Joseph - ein Konfirmand früherer Zeiten (Predigt anlässlich einer Konfirmation)
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,
im Vorfeld früherer Konfirmationen habe ich verschiedentlich die Jugendlichen nach ihren Zukunftsplänen gefragt. Das führte dann öfters zu einem Schmunzeln oder gar zu offenem Lachen in der Kirche, wenn wir vorlasen, was die Jungen und Mädchen geschrieben hatten. Zum Beispiel: Ich möchte Rennfahrer werden wie Schuhmacher oder Tennisprofi wie Steffi Graf, oder auch schlicht: Ich möchte Millionär werden, ein schönes Haus besitzen, zwei Kinder haben und in der Garage soll ein Jaguar stehen. Das Lachen der Erwachsenen, der Eltern und Verwandten war vermutlich nie böse gemeint. Eltern hören solche Zukunftspläne ihrer Kinder mit Wohlwollen. Es ist ja gut, wenn Kinder Ziele haben. Sie dürfen ruhig ein wenig hoch gegriffen sein. Das Leben wird es schon richten.
Euch habe ich nun nicht so gefragt, aber ich vermute dennoch, dass ihr auch Ziele, Träume und Wünsche habt. Was wäret ihr sonst für Jugendliche!
Deshalb auch möchte ich euch jetzt von einem jungen Mann erzählen, aus dem tatsächlich Großes geworden ist. Das hat sich zwar schon vor ca 3000 Jahren abgespielt. Wie aber aus ihm etwas geworden ist, daraus können wir noch heute lernen. Die Geschichte dieses Mannes ist ein exemplarischer Bildungsroman und Thomas Mann, der wohl größte deutschsprachige Romancier seit Goethe, hat auch tatsächlich aus dem Stoff einen großen Roman gestaltet: Joseph und seine Brüder.
Der Vater des Joseph, Jakob, hatte 12 Söhne und wohl auch noch Töchter von verschiedenen Frauen. Von seiner Lieblingsfrau Rahel stammten zwei Söhne ab. Der Älteste von diesen beiden – Joseph – war Jakobs erklärter Lieblingssohn. In diesen Sohn setzte Jakob seine höchsten Erwartungen, und er stattete ihn darum bestens aus. Er kleidete ihn so vortrefflich in einen prächtigen Mantel, dass Joseph wirklich etwas hermachte. Joseph wusste mit der Zeit, dass er etwas Besonderes war und das zeigte er auch.
Das allerdings machte die anderen Brüder eifersüchtig und neidisch zugleich. Joseph reizte sie geradezu bis aufs Blut. So wollten sie ihn schlussendlich ausschalten, am liebsten sogar ermorden. Sie warfen Joseph in einen ausgetrockneten Brunnen. Es war das 1. Mal, dass Joseph in ein Loch fiel oder vielmehr, dass er in ein solches gestopft wurde. Dem Vater wollten die Brüder Josephs schönen Mantel – blutbefleckt – bringen. Ein wildes Tier hätte Joseph… usw. usw.
Dieser Plan wurde dann auch so ausgeführt. Nur töten wollten sie Joseph denn doch nicht. Aber sie verkauften ihn als Sklaven nach Ägypten. So brachte er ihnen wenigstens noch ein wenig Geld.
In Ägypten machte Joseph nun wirklich und schnell Karriere. Er wurde eine Art Prokurist bei einem bedeutenden Mann. Er konnte auch wirklich etwas und er war zudem auch noch einigermaßen attraktiv. Das merkte auch die Frau seines Chefs Potiphar. Sie hätte gerne ein Verhältnis mit Joseph angefangen, aber dieser wollte nicht. Und wieder spielt sein Mantel eine Rolle. Die Frau hält diesen nämlich bei ihrem Griff nach Joseph fest und dreht die ganze Geschichte einfach um. Sie behauptet, dass Joseph hinter ihr her gewesen sei. Niemand glaubt natürlich dem fremden Joseph, und er landet schließlich im Gefängnis. Er ist zum 2.Mal ins Loch, in die Grube gefallen.
Aber auch im Gefängnis fällt er auf. Er weiß eben mehr als die anderen. So soll er schließlich sogar dem Pharao, dem Kaiser, dessen Träume deuten. Als er mit seiner Deutung richtig lag, hatte er es endgültig geschafft. Jetzt war er der gemachte Mann.
