Sonntag, 7. Juni 2009

David und Goliath - Machtkampf auf biblisch

David und Goliath - 1.Samuel 17 - eine Strategie


Liebe Gemeinde,

niemand kann in diesen Tagen an der aktuellen Situation vorbeigehen. Es beschäftigt alle, also auch uns. Es wird gewählt in Deutschland und in Europa.

Ich habe den Eindruck, dass die Atmosphäre sogar aufgemischter ist als in früheren Zeiten. Es gibt eine größere Diskussionsfreude und Diskussionsbreite. Wahrscheinlich, weil es vor allem um wirtschaftliche Belange, vulgo ums Geld geht. Da ist jeder betroffen und interessiert. Ganz gleich, ob es eine echte Sorge ist, wenn es um Renten, um soziale Sicherungssysteme oder um die Steuern geht, oder ob es die blanke Raffgier ist, wenn Subventionen verhandelt werden,- interessiert sind alle.

Aufgabe der Kirche und des Pastors ist es nun nicht, Wahlempfehlungen oder gar Parteiempfehlungen zu geben. Jede demokratische Partei – von der sozialistischen Linken bis zur konservativen Rechten – ist für Christen wählbar. Ausgenommen sind nur die Radikal – Rechten, die unsere Grundordnung und unsere Grundwerte in Frage stellen. Empfehlungen braucht in der Kirche niemand, aber es geht uns um Werte.

Das sind unsere Fragen:
Wie eigentlich wird Macht begründet? Was drückt sich in ihrer Gestalt, in ihrem Daherkommen aus? Welche Werte stehen im Hintergrund? Um was geht es wirklich? Was soll durch Menschen für die Menschen gestaltet werden?
Aus den Antworten auf solche Fragen können dann Schlüsse gezogen werden.

Was sagen wir also zu den Machtbegründungen und zu den Werten? Lasst uns die Antwort in der Bibel suchen.

In einem Gruppengespräch haben wir uns neulich mit zwei unterschiedlichen Machttypen beschäftigt. Sie sind allgemein bekannt, aber werden im Gottesdienst nicht häufig traktiert: David und Goliath.

Wir wissen, dass David der eigentliche Sieger ist. Sein Sieg hat Geschichte, Kultur und sogar Religion begründet. Aber wie ist Davids Macht begründet? Welche Glut steckt in seiner Art, in seiner Kraft?

Zur Situation:
Die Eindringlinge ins Land sind die Israeliten – wohlgemerkt. Es sind Bauern- u. Hirtenhaufen mit dem Bauernkönig Saul an der Spitze, die sich im Land festsetzen wollen. Dabei bekommen sie es nun mit schon längst sesshaften Kulturvölkern zu tun. Die Kultur und auch das Recht scheint auf deren Seite zu liegen. Sie sind die Bürger, die Philister. Sie besitzen Kultur, auch Kriegskultur. Nicht alle sollen gegen alle kämpfen und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Einer allein soll es tun, stellvertretend für alle. Goliath ist der starke Mann.

Goliath ist ein lebender Panzer. Er ist der Prototyp eines aufgeblasenen und eingebildeten Kulturmenschen. Er beeindruckt mit Drohgebärden. Er schüchtert ein und fordert durch Beschimpfungen heraus. Er verlangt Ebenbürtigkeit: Mann gegen Mann, Schwert gegen Schwert. Alles auf gleicher Augenhöhe, dann wird man weitersehen. Die israelitischen Haufen bekommen Angst. So ist es beabsichtigt.

Nur einer lässt sich nicht beeindrucken: David.
Ist er ein Luftikus, der vor lauter jugendlichem Überschwang die Realität nicht richtig einschätzt? Oder steckt mehr – aber anderes – in ihm? Er scheint ein Naturbursche zu sein. Auf jeden Fall ist er ein Naturtalent. Unwillkürlich tritt die Davidfigur des Michelangelo vor unser inneres Auge.
In der eisernen Kultur-Rüstung kann dieser David sich nicht bewegen. Er kann so nicht gehen. Er zieht sie also wieder aus. Löwen und Bären hat er mit der bloßen Hand bezwungen. Am Erfolg ist er durchaus interessiert. Die Belohnung will er schon.

Die Bibel zögert nicht, David klein zu machen. So klein, wie nötig. Das scheint geradezu ihre Strategie zu sein. Als Samuel einen Nachfolger für Saul sucht, muss David erst vom Feld geholt werden. Er ist der Jüngste in der Familie. Jetzt bringt er nur fünf Steine aus dem Bach mit. Der ältere Bruder schickt ihn weg. Du willst nur gucken, was die Erwachsenen machen, sagt er. Nur König Saul hat ein richtiges Gespür. Ihm bleibt auch keine andere Wahl.

Worin besteht Davids Kraft?
Ist es seine jugendliche Unbekümmertheit, sein Wagemut, vielleicht sogar sein Übermut? Ist er womöglich eine Spielernatur?
Durch alles dieses allein hätte er nicht gewonnen. Sein Sieg wäre dann Zufall oder Glück gewesen. Er hätte auf tönernen Füßen gestanden. So begründet man keine Dynastie. Davids Kraft muss aus anderen Quellen kommen.

Auf dem Bild in der kleinen Hosentaschenbibel steht David im Licht. Was ist das für ein Licht? Was gibt ihm Licht und Kraft? Woher nimmt er das?

Es wird seine Bodenhaftung sein, die ihm hilft. David ist mit der Erde verbunden, geradezu eingewickelt in Erde. Er ist Schäfer und Hirte. Als Goliath ihn mit seinem Hirtenstock sieht, ruft der gepanzerte Krieger: Bin ich ein Hund?! So, wie du auftritts, bist du mir nicht ebenbürtig. Du bist nicht satisfaktionsfähig. Du eignest dich nicht zum Duell.
Aber genau das will David auch nicht. Es geht ihm eben nicht um Augenhöhe. Er kommt nun mal von unten, vom Boden weg.

David hat nichts als sich selber. Aber er kann mit sich umgehen. Wenn es sein muss, packt er Löwen und Bären mit den bloßen Händen.
Weil das so ist, ist Gott mit ihm. Gott potenziert Davids Kraft. Gott kommt nicht von außen – etwa als ein Schild - zu David hinzu, sondern er ist i n David, denn dieser ist „vom Acker“, aus Erde, ein neuer Adam.

