es sogar noch das wichtigste Stück Weg, weil du von dem Alten und Vergangenen immer mehr loslassen kannst. Du darfst gar nicht soviel Gepäck mit dir herumschleppen. Du musst es ja schleppen! Du brauchst auch dein ganzes Sorgen-Gepäck nicht mehr. Mach dir nicht unnötige Sorgen! Aber geh! Gehe deinen Weg – bis ins gelobte Land!
Als wir 14 o. 15 waren, da haben wir wohl gedacht, dass das ganze Leben wie ein gelobtes Land vor uns liegt. Wir mussten es nur ergreifen und etwas aus ihm machen. Und das haben wir dann ja auch: wir haben gearbeitet, geschafft, mal mit weniger, mal mit mehr Erfolg.
Jetzt merken wir, dass es um solche Erträge eigentlich gar nicht geht. Es war gut so,- aber der Weg führt noch weiter. Es war noch nicht das Ziel.
Alles, was ich gesammelt oder erworben habe, muss ich auch wieder loslassen. Das muss nicht bitter sein. Es kann auch wie eine große Befreiung wirken. Je freier ich werde, desto lieber gehe ich auf meinem Weg, auf dem Lebensweg voran. Dabei sehe ich so viel Schönes und so vieles, was ich noch zu beenden und abzuschließen habe. Vieles, das zu vollenden ist..
Alles steht unter dem Segen. Solange ein Mensch geht und sich bewegt, ist er gesegnet. Erst wenn sich nichts mehr tut, schläft auch der Segen ein. Diese Lebensenergie der Bewegung ist die eigentliche Glut. Und da ist ein Gott, der lockt und lockt und lockt. Der ins Leben verlockt. Komm, Abraham, sagt er dem Alten. Es gibt noch so manches, das ich dir zeigen will.
Und Abraham glaubte Gott und ging.
Wir sind Abrahams Kinder. Wir sind in ihm gesegnet. Gehen wir also weiter. Es wird ein Segen sein.
AMEN
Hinweise für ältere Menschen zur Feier ihrer Goldenen
Konfirmation
Liebe Gemeinde,
in vielen biblischen Geschichten steckt eine Kernaussage, die wie eine Glut wirkt. Manchmal glimmt diese nur noch schwach vor sich hin. Wird sie aber entfacht, entwickelt sich die Glut zu einem lodernden Feuer, das Menschen ergreift und sie selbst brennend macht. Wir werden im Feuer lebendig.
Abraham war ein solcher von Feuer entfachter Mensch. Wir nennen ihn „Vater des Glaubens“. Sein Lebensgefühl war geprägt von Vertrauen ins Leben, in die Welt und in seine Zeit, Vertrauen in die Sterne am Himmel oder den Sand am Meer – was ihm beides zum Zeichen wurde für seine Verwirklichung in zahlreichen Nachkommen. Vertrauen aber vor allem zu einem Gott, der ihn aus sich herausrief und versprach, ihn in die Weite zu führen.
Abraham ist der Stammvater Israels. Von Adam und Eva stammen nach dem Mythos der Bibel alle Menschen ab. In Adam und Eva sind sich alle Menschen hinsichtlich ihres Menschseins gleich. Auf Abraham aber werden nicht alle zurückgeführt, sondern nur die, die sich in ihm in besonderer Art und Weise erwählt fühlen.
Für die Juden ist Abraham der Stammvater des Volkes Gottes. Für den Juden und Christen Paulus – und mit ihm für alle Christen – ist Abraham der „Vater des Glaubens“, also der Stammvater des neuen Israels, des Glaubensvolkes aus Juden und Heiden. Für die Muslime ist Abraham einer der ganz großen Propheten, einer, in dem wir alle gesegnet sind oder einer, an dem sich die Geister scheiden: Wer ihn segnet, der wird gesegnet sein. Wer ihm Übel will, der wird selber ins Übel, in den Fluch fallen.
Was ist an Abraham so wichtig, dass er zum „Vater“ schlechthin wird, dass „Vater Abraham“ zu einem stehenden Begriff wird?
Wir hören, dass Abraham ein herumirrender Nomade war. So hatte er keine Heimat, kein Land, das ihm wirklich gehörte. Er wird gar nicht gewusst haben, wohin er eigentlich gehörte.