Mit diesem Happyend lassen wir die Geschichte enden, nicht ohne uns zu fragen, was wir von Joseph lernen können. Das ist eine spannende Frage, gerade wenn man am Tor zum richtigen Leben steht wie ihr bei eurer Konfirmation.
Eines scheint mir beim Joseph ganz wichtig zu sein: seine Karriere verläuft nicht gradlinig. Da gibt es so manchen Knick. Mindestens zwei Mal fällt Joseph in ein tiefes Loch. Aber ausgerechnet diese Einbrüche sind die Wendemarken seines Lebens. Wenn euch etwas Ähnliches passieren sollte, oder sogar schon passiert ist,- denkt an Joseph. Ein Ende muss nicht das Ende sein. Gerade das, was unser Leben verschattet, kann es auch reich machen. Wir lernen daran.
Ein zweites ist ebenso wichtig: mindestens zwei Mal wird dem Joseph sein Kleid, sein Mantel genommen. Was übrig bleibt, ist das, was in dem Mantel steckt: der Joseph. Nicht das Äußere ist also das Entscheidende. Nicht das, was vor Augen liegt, das, was man sehen und also auch machen kann. Der Kern ist wichtig.
In seinem Kern, in sich selber, hatte Joseph seinen wirklichen, wahren Schatz. Er hörte auf seine Träume. Er lernte, sie zu verstehen und lernte so, sich selber gut zu verstehen. Am Ende kannte er nicht nur sich selber gut, sondern auch die anderen. Manchmal verstand er sie besser als sie sich selbst verstanden. Das ist der eigentliche Grund für seine Karriere. Nicht die äußerlichen Konditionen sind wichtig. Sie können kommen und gehen. Aber was Joseph in sich selber war, das konnte ihm niemand, kein neidischer Bruder, keine verletzte Frau und kein rachsüchtiger Machthaber nehmen.
Ein jeder von Euch hat auch so einen Personkern. Jeder Mensch hat einen solchen. Lasst ihn wachsen!
Ihr habt euch selbst eure Konfirmationsverse ausgesucht. Warum habt ihr den gewählt, den ihr genommen habt? Vielleicht, weil er so schön kurz ist. Aber das ist nur äußerlich. Wenn ihr euren Vers meditiert, wie die Kuh Gras wiederkäut, werdet ihr merken, dass euer Konfirmationsvers ein Schlüssel zu eurem Kern sein kann. Wenn ihr seiner Weisung folgt, wird er euch einen wichtigen Teil eures Lebens erschließen. Er wird euch zeigen, was wirklich zählt.
Vergesst vor allem den Joseph nicht! Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man zu dem wird, der man ist. Das ist der größte Erfolg, den ein Mensch im Leben haben kann.
Dazu wünschen wir euch Gottes guten Segen.
AMEN
Dienstag, 26. Mai 2009
Dienstag, 19. Mai 2009
Jakob und die Leiter zum Himmel
JAKOB - Gen 28,10ff Sprossen zur Erde und zum Himmel
Eine Weihnachtsgeschichte nicht nur zur Weihnachtszeit
Es war als hätte der Himmel
Die Erde still geküsst
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst
Liebe Gemeinde,
dieses sommerliche Nachtgedicht Eichendorffs scheint mir zugleich das Geheimnis der winterlichen Weihnacht, der Christnacht, zu fassen: Es ist als küsste der Himmel die Erde und diese träumt fortan im Schönsten, was sie hervorbringen kann – im Blütenschimmer – vom Himmel,- allerdings ohne zu vergessen, dass sie Erde bleibt und dass es Nacht ist.
Es mag hoffentlich viele leise und zauberhafte Nächte im Laufe des Jahres geben, aber es gibt auch die lauten und schreienden und leider auch viele brutale, gewalttätige, leidvolle Nächte. Die Nacht ist die Zeit des Zaubers und zugleich die Zeit des Schreckens.
Diese eine Nacht aber, die Christnacht, ist anders. Es liegt mehr als nur ein Zauber über ihr. Es liegt ein Geheimnis in ihr. Jeder Schrecken ist fern.
Jahrhunderte bevor Jesus in einer solchen Nacht geboren wurde, befand sich ein Mann auf der Flucht. Jakob hatte seinen alten Vater und seinen älteren Bruder Esau betrogen. Er hatte sich das Erbrecht, ein Segensrecht, den Erstgeborenen-Segen erschlichen, sich dadurch aber auch seine nächsten Angehörigen zu Todfeinden gemacht. Er lebte jetzt in einem fortwährenden Schrecken. Schrecklich.