Wir wissen bereits, wie die Geschichte ausgeht. David wird siegen, und er wird ein großer König Israels. Er wird auch die Kultur fördern, wobei es allerdings nicht so sehr um die Kriegstechnik geht. David ist ein Sänger, Tänzer, Musiker, Leierspieler. Er dichtet Psalmen und andere Gesänge, Hohelieder. So begründet er seinen Ruf – und seine Macht. Später wird er dann diese Macht allerdings auch wieder missbrauchen. Macht korrumpiert leider auch ihn. Aber David lässt sich auch brechen, auf ein menschliches Maß brechen. Er vergisst nicht, dass er letztlich vom Acker stammt. Er bleibt immer nah an den Problemen der Menschen. So ist er ein großer König.

Noch einmal wieder ins Aktuelle.
Haben wir unter unseren gegenwärtigen Politikern dem David ähnliche Charaktere? Die Frage stellen heißt sie verneinen. Unsere Politiker und Politikerinnen gleichen eher den aufgeblasenen Goliaths, die immer schon vorher wissen, wie die Schlacht auszugehen hat. In der Regel wissen sie schon vor der Wahl, was diese bringt.
Man möchte unsere politische Spezies nur zu gerne auf den Boden ziehen und ihnen vorschlagen, doch einmal nur einen Monat lang von der Sozialhilfe zu leben. Werdet zuerst Menschen, bevor ihr Menschen regieren wollt! Vielleicht würden die Gesetze dann andere werden. Vielleicht ginge es dann gar nicht mehr um das große Geld oder herausragende Wirtschaftserfolge. Vielleicht ginge es dann eher um Moral, die man dem Geld sehr wohl vorschreiben muss. Aus sich hat es die nicht. Vielleicht geht es dann wirklich um Arbeitsplätze und nicht nur um günstige Konditionen für mögliche Arbeitsplätze.

Für all das haben wir Christen einzutreten. Die Menschen dürfen nicht außen vor bleiben. Sie sind und bleiben die Mitte.
Wir wollen von Menschen regiert werden, die wissen, wie man Löwen und Bären bändigt – mit den eigenen Händen. Das heißt ja durch eigene Arbeit, durch Kontakt mit den Betroffenen und nicht vom fernen Schreibtisch aus. Wir brauchen Davids und nicht aufgeblasene Goliaths, die nur durch imposante Gesten, durch Bissigkeiten und Intrigen zu imponieren versuchen.
Zugegeben: Sie sind schwer zu finden. Leicht lässt man sich blenden von weiblichen und männlichen Goliaths.

Aber einzuklagen haben wir integre Politiker.
Vielleicht ist bei uns die Zeit noch nicht reif für David. Vielleicht haben wir nur die Wahl zwischen verschiedenen Übeln. Dann wählen wir hoffentlich das Kleinere.

Vergessen wir nur nicht: Gesiegt hat letztlich nur David. Da ist die Bibel – wie immer – ganz klar und tröstlich.

AMEN

Dienstag, 2. Juni 2009

CREDO

Credo der Gemeinde an der Lutherkirche in Bochum

In einem dreitägigen Gesprächsprozess haben ca. 30 Gemeindeglieder 2005 diesen Text als Glaubensbekenntnis für diese Zeit und für diese Gemeinde formuliert.


Wir glauben an GOTT, der die Liebe ist, die sich in der ganzen Schöpfung und in Jesus Christus zeigt und die alles durchwaltet.
Weil GOTT die Liebe ist, wissen wir, dass Religion nie mehr ein Grund für Gewalt sein darf.

Wir vertrauen darauf, dass in Jesus Christus alle Menschen die Einheit mit GOTT finden und zu einem neuen Leben erlöst werden.
Das befreit uns davon, egozentrisch um uns selbst zu kreisen.

Wir danken dafür, dass uns die Verkündigung von GOTTES Macht und Liebe über die Jahrtausende erreicht hat und bitten um die Kraft des Heiligen Geistes, die Botschaft unseren Kindern weiterzugeben und vorzuleben.

Wir möchten, dass die Kirche und unsere Gemeinde ökumenisch offen und gastfreundlich ist für alle Menschen auf der Suche nach GOTT und nach Sinn und Ziel ihres Lebens.

Wir vertrauen darauf, dass uns GOTT in seinem Wort und seinen Zeichen (Sakramenten) begegnet. Wir ehren GOTT im Gottesdienst durch Gebet, Singen und Stille. So werden wir gestärkt für unser alltägliches Leben.

Wir beten dafür, dass wir in unserer Gemeinde nicht müde werden, uns für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen.
Wir wenden uns denen helfend zu, die zu Opfern von Menschen und Umständen werden.

Wir stehen bewusst und dankbar in der christlich-evangelischen Tradition und halten uns offen dafür, von GOTT und den Menschen in aller Welt zu lernen.
In unserem Tun lassen wir uns von unserem Gewissen und dem Heiligen Geist leiten.

AMEN

Pfingsten, 15. Mai 2005

Montag, 1. Juni 2009

Pfingstwunder - ein neues, altes

Pfingsten 2005 - Einheit in Verschiedenheit - Acta 2


Liebe pfingstliche Gemeinde,

ich habe schon mehr als einmal in verschiedenen Pfingstpredigten versucht zu erklären, was Pfingsten eigentlich bedeutet. Sicher bin ich nicht der einzige Prediger, der eben das versucht.
Und dennoch: die Menschen wissen trotzdem nicht, was das für ein Fest ist. Was feiern wir eigentlich? Es hat irgendwie mit dem Heiligen Geist zu tun oder mit dem Geburtstag der Kirche. Aber weshalb und wie – das ist weitgehend unbekannt.

In welcher Kulturvergessenheit leben wir eigentlich? Wir feiern ein Fest – 2 Tage sogar -, aber die meisten wissen nicht warum. Eigentlich dürfte nicht ich so fragen und Erklärungsversuche anstellen. Eigentlich wäre die ganze Angelegenheit umzukehren. Die unwissenden Menschen müssten fragen: Wieso feiern wir eigentlich? Was ist da wirklich, in der Tiefe und nicht nur an der Oberfläche geschehen? Sie müssten so fragen, weil sie das Unbekannte nicht einfach hinnehmen wollen. Dann könnte man gemeinsam nach einer Antwort suchen. Eine Erklärung, die wirklich greift, gibt es nämlich gar nicht. Dieses Fest ist nicht erklärbar. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum von allen Erklärungsversuchen nichts oder nur so wenig hängen bleibt.

Dieses Fest kann man nur erfahren oder erleben, und genau das bleibt hängen. So ist es ja immer: nur was man erlebt, bleibt im Gedächtnis. Was nur im Kopf geschieht, wird auch schnell wieder vergessen. Der Kopf reicht nicht für die Speicherung alles dessen, was durch ihn hindurchgeht. Eine Erfahrung müssten wir also suchen und nicht nur eine Erklärung.