Andererseits besitzt er alles: er hat eine Frau, eine Großfamilie mit Nichten und Neffen, er hat Knechte und Mägde und viel Vieh.
Er hätte sich sogar einrichten können. Er besaß Gastrecht in dem Land, in dem er sich aufhielt. Er hätte…- aber das tat er nicht.
Eines Tages wusste er, was er zu tun hatte. „Geh aus deinem Vaterland und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde. So hörte er.
Abraham war zu der Zeit 75 Jahre alt. Auch wenn die Bibel andere Lebensspannen kennt heißt das, dass er kein Jüngling mehr war. Der gehörte Hinweis war also nicht irgendeine Jugendidee, ein Experiment ins Abenteuer wie es jungen Menschen zusteht. Es war eine Notwendigkeit, die sich dem gestandenen Mann aufdrängte. Als sagte die Stimme: du musst das tun, weil du mehr bist als es dir dein Vater vorgibt. Es beginnt mit dir etwas ganz Neues, also „geh aus deines Vaters Hause!“ Dein eigentliches Land wirst du erst noch finden, wie du auch das erst noch bekommen sollst, was dir noch fehlt und was du so sehnlich erwartest: einen Sohn, einen Nachkommen, einen Fortsetzer.
Das alles steht unter dem Segen. Es wird so zur Fülle: Das Land wird herrlich und reich, fruchtbar sein, und aus deinem Sohn wird ein Volk. So zahlreich wie die Sterne am Himmel oder der Sand am Meer. Das ist Segen: Land und Kinder. Das ist Reichtum. Wer diesem Segen sich entgegensetzt, der fällt in den Fluch. Dann gelingt nichts mehr. Das Leben ist ein Jammer, auch wenn man noch so vieles andere besitzt.
Abraham glaubte Gott und machte sich auf den Weg und auf die Suche.
Wenn es stimmt, dass wir nach der Verheißung seine Kinder sind, dass wir also die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meer sind – sind wir dann auch wohl Menschen von seinem Geist? Menschen von Abrahams Geist. Das ist die Glut, die wir in uns finden können, auch wenn sie angesichts unseres Alters schon fast ausgeglüht zu sein scheint.
An einem Festtag wie dem der Goldenen Konfirmation schaut man gerne zurück: Weißt du noch, fragt man und erinnert sich. Was haben wir nicht alles erlebt! Dass das nun schon 50 oder 60 Jahre zurückliegen soll! Andererseits: So, wie es jetzt aussieht, ist es gut. Die wohlverdiente Rente reicht mehr oder weniger, die Kinder sind schon lange groß. Vielleicht sind sogar Enkel oder Urenkel da. So wie es ist, ist es gut.
Nein! – sagt der Geist Abrahams. Geh! Geh aus deines Vaters Haus. Verlass wenn nötig die Bequemlichkeiten. Es kommt noch etwas. Ein Stück Weg liegt noch vor dir. Vielleicht ist es sogar noch das wichtigste Stück Weg, weil du von dem Alten und Vergangenen immer mehr loslassen kannst. Du darfst gar nicht soviel Gepäck mit dir herumschleppen. Du musst es ja schleppen! Du brauchst auch dein ganzes Sorgen-Gepäck nicht mehr. Mach dir nicht unnötige Sorgen! Aber geh! Gehe deinen Weg – bis ins gelobte Land!
Als wir 14 o. 15 waren, da haben wir wohl gedacht, dass das ganze Leben wie ein gelobtes Land vor uns liegt. Wir mussten es nur ergreifen und etwas aus ihm machen. Und das haben wir dann ja auch: wir haben gearbeitet, geschafft, mal mit weniger, mal mit mehr Erfolg.
Jetzt merken wir, dass es um solche Erträge eigentlich gar nicht geht. Es war gut so,- aber der Weg führt noch weiter. Es war noch nicht das Ziel.
Alles, was ich gesammelt oder erworben habe, muss ich auch wieder loslassen. Das muss nicht bitter sein. Es kann auch wie eine große Befreiung wirken. Je freier ich werde, desto lieber gehe ich auf meinem Weg, auf dem Lebensweg voran. Dabei sehe ich so viel Schönes und so vieles, was ich noch zu beenden und abzuschließen habe. Vieles, das zu vollenden ist..