In einer tiefschwarzen Fluchtnacht legte er sich zum Schlaf auf den nackten Erdboden. Ein Stein diente als Kissen. Da sieht er im Traum den Himmel offen. Engel steigen auf einer Leiter auf und nieder. Himmel und Erde sind wie mit einer Nabelschnur verbunden. – und Gott spricht diesem erschrockenen Menschen seinen Segen zu: Ich, Gott, bin mit dir. Deine Nachkommen werden zahlreich sein. Sie werden ein Segen für die Völker sein.
Jakob wacht benommen auf. Er begreift nichts, aber er ahnt, wie anders alles sein könnte. Hier ist das Tor zum Himmel – sagt er, und macht seinen Kissen-Stein zum Altar, zum Heiligtum.
Das ist eine Weihnachtsgeschichte 1500 Jahre vor Jesus. Genau so geschieht es diese 1500 Jahre später in der Nacht von Bethlehem: Der Himmel öffnet sich. Engel singen. Die Nacht wird hell. Ein Kind ist geboren. Neues ist in die Welt gekommen. Es gibt einen Ausgang aus jedem Schrecken.
Das ist das ganze Geheimnis. Deshalb veranstalten wir jedes Jahr dieses Fest. Wir beschenken uns. Wir sind zusammen. Wir kommen in die Kirche. Alles geschieht, um dieses Geheimnis nicht zu vergessen: Der Himmel kann sich öffnen – und siehe, es wird alles neu.
Ist das nicht nur ein frommer Traum? So etwas wie eine Suggestion? Bleibt die Erde nicht immer doch die, die sie nun einmal ist? Sind die Nächte nicht rabenschwarz? Hängen die Menschen nicht müde und bleischwer in ihren Netzen und Strukturen? Was ändert sich denn?
Ja, sicher – so ist es auch. Aber dennoch gibt es diesen Traum. Er hält uns wach. Wir halten Ausschau nach dem Himmel, ob er sich nicht doch noch einmal wieder öffnet.
Deshalb fragen wir: Wo trifft die Himmelleiter des Jakob heute auf die Erde? Vor 3500 Jahren auf Jakobs Stein, gewiss. Vor 2000 Jahren auf Jesu Krippe, sicher. Aber heute?
Potentiell in einem jeden menschlichen Leben auch. Potentiell also auch bei uns. Warum sind unsere Augen also so gehalten, dass sie nicht sehen, welche Botschaften die Engel uns vom Himmel bringen?
Für Jakob lautete die Botschaft: Ich bin mit dir – und mit deinen zahlreichen Nachkommen.
In Bethlehem hieß sie: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Und wir brauchen heute auch keine andere Botschaft als diese.
Was bedeuten denn für eine altgewordene Gesellschaft wie die unsrige Nachkommen, Kinder?
Sie sind ein Segen und keine Sicherung der Renten- u. Sozialsysteme, wie man manchmal hört. Wir setzen den Segen aufs Spiel, wenn wir keine Kinder wollen und einfach nur immer älter werden. Wir verlieren den Segen, wenn wir unsere Kinder nicht mehr in den Mittelpunkt stellen. Wir können dann einmal niemandem mehr unsere Früchte anvertrauen.
Und Frieden auf Erden? Dieser Segenswunsch ist so aktuell wie lange nicht mehr. Der kalte Krieg ist Jahrzehnte vorbei, aber atomar gerüstet wird immer noch. „Frieden auf Erden“ muss die heutige Gewalt benennen und anklagen, damit sich kein fauler Frieden einschleicht.
Nun kommen aber nicht nur Botschaften vom Himmel. Die Engel tragen auch unsere Anliegen, unsere Klagen und Hoffnungen, unsere Schrecknisse zum Himmel. Das bewahrt uns vor der Wahnidee, dass alles von uns alleine abhängt. Dass wir selber alles alleine bewerkstelligen müssten. Von uns hängt so wenig ab – und doch auch wieder alles, weil es auf die Meinung und Haltung von vielen ankommt. Ich bin nur einer von diesen, aber immerhin. Meine Motivation ist von Gott gestärkt.
Himmel und Erde sind nicht auseinander zu reißen. Weihnachten bindet sie ganz eng zusammen. Das merken wir und das feiern wir.