Was zu Pfingsten geschehen ist, haben wir versucht, in einer Vorbereitungsgruppe zu dieser Glutpredigt herauszufinden. Ich bin zutiefst dankbar für dieses Gespräch. Noch im Nachhinein ist mir aufgegangen, welche tiefen Gedanken und Fragen wir berührt haben. So etwas ereignet sich nur, wenn nicht einer alleine nachdenkt, sondern wenn mehrere Menschen sich vernetzen und miteinander suchen. Dann wirkt schon der Heilige Geist, und Erfahrung stellt sich ein.

Eine unserer Fragen lautete z.B., welchen Zugang wir Menschen eigentlich zur Wirklichkeit haben. Wie ereignet sich Verstehen, Begreifen, Einleuchten? Das ist eine zugegebenermaßen recht abstrakte Frage, aber sie ist dennoch wesentlich.

Seit fast 400 Jahren denkt man in Europa, dass wir ausschließlich mit Hilfe unseres Verstandes und unserer Vernunft begreifen. Wir forschen, messen, zählen, wiegen, zerlegen. Wir denken dann nach und kombinieren. So wird unsere Welt eine ergriffene und begriffene Welt. Aus diesem Begreifen wächst dann eine Handhabung, eine Technik, mit der wir die Welt noch einmal anders – technisch – in den Griff nehmen. Was aber nicht im Verstand aufgeht, zählt eigentlich nicht. Es gibt es nicht, oder es ist schlichtweg unvernünftig. Besser, man lässt es auf sich beruhen.

Langsam dämmert uns heutzutage, dass das so nicht alles sein kann. Die vernünftige, technische Weltbemeisterung birgt auch viele Gefahren. Technik alleine ist ambivalent. Sie hilft, aber sie tötet auch.

Viele Aspekte des Lebens gehen wirklich in unserem Verstand allein nicht ein und auf – und sie zählen trotzdem. Alles Geheimnisvolle, das Wunderbare und Wunderhafte, das, was plötzlich da ist, und niemand weiß woher – die Liebe, die Rührung, das Mitgefühl – es bleibt dem Verstand rätselhaft. Jede Religion – im echten und guten Sinn – geht in der reinen Verstandeswelt nicht auf. Das Wunderbare muss unbegriffen bleiben, wenn es nicht zerstört werden soll. Eine zerlegte Blume ist eben kein Schöpfungswunder mehr.

Ein Philosoph unserer Tage (Sloterdijk?) hat sich neulich im Spiegel so geäußert: Religion weist uns darauf hin, dass wir das Ungeheure des Lebens nicht zureichend erfassen können. Unser Verstand reicht dazu nicht aus. Er begreift nur den engeren Sektor.
Damit sind wir wieder bei Pfingsten.

Da wird von einem anderen Zugang zur Wirklichkeit, von der größeren Möglichkeit erzählt. Die Bibel nennt das den „Heiligen Geist“. Er wirkt 1000 Möglichkeiten und unendliche Unmöglichkeiten. Man kann ihn nicht begreifen,- er ergreift uns. Man kann ihn auch nicht vorausschauend berechnen. Er kommt und geht wie der Wind und wie er will. Er brennt, entflammt, erleuchtet und verbrennt doch nichts. Er zerstört nicht, sondern belebt. Wie Feuer und Licht erhellt er alles. Die von ihm ergriffenen Menschen verstehen alles und sehen alles in einem anderen, neuen Licht. Er überfällt die Menschen, es erreicht sie und sie können nicht erklären, warum, weshalb, wieso.

Wer nur von außen, mit seinem Verstand das Phänomen betrachtet, begreift nichts. Der Verstand alleine sagt: Die sind betrunken, voll des süßen Weines. Das kann er analysieren, wenn er will.

Nur von innen aber versteht man, und man versteht sich, auch wenn jeder verschiedene Sprachen spricht.
Von außen wird eingeteilt: Kreter, Griechen, Römer, Juden; Mann, Frau; Alt, Jung.
Von innen, im Heiligen Geist, hat man an solcher Einteilung kein Interesse mehr. Von innen gesehen sind alle eins: Menschen, die im Geiste Gottes stehen.

Was die Außenstehenden sehr wohl erkennen, ist die Wirkung. Das Leben der Betroffenen ändert sich. Sie sehen mehr und handeln anders. Ihren Verstand gebrauchen sie auch – hoffentlich, aber sie verfügen auch noch über größere Erkenntnisquellen, die den Verstand erst in seine angemessene Position rücken. Die geistbewegten Menschen stehen im Geist, der sie lieben heißt und tief verstehen lässt, wie die Rätsel der Welt und des Lebens sich lösen, von Gott her lösen.

Petrus beginnt in seiner Pfingstpredigt, der ersten, dieses Phänomen den Außenstehenden zu erklären. Das ist nicht einfach, denn wie soll man Blinden die Farbe erklären? Wie kann man Verstandesgrenzen überschreiten, wenn dasselbe nur verdankt sein kann. Allenfalls kann man sich nicht widersetzen und einen Versuch zulassen.

Petrus erklärt, dass das alles nicht neu ist. Schon der Prophet Joel hat am Ende des 1. Bundes eine solche Geisterfahrung angekündigt. Auch er hat schon gewusst, dass es mehr gibt als das, was Menschen denken können. Diese Geisterfahrung hat nicht nur etwas Formales. Sie ist nicht nur eine Begabung oder eine besondere Fähigkeit. Ihr gehört auch ein besonderer Inhalt zu: Jesus, der Christus. Petrus sagt: Jesus lebt – von Gott auferweckt und mit dem Geist beschenkt. Sein Geist soll sich in uns fortsetzen. Er soll in uns Gestalt werden, damit wir zur unterschiedenen Einheit und zur gegenseitigen Zuwendung finden. Damit wir jedes Spalten und Abtrennen lassen. Ein solcher Geist ist eine große Macht, die sich auf die Menschen setzt.

Jemand in unserem Vorbereitungskreis hat gefragt, ob das wohl noch einmal kommt, dass sich all die zerspaltenen Menschen als die eine Einheit empfinden? Juden und Christen, Christen und Moslems, Abendland und Ferner Osten, Katholiken und Protestanten – und welche Spaltungen es sonst noch geben mag.