Alles steht unter dem Segen. Solange ein Mensch geht und sich bewegt, ist er gesegnet. Erst wenn sich nichts mehr tut, schläft auch der Segen ein. Diese Lebensenergie der Bewegung ist die eigentliche Glut. Und da ist ein Gott, der lockt und lockt und lockt. Der ins Leben verlockt. Komm, Abraham, sagt er dem Alten. Es gibt noch so manches, das ich dir zeigen will.
Und Abraham glaubte Gott und ging.
Wir sind Abrahams Kinder. Wir sind in ihm gesegnet. Gehen wir also weiter. Es wird ein Segen sein.
AMEN
Samstag, 2. Mai 2009
NOAH - oder Schutzräume in Weltuntergängen
Noah - Hinweise für Konfirmanden und Konfirmandinnen und nicht nur für
diese
Liebe Jungen und Mädchen, liebe Gemeinde,
wir zählen auch diese Predigt zu den Glutpredigten. Da es schon länger her ist, dass ich erklärt habe, was wir unter einer solchen Glutpredigt zu verstehen haben, jetzt noch einmal ein Versuch.
In der Bibel stehen ziemlich alte Geschichten. In der Bibel ist damit altes Traditionsgut der Menschheit gesammelt, das allerdings für alle Menschen eine nicht unerhebliche Wahrheit aufbewahrt. Diese Wahrheit können wir uns wie eine Glut vorstellen. Ein Gluthaufen schwelt vor sich hin, fast ausgelöscht, fast vergessen. Hin und wieder aber wird eine solche Glut auch wieder zum lodernden Feuer. Wenn die Menschen Feuer brauchen, erinnern sie sich: da war doch etwas! Davon habe ich doch schon einmal gehört!
Die Geschichte von Noah gehört zu diesen Gluterzählungen. Sie ist schon in Kindergärten beliebt. Viele Bilderbücher erzählen von Noah, der Arche und dem Regenbogen, und man kann alles das auch gut in eigene Bilder fassen. Millionenfach ist diese Geschichte so schon von Kindern gemalt worden und hat sich so in den Köpfen festgesetzt.
Diese Geschichte steht aber nicht nur in der Bibel. Ca 250 mal wird sie in unterschiedlichsten Versionen in allen möglichen Kulturen überliefert, verstreut über die ganze Erde.
Alle Menschen haben offensichtlich so etwas wie eine ganz tief sitzende Urangst, dass ihre Welt einmal untergehen könnte. Nicht nur der Einzelne ist bedroht, sondern die Menschheit als Gattung. Wir könnten auch sagen, dass es eine überall schwelende Angst gibt, dass die ganze Schöpfung rückgängig gemacht werden könnte.
Das verdrängt der Mensch natürlich gerne. Nur bei großen, zumeist von Menschen verursachten Krisen oder Katastrophen erinnert man sich. Wie kann es sein, dass alles sang- und klanglos einfach so untergehen soll oder den Bach hinuntergeht, wie wir sagen?
Das passiert nicht, weil die Menschen grundsätzlich d.h. von Grund auf böse sind. Das sind sie nämlich nicht. Das passiert auch nicht, weil die Menschen gar nicht anders können. Sie könnten anders. Aber es passiert, weil die Menschen unter bestimmten Bedingungen so bösartig werden, dass die Schöpfung nur noch geringe Chancen hat. Es passiert, wenn die Menschen verführt werden, oder sie sich verführen lassen. Dann treibt alles in den Untergang, wie in den furchtbaren Kriegen des vergangenen Jahrhunderts, und heute scheint es ähnlich, wenn man den Krieg gegen die Umwelt bedenkt.
Dann erinnert man sich und fragt: da war doch was? Wie war das mit Noah?
Noah hatte eine Arche gebaut. In der wurde er gerettet, er und seine ganze Großfamilie und von allen Tierarten ein Paar. So konnte die Schöpfung später noch einmal neu beginnen.