Umberto Ecco, der italienische Philosoph und Romancier, ein Ungläubiger, ein Agnostiker, hat gesagt: Selbst wenn hinter Weihnachten keinerlei Realität stünde, selbst wenn nicht ein wirklicher Gottessohn wirklich ein wirklicher Mensch geworden wäre – wenn also der Himmel sich tatsächlich nicht öffnen würde und keine Leiter Himmel und Erde aneinander binden würde oder – um noch einmal mit Eichendorff zu sprechen – der Himmel die Erde nicht tatsächlich küssen würde – selbst wenn das alles nicht geschähe, sondern vom Menschen nur erdacht und erfunden wäre – es würde uns Menschen immer noch veredeln und für uns sprechen. Dass wir Menschen überhaupt so denken können, dass wir eine solche Sehnsucht haben, dass wir zutiefst ein Neues, ein anderes, einen Frieden und eine Verbindung von Himmel und Erde wünschen und ersehnen – das ist das Geheimnis. In einem viel tieferen Sinne als dem der bloßen Tatsächlichkeit wäre die Geschichte der Weihnacht dann also doch wahr.
Der christliche Glaube bündelt die große Hoffnung und die tiefe Sehnsucht der Menschen in einem kleinen Kind. So beginnt das Neue immer: klein, kindlich, jung.
Dann müssen auch wir mit dem neuen, anderen, friedlichen Menschen in uns so weihnachtlich beginnen: klein, kindlich-einfach, kindlich-weise.
Liebe Gemeinde, in dieser Nacht öffnet sich der Himmel und die Himmelsleiter trifft in einem jeden von uns auf die Erde. Letztlich ist unser Herz der Stein Jakobs, auf den die Leiter trifft. So bilden sich in uns die Mythen: Engel, die auf und ab steigen. Engel, die uns das Herz öffnen, es weit und warm machen, es vom Stein zum Heiligtum wandeln. Es bilden sich die Mythen, die uns bergen, die helfen und motivieren. Weihnachten ist ein Segen. „Gesegnete Weihnachten“ ist ein Wunsch für das ganze Jahr.
AMEN
Eine Weihnachtsgeschichte nicht nur zur Weihnachtszeit
Es war als hätte der Himmel
Die Erde still geküsst
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst
Liebe Gemeinde,
dieses sommerliche Nachtgedicht Eichendorffs scheint mir zugleich das Geheimnis der winterlichen Weihnacht, der Christnacht, zu fassen: Es ist als küsste der Himmel die Erde und diese träumt fortan im Schönsten, was sie hervorbringen kann – im Blütenschimmer – vom Himmel,- allerdings ohne zu vergessen, dass sie Erde bleibt und dass es Nacht ist.
Es mag hoffentlich viele leise und zauberhafte Nächte im Laufe des Jahres geben, aber es gibt auch die lauten und schreienden und leider auch viele brutale, gewalttätige, leidvolle Nächte. Die Nacht ist die Zeit des Zaubers und zugleich die Zeit des Schreckens.
Diese eine Nacht aber, die Christnacht, ist anders. Es liegt mehr als nur ein Zauber über ihr. Es liegt ein Geheimnis in ihr. Jeder Schrecken ist fern.
Jahrhunderte bevor Jesus in einer solchen Nacht geboren wurde, befand sich ein Mann auf der Flucht. Jakob hatte seinen alten Vater und seinen älteren Bruder Esau betrogen. Er hatte sich das Erbrecht, ein Segensrecht, den Erstgeborenen-Segen erschlichen, sich dadurch aber auch seine nächsten Angehörigen zu Todfeinden gemacht. Er lebte jetzt in einem fortwährenden Schrecken. Schrecklich.
In einer tiefschwarzen Fluchtnacht legte er sich zum Schlaf auf den nackten Erdboden. Ein Stein diente als Kissen. Da sieht er im Traum den Himmel offen. Engel steigen auf einer Leiter auf und nieder. Himmel und Erde sind wie mit einer Nabelschnur verbunden. – und Gott spricht diesem erschrockenen Menschen seinen Segen zu: Ich, Gott, bin mit dir. Deine Nachkommen werden zahlreich sein. Sie werden ein Segen für die Völker sein.
Jakob wacht benommen auf. Er begreift nichts, aber er ahnt, wie anders alles sein könnte. Hier ist das Tor zum Himmel – sagt er, und macht seinen Kissen-Stein zum Altar, zum Heiligtum.