Babylon – die Nur-Rationalität und die sich ihr verdankende eindimensionale Technik haben die Trennungen – im Sinne der Wissenschaften – herbeigeführt. Das ist notwendig und wir verdanken dem viel. Aber es ist nicht alles.

Der Heilige Geist will das ändern. Er macht nicht gleich, er nivelliert nicht – das wäre nur eine Verarmung, aber er ermöglicht ein Verstehen gerade des Verschiedenen und Unterschiedenen. Die verschiedenen Sprachen bleiben alle, aber sie trennen nicht mehr. Der Heilige Geist spricht sie alle, nur Esperanto will er nicht verstehen. Man versteht sich trotz der verschiedenen Sprachen.

Zwei Bemerkungen zum Schluss:

In diesen Tagen wurde an das Kriegsende vor 60 Jahren gedacht, und in Berlin wurde das einzigartige Denkmal für die 6 Millionen ermordeten Juden eingeweiht. Da steht ein Mahnmal und Friedhof im Herzen unseres Landes. Ein tieferes Symbol kann es hier nicht geben. Was in der Zeit vor 60 Jahren geschah, war der Gipfel einer Fehlentwicklung des Menschen. Man hat Menschen noch mit kühlem Kalkül und mit technischer Perfektion gemordet – und damit die Menschlichkeit selbst getötet. Die Seele der Menschheit und aller Menschen ist durch diese Brutalität im Kern tödlich getroffen worden.

Der Heilige Geist will auch diese, die tiefste Wunde heilen und zusammenführen, was der Hass zertrennt hat. Er will Frieden und Versöhnung. Wir werden diese Heilung verstehen, annehmen und leben können, wenn wir uns vom Heiligen Geist entzünden lassen.

Und das zweite: Wir veröffentlichen heute unser Gemeindecredo und bekennen es. Etwa 30 Menschen haben diese Worte im Gemeindeseminar formuliert, und wir hoffen, dass sich auch noch viele andere in diesen Worten wiederfinden können. Es ist wichtig, den Geist dieser Worte aufzuspüren, um in ihnen das Wehen auch des Heiligen Geistes zu entdecken.

So wünschen wir es uns: Veni, Creator Spiritus - Komm, Heiliger Geist, Schöpfer! Erschaffe uns neu!

AMEN

Dienstag, 26. Mai 2009

Joseph - oder wie man wird, was man ist

Joseph - ein Konfirmand früherer Zeiten (Predigt anlässlich einer Konfirmation)


Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

im Vorfeld früherer Konfirmationen habe ich verschiedentlich die Jugendlichen nach ihren Zukunftsplänen gefragt. Das führte dann öfters zu einem Schmunzeln oder gar zu offenem Lachen in der Kirche, wenn wir vorlasen, was die Jungen und Mädchen geschrieben hatten. Zum Beispiel: Ich möchte Rennfahrer werden wie Schuhmacher oder Tennisprofi wie Steffi Graf, oder auch schlicht: Ich möchte Millionär werden, ein schönes Haus besitzen, zwei Kinder haben und in der Garage soll ein Jaguar stehen. Das Lachen der Erwachsenen, der Eltern und Verwandten war vermutlich nie böse gemeint. Eltern hören solche Zukunftspläne ihrer Kinder mit Wohlwollen. Es ist ja gut, wenn Kinder Ziele haben. Sie dürfen ruhig ein wenig hoch gegriffen sein. Das Leben wird es schon richten.

Euch habe ich nun nicht so gefragt, aber ich vermute dennoch, dass ihr auch Ziele, Träume und Wünsche habt. Was wäret ihr sonst für Jugendliche!
Deshalb auch möchte ich euch jetzt von einem jungen Mann erzählen, aus dem tatsächlich Großes geworden ist. Das hat sich zwar schon vor ca 3000 Jahren abgespielt. Wie aber aus ihm etwas geworden ist, daraus können wir noch heute lernen. Die Geschichte dieses Mannes ist ein exemplarischer Bildungsroman und Thomas Mann, der wohl größte deutschsprachige Romancier seit Goethe, hat auch tatsächlich aus dem Stoff einen großen Roman gestaltet: Joseph und seine Brüder.

Der Vater des Joseph, Jakob, hatte 12 Söhne und wohl auch noch Töchter von verschiedenen Frauen. Von seiner Lieblingsfrau Rahel stammten zwei Söhne ab. Der Älteste von diesen beiden – Joseph – war Jakobs erklärter Lieblingssohn. In diesen Sohn setzte Jakob seine höchsten Erwartungen, und er stattete ihn darum bestens aus. Er kleidete ihn so vortrefflich in einen prächtigen Mantel, dass Joseph wirklich etwas hermachte. Joseph wusste mit der Zeit, dass er etwas Besonderes war und das zeigte er auch.

Das allerdings machte die anderen Brüder eifersüchtig und neidisch zugleich. Joseph reizte sie geradezu bis aufs Blut. So wollten sie ihn schlussendlich ausschalten, am liebsten sogar ermorden. Sie warfen Joseph in einen ausgetrockneten Brunnen. Es war das 1. Mal, dass Joseph in ein Loch fiel oder vielmehr, dass er in ein solches gestopft wurde. Dem Vater wollten die Brüder Josephs schönen Mantel – blutbefleckt – bringen. Ein wildes Tier hätte Joseph… usw. usw.

Dieser Plan wurde dann auch so ausgeführt. Nur töten wollten sie Joseph denn doch nicht. Aber sie verkauften ihn als Sklaven nach Ägypten. So brachte er ihnen wenigstens noch ein wenig Geld.

In Ägypten machte Joseph nun wirklich und schnell Karriere. Er wurde eine Art Prokurist bei einem bedeutenden Mann. Er konnte auch wirklich etwas und er war zudem auch noch einigermaßen attraktiv. Das merkte auch die Frau seines Chefs Potiphar. Sie hätte gerne ein Verhältnis mit Joseph angefangen, aber dieser wollte nicht. Und wieder spielt sein Mantel eine Rolle. Die Frau hält diesen nämlich bei ihrem Griff nach Joseph fest und dreht die ganze Geschichte einfach um. Sie behauptet, dass Joseph hinter ihr her gewesen sei. Niemand glaubt natürlich dem fremden Joseph, und er landet schließlich im Gefängnis. Er ist zum 2.Mal ins Loch, in die Grube gefallen.

Aber auch im Gefängnis fällt er auf. Er weiß eben mehr als die anderen. So soll er schließlich sogar dem Pharao, dem Kaiser, dessen Träume deuten. Als er mit seiner Deutung richtig lag, hatte er es endgültig geschafft. Jetzt war er der gemachte Mann.