Was dann neu begann, war nicht besser als das, was vorher gewesen war. Die Menschen sind die gleichen, vor der Flut und nach der Flut. Aber Gott hat sich geändert. Gott ist gnädiger geworden. Es ist, als hätte Gott jetzt erst - nach dem Sündenfall - erkannt, dass auch er mit einer defekten Welt leben muss. Deshalb verspricht er mit dem Zeichen des Regenbogens, dass er, Gott, die Welt nicht mehr zerstören wird.
Die Menschen aber können sie freilich sehr wohl noch zerstören und erst in unserer Zeit haben sie mehr als je zuvor auch die Mittel dazu. Die Menschen können es, wenn sie nicht doch noch von dem einstmaligen Entschluss Gottes lernen und sich selbst besinnen.
Katastrophen gibt es ja nun wirklich genug. Es gibt also auch genug Material, an dem wir üben könnten, die Welt zu retten.
Gerade wenn man 13,14 oder 15 Jahre alt ist, scheint die Welt oft wie eine einzige Katastrophe. Man fühlt sich zuhause nicht mehr richtig wohl. Die Schule bringt es erst recht nicht. Man fühlt sich oft noch nicht einmal in sich selber, in der eigenen Haut wohl.
Alles ist eine einzige Katastrophe,- aber untergehen soll darin ja niemand. Jedenfalls will Gott das nach unserer Glutgeschichte nicht.
Was ist also eure Arche?
Gibt es so etwas wie einen Ort, eine Höhle, in die man sich zurückziehen kann wie in einen Kokon?
Vielleicht ist es euer eigenes Zimmer, in das niemand eintreten darf, es sei denn mit eurer Erlaubnis.
Vielleicht ist es ein guter Freund oder eine Freundin? Vielleicht auch eine ganze Clique, die jeden Blödsinn mitmacht.
Eine Arche braucht jeder Mensch. Eine solche ist eigentlich kein Rückzugsort, kein heiles Örtchen in einer unheilen Welt, sondern vielmehr ein Aufbewahrungskasten für eine neue Geburt. Das Kästchen, in dem Moses im Nil überlebt, wird mit demselben Wort bezeichnet wie die Arche Noahs.
Eigentlich sollte und wollte auch jede Kirche eine Art Arche, ein Widerstandsnest, sein. Deshalb nennt man sie ja auch manchmal „Kirchenschiff“. Leider haben das die meisten Menschen vergessen. Vielleicht brauchen sie sie noch einmal ganz dringend – wer weiß? Wer weiß, wofür Gott noch einmal gut sein muss?
In der Geschichte von Noah hören wir jedenfalls, dass Gott die Arche von außen verschlossen hat. Das hat er ganz fürsorglich getan. Ähnlich könnten wir es für uns verstehen: Gott selber birgt uns in unserer Arche. Welche auch immer es sein mag.
Es kommt dann allerdings auch die Zeit, in der man die Arche wieder verlassen muss. Noah hatte das große Glück, dass er im richtigen Moment den bunten Regenbogen als Hoffnungszeichen sah. Er begriff sofort, dass das nur ein Friedenszeichen sein konnte. Der Regenbogen sah – nach den damaligen Modellen eines Kriegsbogens – wie ein entspannter Bogen, ein abgelegter Bogen aus. Der Regenbogen sagte Noah, dass Gott den Kriegsbogen beiseite gelegt hat und ihn zum Friedenszeichen gemacht hat.
Also: Wenn man hinausgeht, nach einer Zeit des Rückzugs, nach einer Zeit der bewussten Untätigkeit, weil alles Tun die Situation nur schlimmer macht, wenn die Katastrophe also vorbei ist und man hinausgeht,- ist alles anders geworden. Die Welt ist eine andere und vor allem man selbst ist ein anderer. Man sieht alles mit neuen Augen, auch und gerade sich selbst. Es ist der Sinn einer jeden Arche, dass man in ihr zu sich kommt, dass man groß wird und erwachsen.
Noch einmal: Die Arche will nicht zu einem bequemen Nichtstun verleiten. Man muss alles tun, um Katastrophen zu verhindern. Aber manchmal stellen sie sich trotz aller Gegenaktivität ein. Dann braucht man seine Arche. Dinge, die einem Kraft geben, Schutzräume, die Überleben helfen.