Das ist eine Weihnachtsgeschichte 1500 Jahre vor Jesus. Genau so geschieht es diese 1500 Jahre später in der Nacht von Bethlehem: Der Himmel öffnet sich. Engel singen. Die Nacht wird hell. Ein Kind ist geboren. Neues ist in die Welt gekommen. Es gibt einen Ausgang aus jedem Schrecken.
Das ist das ganze Geheimnis. Deshalb veranstalten wir jedes Jahr dieses Fest. Wir beschenken uns. Wir sind zusammen. Wir kommen in die Kirche. Alles geschieht, um dieses Geheimnis nicht zu vergessen: Der Himmel kann sich öffnen – und siehe, es wird alles neu.
Ist das nicht nur ein frommer Traum? So etwas wie eine Suggestion? Bleibt die Erde nicht immer doch die, die sie nun einmal ist? Sind die Nächte nicht rabenschwarz? Hängen die Menschen nicht müde und bleischwer in ihren Netzen und Strukturen? Was ändert sich denn?
Ja, sicher – so ist es auch. Aber dennoch gibt es diesen Traum. Er hält uns wach. Wir halten Ausschau nach dem Himmel, ob er sich nicht doch noch einmal wieder öffnet.
Deshalb fragen wir: Wo trifft die Himmelleiter des Jakob heute auf die Erde? Vor 3500 Jahren auf Jakobs Stein, gewiss. Vor 2000 Jahren auf Jesu Krippe, sicher. Aber heute?
Potentiell in einem jeden menschlichen Leben auch. Potentiell also auch bei uns. Warum sind unsere Augen also so gehalten, dass sie nicht sehen, welche Botschaften die Engel uns vom Himmel bringen?
Für Jakob lautete die Botschaft: Ich bin mit dir – und mit deinen zahlreichen Nachkommen.
In Bethlehem hieß sie: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
Und wir brauchen heute auch keine andere Botschaft als diese.
Was bedeuten denn für eine altgewordene Gesellschaft wie die unsrige Nachkommen, Kinder?
Sie sind ein Segen und keine Sicherung der Renten- u. Sozialsysteme, wie man manchmal hört. Wir setzen den Segen aufs Spiel, wenn wir keine Kinder wollen und einfach nur immer älter werden. Wir verlieren den Segen, wenn wir unsere Kinder nicht mehr in den Mittelpunkt stellen. Wir können dann einmal niemandem mehr unsere Früchte anvertrauen.
Und Frieden auf Erden? Dieser Segenswunsch ist so aktuell wie lange nicht mehr. Der kalte Krieg ist Jahrzehnte vorbei, aber atomar gerüstet wird immer noch. „Frieden auf Erden“ muss die heutige Gewalt benennen und anklagen, damit sich kein fauler Frieden einschleicht.
Nun kommen aber nicht nur Botschaften vom Himmel. Die Engel tragen auch unsere Anliegen, unsere Klagen und Hoffnungen, unsere Schrecknisse zum Himmel. Das bewahrt uns vor der Wahnidee, dass alles von uns alleine abhängt. Dass wir selber alles alleine bewerkstelligen müssten. Von uns hängt so wenig ab – und doch auch wieder alles, weil es auf die Meinung und Haltung von vielen ankommt. Ich bin nur einer von diesen, aber immerhin. Meine Motivation ist von Gott gestärkt.
Himmel und Erde sind nicht auseinander zu reißen. Weihnachten bindet sie ganz eng zusammen. Das merken wir und das feiern wir.
Umberto Ecco, der italienische Philosoph und Romancier, ein Ungläubiger, ein Agnostiker, hat gesagt: Selbst wenn hinter Weihnachten keinerlei Realität stünde, selbst wenn nicht ein wirklicher Gottessohn wirklich ein wirklicher Mensch geworden wäre – wenn also der Himmel sich tatsächlich nicht öffnen würde und keine Leiter Himmel und Erde aneinander binden würde oder – um noch einmal mit Eichendorff zu sprechen – der Himmel die Erde nicht tatsächlich küssen würde – selbst wenn das alles nicht geschähe, sondern vom Menschen nur erdacht und erfunden wäre – es würde uns Menschen immer noch veredeln und für uns sprechen. Dass wir Menschen überhaupt so denken können, dass wir eine solche Sehnsucht haben, dass wir zutiefst ein Neues, ein anderes, einen Frieden und eine Verbindung von Himmel und Erde wünschen und ersehnen – das ist das Geheimnis. In einem viel tieferen Sinne als dem der bloßen Tatsächlichkeit wäre die Geschichte der Weihnacht dann also doch wahr.