Mit diesem Happyend lassen wir die Geschichte enden, nicht ohne uns zu fragen, was wir von Joseph lernen können. Das ist eine spannende Frage, gerade wenn man am Tor zum richtigen Leben steht wie ihr bei eurer Konfirmation.

Eines scheint mir beim Joseph ganz wichtig zu sein: seine Karriere verläuft nicht gradlinig. Da gibt es so manchen Knick. Mindestens zwei Mal fällt Joseph in ein tiefes Loch. Aber ausgerechnet diese Einbrüche sind die Wendemarken seines Lebens. Wenn euch etwas Ähnliches passieren sollte, oder sogar schon passiert ist,- denkt an Joseph. Ein Ende muss nicht das Ende sein. Gerade das, was unser Leben verschattet, kann es auch reich machen. Wir lernen daran.

Ein zweites ist ebenso wichtig: mindestens zwei Mal wird dem Joseph sein Kleid, sein Mantel genommen. Was übrig bleibt, ist das, was in dem Mantel steckt: der Joseph. Nicht das Äußere ist also das Entscheidende. Nicht das, was vor Augen liegt, das, was man sehen und also auch machen kann. Der Kern ist wichtig.

In seinem Kern, in sich selber, hatte Joseph seinen wirklichen, wahren Schatz. Er hörte auf seine Träume. Er lernte, sie zu verstehen und lernte so, sich selber gut zu verstehen. Am Ende kannte er nicht nur sich selber gut, sondern auch die anderen. Manchmal verstand er sie besser als sie sich selbst verstanden. Das ist der eigentliche Grund für seine Karriere. Nicht die äußerlichen Konditionen sind wichtig. Sie können kommen und gehen. Aber was Joseph in sich selber war, das konnte ihm niemand, kein neidischer Bruder, keine verletzte Frau und kein rachsüchtiger Machthaber nehmen.

Ein jeder von Euch hat auch so einen Personkern. Jeder Mensch hat einen solchen. Lasst ihn wachsen!

Ihr habt euch selbst eure Konfirmationsverse ausgesucht. Warum habt ihr den gewählt, den ihr genommen habt? Vielleicht, weil er so schön kurz ist. Aber das ist nur äußerlich. Wenn ihr euren Vers meditiert, wie die Kuh Gras wiederkäut, werdet ihr merken, dass euer Konfirmationsvers ein Schlüssel zu eurem Kern sein kann. Wenn ihr seiner Weisung folgt, wird er euch einen wichtigen Teil eures Lebens erschließen. Er wird euch zeigen, was wirklich zählt.

Vergesst vor allem den Joseph nicht! Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man zu dem wird, der man ist. Das ist der größte Erfolg, den ein Mensch im Leben haben kann.

Dazu wünschen wir euch Gottes guten Segen.

AMEN

Dienstag, 19. Mai 2009

Jakob und die Leiter zum Himmel

JAKOB - Gen 28,10ff Sprossen zur Erde und zum Himmel
Eine Weihnachtsgeschichte nicht nur zur Weihnachtszeit



Es war als hätte der Himmel
Die Erde still geküsst
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst

Liebe Gemeinde,

dieses sommerliche Nachtgedicht Eichendorffs scheint mir zugleich das Geheimnis der winterlichen Weihnacht, der Christnacht, zu fassen: Es ist als küsste der Himmel die Erde und diese träumt fortan im Schönsten, was sie hervorbringen kann – im Blütenschimmer – vom Himmel,- allerdings ohne zu vergessen, dass sie Erde bleibt und dass es Nacht ist.

Es mag hoffentlich viele leise und zauberhafte Nächte im Laufe des Jahres geben, aber es gibt auch die lauten und schreienden und leider auch viele brutale, gewalttätige, leidvolle Nächte. Die Nacht ist die Zeit des Zaubers und zugleich die Zeit des Schreckens.

Diese eine Nacht aber, die Christnacht, ist anders. Es liegt mehr als nur ein Zauber über ihr. Es liegt ein Geheimnis in ihr. Jeder Schrecken ist fern.

Jahrhunderte bevor Jesus in einer solchen Nacht geboren wurde, befand sich ein Mann auf der Flucht. Jakob hatte seinen alten Vater und seinen älteren Bruder Esau betrogen. Er hatte sich das Erbrecht, ein Segensrecht, den Erstgeborenen-Segen erschlichen, sich dadurch aber auch seine nächsten Angehörigen zu Todfeinden gemacht. Er lebte jetzt in einem fortwährenden Schrecken. Schrecklich.
In einer tiefschwarzen Fluchtnacht legte er sich zum Schlaf auf den nackten Erdboden. Ein Stein diente als Kissen. Da sieht er im Traum den Himmel offen. Engel steigen auf einer Leiter auf und nieder. Himmel und Erde sind wie mit einer Nabelschnur verbunden. – und Gott spricht diesem erschrockenen Menschen seinen Segen zu: Ich, Gott, bin mit dir. Deine Nachkommen werden zahlreich sein. Sie werden ein Segen für die Völker sein.
Jakob wacht benommen auf. Er begreift nichts, aber er ahnt, wie anders alles sein könnte. Hier ist das Tor zum Himmel – sagt er, und macht seinen Kissen-Stein zum Altar, zum Heiligtum.

Das ist eine Weihnachtsgeschichte 1500 Jahre vor Jesus. Genau so geschieht es diese 1500 Jahre später in der Nacht von Bethlehem: Der Himmel öffnet sich. Engel singen. Die Nacht wird hell. Ein Kind ist geboren. Neues ist in die Welt gekommen. Es gibt einen Ausgang aus jedem Schrecken.

Das ist das ganze Geheimnis. Deshalb veranstalten wir jedes Jahr dieses Fest. Wir beschenken uns. Wir sind zusammen. Wir kommen in die Kirche. Alles geschieht, um dieses Geheimnis nicht zu vergessen: Der Himmel kann sich öffnen – und siehe, es wird alles neu.

Ist das nicht nur ein frommer Traum? So etwas wie eine Suggestion? Bleibt die Erde nicht immer doch die, die sie nun einmal ist? Sind die Nächte nicht rabenschwarz? Hängen die Menschen nicht müde und bleischwer in ihren Netzen und Strukturen? Was ändert sich denn?

Ja, sicher – so ist es auch. Aber dennoch gibt es diesen Traum. Er hält uns wach. Wir halten Ausschau nach dem Himmel, ob er sich nicht doch noch einmal wieder öffnet.