Das Wichtigste aber ist, dass wir nach jeder persönlichen oder allgemeinen Katastrophe lernen, neu und anders weiter zu leben. Die alten Strategien haben ja nicht wirklich geholfen.
Gott will, dass die Menschen und dass die Welt lebe. Dazu stärkt er jede Friedensaktivität und jeden Schutzraum, wenn er denn nötig ist.
Das sagt uns die alte Glut der Noaherzählung – und so segnet uns Gott, wo immer wir die Arche entdecken.
AMEN
diese
Liebe Jungen und Mädchen, liebe Gemeinde,
wir zählen auch diese Predigt zu den Glutpredigten. Da es schon länger her ist, dass ich erklärt habe, was wir unter einer solchen Glutpredigt zu verstehen haben, jetzt noch einmal ein Versuch.
In der Bibel stehen ziemlich alte Geschichten. In der Bibel ist damit altes Traditionsgut der Menschheit gesammelt, das allerdings für alle Menschen eine nicht unerhebliche Wahrheit aufbewahrt. Diese Wahrheit können wir uns wie eine Glut vorstellen. Ein Gluthaufen schwelt vor sich hin, fast ausgelöscht, fast vergessen. Hin und wieder aber wird eine solche Glut auch wieder zum lodernden Feuer. Wenn die Menschen Feuer brauchen, erinnern sie sich: da war doch etwas! Davon habe ich doch schon einmal gehört!
Die Geschichte von Noah gehört zu diesen Gluterzählungen. Sie ist schon in Kindergärten beliebt. Viele Bilderbücher erzählen von Noah, der Arche und dem Regenbogen, und man kann alles das auch gut in eigene Bilder fassen. Millionenfach ist diese Geschichte so schon von Kindern gemalt worden und hat sich so in den Köpfen festgesetzt.
Diese Geschichte steht aber nicht nur in der Bibel. Ca 250 mal wird sie in unterschiedlichsten Versionen in allen möglichen Kulturen überliefert, verstreut über die ganze Erde.
Alle Menschen haben offensichtlich so etwas wie eine ganz tief sitzende Urangst, dass ihre Welt einmal untergehen könnte. Nicht nur der Einzelne ist bedroht, sondern die Menschheit als Gattung. Wir könnten auch sagen, dass es eine überall schwelende Angst gibt, dass die ganze Schöpfung rückgängig gemacht werden könnte.
Das verdrängt der Mensch natürlich gerne. Nur bei großen, zumeist von Menschen verursachten Krisen oder Katastrophen erinnert man sich. Wie kann es sein, dass alles sang- und klanglos einfach so untergehen soll oder den Bach hinuntergeht, wie wir sagen?
Das passiert nicht, weil die Menschen grundsätzlich d.h. von Grund auf böse sind. Das sind sie nämlich nicht. Das passiert auch nicht, weil die Menschen gar nicht anders können. Sie könnten anders. Aber es passiert, weil die Menschen unter bestimmten Bedingungen so bösartig werden, dass die Schöpfung nur noch geringe Chancen hat. Es passiert, wenn die Menschen verführt werden, oder sie sich verführen lassen. Dann treibt alles in den Untergang, wie in den furchtbaren Kriegen des vergangenen Jahrhunderts, und heute scheint es ähnlich, wenn man den Krieg gegen die Umwelt bedenkt.
Dann erinnert man sich und fragt: da war doch was? Wie war das mit Noah?
Noah hatte eine Arche gebaut. In der wurde er gerettet, er und seine ganze Großfamilie und von allen Tierarten ein Paar. So konnte die Schöpfung später noch einmal neu beginnen.
Was dann neu begann, war nicht besser als das, was vorher gewesen war. Die Menschen sind die gleichen, vor der Flut und nach der Flut. Aber Gott hat sich geändert. Gott ist gnädiger geworden. Es ist, als hätte Gott jetzt erst - nach dem Sündenfall - erkannt, dass auch er mit einer defekten Welt leben muss. Deshalb verspricht er mit dem Zeichen des Regenbogens, dass er, Gott, die Welt nicht mehr zerstören wird.