Der christliche Glaube bündelt die große Hoffnung und die tiefe Sehnsucht der Menschen in einem kleinen Kind. So beginnt das Neue immer: klein, kindlich, jung.
Dann müssen auch wir mit dem neuen, anderen, friedlichen Menschen in uns so weihnachtlich beginnen: klein, kindlich-einfach, kindlich-weise.
Liebe Gemeinde, in dieser Nacht öffnet sich der Himmel und die Himmelsleiter trifft in einem jeden von uns auf die Erde. Letztlich ist unser Herz der Stein Jakobs, auf den die Leiter trifft. So bilden sich in uns die Mythen: Engel, die auf und ab steigen. Engel, die uns das Herz öffnen, es weit und warm machen, es vom Stein zum Heiligtum wandeln. Es bilden sich die Mythen, die uns bergen, die helfen und motivieren. Weihnachten ist ein Segen. „Gesegnete Weihnachten“ ist ein Wunsch für das ganze Jahr.
AMEN
Mittwoch, 6. Mai 2009
ABRAHAM - Aufbruch in ein weites Land
ABRAHAM - Genesis 12: Aufbruch in ein weites Land
Hinweise für ältere Menschen zur Feier ihrer Goldenen
Konfirmation
Liebe Gemeinde,
in vielen biblischen Geschichten steckt eine Kernaussage, die wie eine Glut wirkt. Manchmal glimmt diese nur noch schwach vor sich hin. Wird sie aber entfacht, entwickelt sich die Glut zu einem lodernden Feuer, das Menschen ergreift und sie selbst brennend macht. Wir werden im Feuer lebendig.
Abraham war ein solcher von Feuer entfachter Mensch. Wir nennen ihn „Vater des Glaubens“. Sein Lebensgefühl war geprägt von Vertrauen ins Leben, in die Welt und in seine Zeit, Vertrauen in die Sterne am Himmel oder den Sand am Meer – was ihm beides zum Zeichen wurde für seine Verwirklichung in zahlreichen Nachkommen. Vertrauen aber vor allem zu einem Gott, der ihn aus sich herausrief und versprach, ihn in die Weite zu führen.
Abraham ist der Stammvater Israels. Von Adam und Eva stammen nach dem Mythos der Bibel alle Menschen ab. In Adam und Eva sind sich alle Menschen hinsichtlich ihres Menschseins gleich. Auf Abraham aber werden nicht alle zurückgeführt, sondern nur die, die sich in ihm in besonderer Art und Weise erwählt fühlen.
Für die Juden ist Abraham der Stammvater des Volkes Gottes. Für den Juden und Christen Paulus – und mit ihm für alle Christen – ist Abraham der „Vater des Glaubens“, also der Stammvater des neuen Israels, des Glaubensvolkes aus Juden und Heiden. Für die Muslime ist Abraham einer der ganz großen Propheten, einer, in dem wir alle gesegnet sind oder einer, an dem sich die Geister scheiden: Wer ihn segnet, der wird gesegnet sein. Wer ihm Übel will, der wird selber ins Übel, in den Fluch fallen.
Was ist an Abraham so wichtig, dass er zum „Vater“ schlechthin wird, dass „Vater Abraham“ zu einem stehenden Begriff wird?
Wir hören, dass Abraham ein herumirrender Nomade war. So hatte er keine Heimat, kein Land, das ihm wirklich gehörte. Er wird gar nicht gewusst haben, wohin er eigentlich gehörte.
Andererseits besitzt er alles: er hat eine Frau, eine Großfamilie mit Nichten und Neffen, er hat Knechte und Mägde und viel Vieh.
Er hätte sich sogar einrichten können. Er besaß Gastrecht in dem Land, in dem er sich aufhielt. Er hätte…- aber das tat er nicht.
Eines Tages wusste er, was er zu tun hatte. „Geh aus deinem Vaterland und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde. So hörte er.
Abraham war zu der Zeit 75 Jahre alt. Auch wenn die Bibel andere Lebensspannen kennt heißt das, dass er kein Jüngling mehr war. Der gehörte Hinweis war also nicht irgendeine Jugendidee, ein Experiment ins Abenteuer wie es jungen Menschen zusteht. Es war eine Notwendigkeit, die sich dem gestandenen Mann aufdrängte. Als sagte die Stimme: du musst das tun, weil du mehr bist als es dir dein Vater vorgibt. Es beginnt mit dir etwas ganz Neues, also „geh aus deines Vaters Hause!“ Dein eigentliches Land wirst du erst noch finden, wie du auch das erst noch bekommen sollst, was dir noch fehlt und was du so sehnlich erwartest: einen Sohn, einen Nachkommen, einen Fortsetzer.