Deshalb fragen wir: Wo trifft die Himmelleiter des Jakob heute auf die Erde? Vor 3500 Jahren auf Jakobs Stein, gewiss. Vor 2000 Jahren auf Jesu Krippe, sicher. Aber heute?

Potentiell in einem jeden menschlichen Leben auch. Potentiell also auch bei uns. Warum sind unsere Augen also so gehalten, dass sie nicht sehen, welche Botschaften die Engel uns vom Himmel bringen?

Für Jakob lautete die Botschaft: Ich bin mit dir – und mit deinen zahlreichen Nachkommen.
In Bethlehem hieß sie: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Und wir brauchen heute auch keine andere Botschaft als diese.

Was bedeuten denn für eine altgewordene Gesellschaft wie die unsrige Nachkommen, Kinder?
Sie sind ein Segen und keine Sicherung der Renten- u. Sozialsysteme, wie man manchmal hört. Wir setzen den Segen aufs Spiel, wenn wir keine Kinder wollen und einfach nur immer älter werden. Wir verlieren den Segen, wenn wir unsere Kinder nicht mehr in den Mittelpunkt stellen. Wir können dann einmal niemandem mehr unsere Früchte anvertrauen.

Und Frieden auf Erden? Dieser Segenswunsch ist so aktuell wie lange nicht mehr. Der kalte Krieg ist Jahrzehnte vorbei, aber atomar gerüstet wird immer noch. „Frieden auf Erden“ muss die heutige Gewalt benennen und anklagen, damit sich kein fauler Frieden einschleicht.

Nun kommen aber nicht nur Botschaften vom Himmel. Die Engel tragen auch unsere Anliegen, unsere Klagen und Hoffnungen, unsere Schrecknisse zum Himmel. Das bewahrt uns vor der Wahnidee, dass alles von uns alleine abhängt. Dass wir selber alles alleine bewerkstelligen müssten. Von uns hängt so wenig ab – und doch auch wieder alles, weil es auf die Meinung und Haltung von vielen ankommt. Ich bin nur einer von diesen, aber immerhin. Meine Motivation ist von Gott gestärkt.

Himmel und Erde sind nicht auseinander zu reißen. Weihnachten bindet sie ganz eng zusammen. Das merken wir und das feiern wir.

Umberto Ecco, der italienische Philosoph und Romancier, ein Ungläubiger, ein Agnostiker, hat gesagt: Selbst wenn hinter Weihnachten keinerlei Realität stünde, selbst wenn nicht ein wirklicher Gottessohn wirklich ein wirklicher Mensch geworden wäre – wenn also der Himmel sich tatsächlich nicht öffnen würde und keine Leiter Himmel und Erde aneinander binden würde oder – um noch einmal mit Eichendorff zu sprechen – der Himmel die Erde nicht tatsächlich küssen würde – selbst wenn das alles nicht geschähe, sondern vom Menschen nur erdacht und erfunden wäre – es würde uns Menschen immer noch veredeln und für uns sprechen. Dass wir Menschen überhaupt so denken können, dass wir eine solche Sehnsucht haben, dass wir zutiefst ein Neues, ein anderes, einen Frieden und eine Verbindung von Himmel und Erde wünschen und ersehnen – das ist das Geheimnis. In einem viel tieferen Sinne als dem der bloßen Tatsächlichkeit wäre die Geschichte der Weihnacht dann also doch wahr.

Der christliche Glaube bündelt die große Hoffnung und die tiefe Sehnsucht der Menschen in einem kleinen Kind. So beginnt das Neue immer: klein, kindlich, jung.

Dann müssen auch wir mit dem neuen, anderen, friedlichen Menschen in uns so weihnachtlich beginnen: klein, kindlich-einfach, kindlich-weise.

Liebe Gemeinde, in dieser Nacht öffnet sich der Himmel und die Himmelsleiter trifft in einem jeden von uns auf die Erde. Letztlich ist unser Herz der Stein Jakobs, auf den die Leiter trifft. So bilden sich in uns die Mythen: Engel, die auf und ab steigen. Engel, die uns das Herz öffnen, es weit und warm machen, es vom Stein zum Heiligtum wandeln. Es bilden sich die Mythen, die uns bergen, die helfen und motivieren. Weihnachten ist ein Segen. „Gesegnete Weihnachten“ ist ein Wunsch für das ganze Jahr.

AMEN

Mittwoch, 6. Mai 2009

ABRAHAM - Aufbruch in ein weites Land

ABRAHAM - Genesis 12: Aufbruch in ein weites Land
Hinweise für ältere Menschen zur Feier ihrer Goldenen
Konfirmation


Liebe Gemeinde,

in vielen biblischen Geschichten steckt eine Kernaussage, die wie eine Glut wirkt. Manchmal glimmt diese nur noch schwach vor sich hin. Wird sie aber entfacht, entwickelt sich die Glut zu einem lodernden Feuer, das Menschen ergreift und sie selbst brennend macht. Wir werden im Feuer lebendig.

Abraham war ein solcher von Feuer entfachter Mensch. Wir nennen ihn „Vater des Glaubens“. Sein Lebensgefühl war geprägt von Vertrauen ins Leben, in die Welt und in seine Zeit, Vertrauen in die Sterne am Himmel oder den Sand am Meer – was ihm beides zum Zeichen wurde für seine Verwirklichung in zahlreichen Nachkommen. Vertrauen aber vor allem zu einem Gott, der ihn aus sich herausrief und versprach, ihn in die Weite zu führen.

Abraham ist der Stammvater Israels. Von Adam und Eva stammen nach dem Mythos der Bibel alle Menschen ab. In Adam und Eva sind sich alle Menschen hinsichtlich ihres Menschseins gleich. Auf Abraham aber werden nicht alle zurückgeführt, sondern nur die, die sich in ihm in besonderer Art und Weise erwählt fühlen.
Für die Juden ist Abraham der Stammvater des Volkes Gottes. Für den Juden und Christen Paulus – und mit ihm für alle Christen – ist Abraham der „Vater des Glaubens“, also der Stammvater des neuen Israels, des Glaubensvolkes aus Juden und Heiden. Für die Muslime ist Abraham einer der ganz großen Propheten, einer, in dem wir alle gesegnet sind oder einer, an dem sich die Geister scheiden: Wer ihn segnet, der wird gesegnet sein. Wer ihm Übel will, der wird selber ins Übel, in den Fluch fallen.

Was ist an Abraham so wichtig, dass er zum „Vater“ schlechthin wird, dass „Vater Abraham“ zu einem stehenden Begriff wird?