Die Menschen aber können sie freilich sehr wohl noch zerstören und erst in unserer Zeit haben sie mehr als je zuvor auch die Mittel dazu. Die Menschen können es, wenn sie nicht doch noch von dem einstmaligen Entschluss Gottes lernen und sich selbst besinnen.
Katastrophen gibt es ja nun wirklich genug. Es gibt also auch genug Material, an dem wir üben könnten, die Welt zu retten.
Gerade wenn man 13,14 oder 15 Jahre alt ist, scheint die Welt oft wie eine einzige Katastrophe. Man fühlt sich zuhause nicht mehr richtig wohl. Die Schule bringt es erst recht nicht. Man fühlt sich oft noch nicht einmal in sich selber, in der eigenen Haut wohl.
Alles ist eine einzige Katastrophe,- aber untergehen soll darin ja niemand. Jedenfalls will Gott das nach unserer Glutgeschichte nicht.
Was ist also eure Arche?
Gibt es so etwas wie einen Ort, eine Höhle, in die man sich zurückziehen kann wie in einen Kokon?
Vielleicht ist es euer eigenes Zimmer, in das niemand eintreten darf, es sei denn mit eurer Erlaubnis.
Vielleicht ist es ein guter Freund oder eine Freundin? Vielleicht auch eine ganze Clique, die jeden Blödsinn mitmacht.
Eine Arche braucht jeder Mensch. Eine solche ist eigentlich kein Rückzugsort, kein heiles Örtchen in einer unheilen Welt, sondern vielmehr ein Aufbewahrungskasten für eine neue Geburt. Das Kästchen, in dem Moses im Nil überlebt, wird mit demselben Wort bezeichnet wie die Arche Noahs.
Eigentlich sollte und wollte auch jede Kirche eine Art Arche, ein Widerstandsnest, sein. Deshalb nennt man sie ja auch manchmal „Kirchenschiff“. Leider haben das die meisten Menschen vergessen. Vielleicht brauchen sie sie noch einmal ganz dringend – wer weiß? Wer weiß, wofür Gott noch einmal gut sein muss?
In der Geschichte von Noah hören wir jedenfalls, dass Gott die Arche von außen verschlossen hat. Das hat er ganz fürsorglich getan. Ähnlich könnten wir es für uns verstehen: Gott selber birgt uns in unserer Arche. Welche auch immer es sein mag.
Es kommt dann allerdings auch die Zeit, in der man die Arche wieder verlassen muss. Noah hatte das große Glück, dass er im richtigen Moment den bunten Regenbogen als Hoffnungszeichen sah. Er begriff sofort, dass das nur ein Friedenszeichen sein konnte. Der Regenbogen sah – nach den damaligen Modellen eines Kriegsbogens – wie ein entspannter Bogen, ein abgelegter Bogen aus. Der Regenbogen sagte Noah, dass Gott den Kriegsbogen beiseite gelegt hat und ihn zum Friedenszeichen gemacht hat.
Also: Wenn man hinausgeht, nach einer Zeit des Rückzugs, nach einer Zeit der bewussten Untätigkeit, weil alles Tun die Situation nur schlimmer macht, wenn die Katastrophe also vorbei ist und man hinausgeht,- ist alles anders geworden. Die Welt ist eine andere und vor allem man selbst ist ein anderer. Man sieht alles mit neuen Augen, auch und gerade sich selbst. Es ist der Sinn einer jeden Arche, dass man in ihr zu sich kommt, dass man groß wird und erwachsen.
Noch einmal: Die Arche will nicht zu einem bequemen Nichtstun verleiten. Man muss alles tun, um Katastrophen zu verhindern. Aber manchmal stellen sie sich trotz aller Gegenaktivität ein. Dann braucht man seine Arche. Dinge, die einem Kraft geben, Schutzräume, die Überleben helfen.
Das Wichtigste aber ist, dass wir nach jeder persönlichen oder allgemeinen Katastrophe lernen, neu und anders weiter zu leben. Die alten Strategien haben ja nicht wirklich geholfen.
Gott will, dass die Menschen und dass die Welt lebe. Dazu stärkt er jede Friedensaktivität und jeden Schutzraum, wenn er denn nötig ist.
Das sagt uns die alte Glut der Noaherzählung – und so segnet uns Gott, wo immer wir die Arche entdecken.
AMEN
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