Das alles steht unter dem Segen. Es wird so zur Fülle: Das Land wird herrlich und reich, fruchtbar sein, und aus deinem Sohn wird ein Volk. So zahlreich wie die Sterne am Himmel oder der Sand am Meer. Das ist Segen: Land und Kinder. Das ist Reichtum. Wer diesem Segen sich entgegensetzt, der fällt in den Fluch. Dann gelingt nichts mehr. Das Leben ist ein Jammer, auch wenn man noch so vieles andere besitzt.
Abraham glaubte Gott und machte sich auf den Weg und auf die Suche.
Wenn es stimmt, dass wir nach der Verheißung seine Kinder sind, dass wir also die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meer sind – sind wir dann auch wohl Menschen von seinem Geist? Menschen von Abrahams Geist. Das ist die Glut, die wir in uns finden können, auch wenn sie angesichts unseres Alters schon fast ausgeglüht zu sein scheint.
An einem Festtag wie dem der Goldenen Konfirmation schaut man gerne zurück: Weißt du noch, fragt man und erinnert sich. Was haben wir nicht alles erlebt! Dass das nun schon 50 oder 60 Jahre zurückliegen soll! Andererseits: So, wie es jetzt aussieht, ist es gut. Die wohlverdiente Rente reicht mehr oder weniger, die Kinder sind schon lange groß. Vielleicht sind sogar Enkel oder Urenkel da. So wie es ist, ist es gut.
Nein! – sagt der Geist Abrahams. Geh! Geh aus deines Vaters Haus. Verlass wenn nötig die Bequemlichkeiten. Es kommt noch etwas. Ein Stück Weg liegt noch vor dir. Vielleicht ist es sogar noch das wichtigste Stück Weg, weil du von dem Alten und Vergangenen immer mehr loslassen kannst. Du darfst gar nicht soviel Gepäck mit dir herumschleppen. Du musst es ja schleppen! Du brauchst auch dein ganzes Sorgen-Gepäck nicht mehr. Mach dir nicht unnötige Sorgen! Aber geh! Gehe deinen Weg – bis ins gelobte Land!
Als wir 14 o. 15 waren, da haben wir wohl gedacht, dass das ganze Leben wie ein gelobtes Land vor uns liegt. Wir mussten es nur ergreifen und etwas aus ihm machen. Und das haben wir dann ja auch: wir haben gearbeitet, geschafft, mal mit weniger, mal mit mehr Erfolg.
Jetzt merken wir, dass es um solche Erträge eigentlich gar nicht geht. Es war gut so,- aber der Weg führt noch weiter. Es war noch nicht das Ziel.
Alles, was ich gesammelt oder erworben habe, muss ich auch wieder loslassen. Das muss nicht bitter sein. Es kann auch wie eine große Befreiung wirken. Je freier ich werde, desto lieber gehe ich auf meinem Weg, auf dem Lebensweg voran. Dabei sehe ich so viel Schönes und so vieles, was ich noch zu beenden und abzuschließen habe. Vieles, das zu vollenden ist..
Alles steht unter dem Segen. Solange ein Mensch geht und sich bewegt, ist er gesegnet. Erst wenn sich nichts mehr tut, schläft auch der Segen ein. Diese Lebensenergie der Bewegung ist die eigentliche Glut. Und da ist ein Gott, der lockt und lockt und lockt. Der ins Leben verlockt. Komm, Abraham, sagt er dem Alten. Es gibt noch so manches, das ich dir zeigen will.
Und Abraham glaubte Gott und ging.
Wir sind Abrahams Kinder. Wir sind in ihm gesegnet. Gehen wir also weiter. Es wird ein Segen sein.
AMEN
Hinweise für ältere Menschen zur Feier ihrer Goldenen
Konfirmation
Liebe Gemeinde,
in vielen biblischen Geschichten steckt eine Kernaussage, die wie eine Glut wirkt. Manchmal glimmt diese nur noch schwach vor sich hin. Wird sie aber entfacht, entwickelt sich die Glut zu einem lodernden Feuer, das Menschen ergreift und sie selbst brennend macht. Wir werden im Feuer lebendig.