Wir hören, dass Abraham ein herumirrender Nomade war. So hatte er keine Heimat, kein Land, das ihm wirklich gehörte. Er wird gar nicht gewusst haben, wohin er eigentlich gehörte.
Andererseits besitzt er alles: er hat eine Frau, eine Großfamilie mit Nichten und Neffen, er hat Knechte und Mägde und viel Vieh.
Er hätte sich sogar einrichten können. Er besaß Gastrecht in dem Land, in dem er sich aufhielt. Er hätte…- aber das tat er nicht.

Eines Tages wusste er, was er zu tun hatte. „Geh aus deinem Vaterland und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde. So hörte er.
Abraham war zu der Zeit 75 Jahre alt. Auch wenn die Bibel andere Lebensspannen kennt heißt das, dass er kein Jüngling mehr war. Der gehörte Hinweis war also nicht irgendeine Jugendidee, ein Experiment ins Abenteuer wie es jungen Menschen zusteht. Es war eine Notwendigkeit, die sich dem gestandenen Mann aufdrängte. Als sagte die Stimme: du musst das tun, weil du mehr bist als es dir dein Vater vorgibt. Es beginnt mit dir etwas ganz Neues, also „geh aus deines Vaters Hause!“ Dein eigentliches Land wirst du erst noch finden, wie du auch das erst noch bekommen sollst, was dir noch fehlt und was du so sehnlich erwartest: einen Sohn, einen Nachkommen, einen Fortsetzer.

Das alles steht unter dem Segen. Es wird so zur Fülle: Das Land wird herrlich und reich, fruchtbar sein, und aus deinem Sohn wird ein Volk. So zahlreich wie die Sterne am Himmel oder der Sand am Meer. Das ist Segen: Land und Kinder. Das ist Reichtum. Wer diesem Segen sich entgegensetzt, der fällt in den Fluch. Dann gelingt nichts mehr. Das Leben ist ein Jammer, auch wenn man noch so vieles andere besitzt.

Abraham glaubte Gott und machte sich auf den Weg und auf die Suche.

Wenn es stimmt, dass wir nach der Verheißung seine Kinder sind, dass wir also die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meer sind – sind wir dann auch wohl Menschen von seinem Geist? Menschen von Abrahams Geist. Das ist die Glut, die wir in uns finden können, auch wenn sie angesichts unseres Alters schon fast ausgeglüht zu sein scheint.
An einem Festtag wie dem der Goldenen Konfirmation schaut man gerne zurück: Weißt du noch, fragt man und erinnert sich. Was haben wir nicht alles erlebt! Dass das nun schon 50 oder 60 Jahre zurückliegen soll! Andererseits: So, wie es jetzt aussieht, ist es gut. Die wohlverdiente Rente reicht mehr oder weniger, die Kinder sind schon lange groß. Vielleicht sind sogar Enkel oder Urenkel da. So wie es ist, ist es gut.

Nein! – sagt der Geist Abrahams. Geh! Geh aus deines Vaters Haus. Verlass wenn nötig die Bequemlichkeiten. Es kommt noch etwas. Ein Stück Weg liegt noch vor dir. Vielleicht ist es sogar noch das wichtigste Stück Weg, weil du von dem Alten und Vergangenen immer mehr loslassen kannst. Du darfst gar nicht soviel Gepäck mit dir herumschleppen. Du musst es ja schleppen! Du brauchst auch dein ganzes Sorgen-Gepäck nicht mehr. Mach dir nicht unnötige Sorgen! Aber geh! Gehe deinen Weg – bis ins gelobte Land!

Als wir 14 o. 15 waren, da haben wir wohl gedacht, dass das ganze Leben wie ein gelobtes Land vor uns liegt. Wir mussten es nur ergreifen und etwas aus ihm machen. Und das haben wir dann ja auch: wir haben gearbeitet, geschafft, mal mit weniger, mal mit mehr Erfolg.
Jetzt merken wir, dass es um solche Erträge eigentlich gar nicht geht. Es war gut so,- aber der Weg führt noch weiter. Es war noch nicht das Ziel.
Alles, was ich gesammelt oder erworben habe, muss ich auch wieder loslassen. Das muss nicht bitter sein. Es kann auch wie eine große Befreiung wirken. Je freier ich werde, desto lieber gehe ich auf meinem Weg, auf dem Lebensweg voran. Dabei sehe ich so viel Schönes und so vieles, was ich noch zu beenden und abzuschließen habe. Vieles, das zu vollenden ist..

Alles steht unter dem Segen. Solange ein Mensch geht und sich bewegt, ist er gesegnet. Erst wenn sich nichts mehr tut, schläft auch der Segen ein. Diese Lebensenergie der Bewegung ist die eigentliche Glut. Und da ist ein Gott, der lockt und lockt und lockt. Der ins Leben verlockt. Komm, Abraham, sagt er dem Alten. Es gibt noch so manches, das ich dir zeigen will.

Und Abraham glaubte Gott und ging.
Wir sind Abrahams Kinder. Wir sind in ihm gesegnet. Gehen wir also weiter. Es wird ein Segen sein.

AMEN

Samstag, 2. Mai 2009

NOAH - oder Schutzräume in Weltuntergängen

Noah - Hinweise für Konfirmanden und Konfirmandinnen und nicht nur für
diese


Liebe Jungen und Mädchen, liebe Gemeinde,

wir zählen auch diese Predigt zu den Glutpredigten. Da es schon länger her ist, dass ich erklärt habe, was wir unter einer solchen Glutpredigt zu verstehen haben, jetzt noch einmal ein Versuch.

In der Bibel stehen ziemlich alte Geschichten. In der Bibel ist damit altes Traditionsgut der Menschheit gesammelt, das allerdings für alle Menschen eine nicht unerhebliche Wahrheit aufbewahrt. Diese Wahrheit können wir uns wie eine Glut vorstellen. Ein Gluthaufen schwelt vor sich hin, fast ausgelöscht, fast vergessen. Hin und wieder aber wird eine solche Glut auch wieder zum lodernden Feuer. Wenn die Menschen Feuer brauchen, erinnern sie sich: da war doch etwas! Davon habe ich doch schon einmal gehört!

Die Geschichte von Noah gehört zu diesen Gluterzählungen. Sie ist schon in Kindergärten beliebt. Viele Bilderbücher erzählen von Noah, der Arche und dem Regenbogen, und man kann alles das auch gut in eigene Bilder fassen. Millionenfach ist diese Geschichte so schon von Kindern gemalt worden und hat sich so in den Köpfen festgesetzt.

Diese Geschichte steht aber nicht nur in der Bibel. Ca 250 mal wird sie in unterschiedlichsten Versionen in allen möglichen Kulturen überliefert, verstreut über die ganze Erde.

Alle Menschen haben offensichtlich so etwas wie eine ganz tief sitzende Urangst, dass ihre Welt einmal untergehen könnte. Nicht nur der Einzelne ist bedroht, sondern die Menschheit als Gattung. Wir könnten auch sagen, dass es eine überall schwelende Angst gibt, dass die ganze Schöpfung rückgängig gemacht werden könnte.

Das verdrängt der Mensch natürlich gerne. Nur bei großen, zumeist von Menschen verursachten Krisen oder Katastrophen erinnert man sich. Wie kann es sein, dass alles sang- und klanglos einfach so untergehen soll oder den Bach hinuntergeht, wie wir sagen?

Das passiert nicht, weil die Menschen grundsätzlich d.h. von Grund auf böse sind. Das sind sie nämlich nicht. Das passiert auch nicht, weil die Menschen gar nicht anders können. Sie könnten anders. Aber es passiert, weil die Menschen unter bestimmten Bedingungen so bösartig werden, dass die Schöpfung nur noch geringe Chancen hat. Es passiert, wenn die Menschen verführt werden, oder sie sich verführen lassen. Dann treibt alles in den Untergang, wie in den furchtbaren Kriegen des vergangenen Jahrhunderts, und heute scheint es ähnlich, wenn man den Krieg gegen die Umwelt bedenkt.

Dann erinnert man sich und fragt: da war doch was? Wie war das mit Noah?

Noah hatte eine Arche gebaut. In der wurde er gerettet, er und seine ganze Großfamilie und von allen Tierarten ein Paar. So konnte die Schöpfung später noch einmal neu beginnen.
Was dann neu begann, war nicht besser als das, was vorher gewesen war. Die Menschen sind die gleichen, vor der Flut und nach der Flut. Aber Gott hat sich geändert. Gott ist gnädiger geworden. Es ist, als hätte Gott jetzt erst - nach dem Sündenfall - erkannt, dass auch er mit einer defekten Welt leben muss. Deshalb verspricht er mit dem Zeichen des Regenbogens, dass er, Gott, die Welt nicht mehr zerstören wird.

Die Menschen aber können sie freilich sehr wohl noch zerstören und erst in unserer Zeit haben sie mehr als je zuvor auch die Mittel dazu. Die Menschen können es, wenn sie nicht doch noch von dem einstmaligen Entschluss Gottes lernen und sich selbst besinnen.

Katastrophen gibt es ja nun wirklich genug. Es gibt also auch genug Material, an dem wir üben könnten, die Welt zu retten.
Gerade wenn man 13,14 oder 15 Jahre alt ist, scheint die Welt oft wie eine einzige Katastrophe. Man fühlt sich zuhause nicht mehr richtig wohl. Die Schule bringt es erst recht nicht. Man fühlt sich oft noch nicht einmal in sich selber, in der eigenen Haut wohl.
Alles ist eine einzige Katastrophe,- aber untergehen soll darin ja niemand. Jedenfalls will Gott das nach unserer Glutgeschichte nicht.

Was ist also eure Arche?
Gibt es so etwas wie einen Ort, eine Höhle, in die man sich zurückziehen kann wie in einen Kokon?

Vielleicht ist es euer eigenes Zimmer, in das niemand eintreten darf, es sei denn mit eurer Erlaubnis.
Vielleicht ist es ein guter Freund oder eine Freundin? Vielleicht auch eine ganze Clique, die jeden Blödsinn mitmacht.

Eine Arche braucht jeder Mensch. Eine solche ist eigentlich kein Rückzugsort, kein heiles Örtchen in einer unheilen Welt, sondern vielmehr ein Aufbewahrungskasten für eine neue Geburt. Das Kästchen, in dem Moses im Nil überlebt, wird mit demselben Wort bezeichnet wie die Arche Noahs.

Eigentlich sollte und wollte auch jede Kirche eine Art Arche, ein Widerstandsnest, sein. Deshalb nennt man sie ja auch manchmal „Kirchenschiff“. Leider haben das die meisten Menschen vergessen. Vielleicht brauchen sie sie noch einmal ganz dringend – wer weiß? Wer weiß, wofür Gott noch einmal gut sein muss?

In der Geschichte von Noah hören wir jedenfalls, dass Gott die Arche von außen verschlossen hat. Das hat er ganz fürsorglich getan. Ähnlich könnten wir es für uns verstehen: Gott selber birgt uns in unserer Arche. Welche auch immer es sein mag.

Es kommt dann allerdings auch die Zeit, in der man die Arche wieder verlassen muss. Noah hatte das große Glück, dass er im richtigen Moment den bunten Regenbogen als Hoffnungszeichen sah. Er begriff sofort, dass das nur ein Friedenszeichen sein konnte. Der Regenbogen sah – nach den damaligen Modellen eines Kriegsbogens – wie ein entspannter Bogen, ein abgelegter Bogen aus. Der Regenbogen sagte Noah, dass Gott den Kriegsbogen beiseite gelegt hat und ihn zum Friedenszeichen gemacht hat.

Also: Wenn man hinausgeht, nach einer Zeit des Rückzugs, nach einer Zeit der bewussten Untätigkeit, weil alles Tun die Situation nur schlimmer macht, wenn die Katastrophe also vorbei ist und man hinausgeht,- ist alles anders geworden. Die Welt ist eine andere und vor allem man selbst ist ein anderer. Man sieht alles mit neuen Augen, auch und gerade sich selbst. Es ist der Sinn einer jeden Arche, dass man in ihr zu sich kommt, dass man groß wird und erwachsen.

Noch einmal: Die Arche will nicht zu einem bequemen Nichtstun verleiten. Man muss alles tun, um Katastrophen zu verhindern. Aber manchmal stellen sie sich trotz aller Gegenaktivität ein. Dann braucht man seine Arche. Dinge, die einem Kraft geben, Schutzräume, die Überleben helfen.

Das Wichtigste aber ist, dass wir nach jeder persönlichen oder allgemeinen Katastrophe lernen, neu und anders weiter zu leben. Die alten Strategien haben ja nicht wirklich geholfen.

Gott will, dass die Menschen und dass die Welt lebe. Dazu stärkt er jede Friedensaktivität und jeden Schutzraum, wenn er denn nötig ist.

Das sagt uns die alte Glut der Noaherzählung – und so segnet uns Gott, wo immer wir die Arche entdecken.

AMEN