Abraham war ein solcher von Feuer entfachter Mensch. Wir nennen ihn „Vater des Glaubens“. Sein Lebensgefühl war geprägt von Vertrauen ins Leben, in die Welt und in seine Zeit, Vertrauen in die Sterne am Himmel oder den Sand am Meer – was ihm beides zum Zeichen wurde für seine Verwirklichung in zahlreichen Nachkommen. Vertrauen aber vor allem zu einem Gott, der ihn aus sich herausrief und versprach, ihn in die Weite zu führen.
Abraham ist der Stammvater Israels. Von Adam und Eva stammen nach dem Mythos der Bibel alle Menschen ab. In Adam und Eva sind sich alle Menschen hinsichtlich ihres Menschseins gleich. Auf Abraham aber werden nicht alle zurückgeführt, sondern nur die, die sich in ihm in besonderer Art und Weise erwählt fühlen.
Für die Juden ist Abraham der Stammvater des Volkes Gottes. Für den Juden und Christen Paulus – und mit ihm für alle Christen – ist Abraham der „Vater des Glaubens“, also der Stammvater des neuen Israels, des Glaubensvolkes aus Juden und Heiden. Für die Muslime ist Abraham einer der ganz großen Propheten, einer, in dem wir alle gesegnet sind oder einer, an dem sich die Geister scheiden: Wer ihn segnet, der wird gesegnet sein. Wer ihm Übel will, der wird selber ins Übel, in den Fluch fallen.
Was ist an Abraham so wichtig, dass er zum „Vater“ schlechthin wird, dass „Vater Abraham“ zu einem stehenden Begriff wird?
Wir hören, dass Abraham ein herumirrender Nomade war. So hatte er keine Heimat, kein Land, das ihm wirklich gehörte. Er wird gar nicht gewusst haben, wohin er eigentlich gehörte.
Andererseits besitzt er alles: er hat eine Frau, eine Großfamilie mit Nichten und Neffen, er hat Knechte und Mägde und viel Vieh.
Er hätte sich sogar einrichten können. Er besaß Gastrecht in dem Land, in dem er sich aufhielt. Er hätte…- aber das tat er nicht.
Eines Tages wusste er, was er zu tun hatte. „Geh aus deinem Vaterland und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde. So hörte er.
Abraham war zu der Zeit 75 Jahre alt. Auch wenn die Bibel andere Lebensspannen kennt heißt das, dass er kein Jüngling mehr war. Der gehörte Hinweis war also nicht irgendeine Jugendidee, ein Experiment ins Abenteuer wie es jungen Menschen zusteht. Es war eine Notwendigkeit, die sich dem gestandenen Mann aufdrängte. Als sagte die Stimme: du musst das tun, weil du mehr bist als es dir dein Vater vorgibt. Es beginnt mit dir etwas ganz Neues, also „geh aus deines Vaters Hause!“ Dein eigentliches Land wirst du erst noch finden, wie du auch das erst noch bekommen sollst, was dir noch fehlt und was du so sehnlich erwartest: einen Sohn, einen Nachkommen, einen Fortsetzer.
Das alles steht unter dem Segen. Es wird so zur Fülle: Das Land wird herrlich und reich, fruchtbar sein, und aus deinem Sohn wird ein Volk. So zahlreich wie die Sterne am Himmel oder der Sand am Meer. Das ist Segen: Land und Kinder. Das ist Reichtum. Wer diesem Segen sich entgegensetzt, der fällt in den Fluch. Dann gelingt nichts mehr. Das Leben ist ein Jammer, auch wenn man noch so vieles andere besitzt.
Abraham glaubte Gott und machte sich auf den Weg und auf die Suche.
Wenn es stimmt, dass wir nach der Verheißung seine Kinder sind, dass wir also die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meer sind – sind wir dann auch wohl Menschen von seinem Geist? Menschen von Abrahams Geist. Das ist die Glut, die wir in uns finden können, auch wenn sie angesichts unseres Alters schon fast ausgeglüht zu sein scheint.
An einem Festtag wie dem der Goldenen Konfirmation schaut man gerne zurück: Weißt du noch, fragt man und erinnert sich. Was haben wir nicht alles erlebt! Dass das nun schon 50 oder 60 Jahre zurückliegen soll! Andererseits: So, wie es jetzt aussieht, ist es gut. Die wohlverdiente Rente reicht mehr oder weniger, die Kinder sind schon lange groß. Vielleicht sind sogar Enkel oder Urenkel da. So wie es ist, ist es gut.
Nein! – sagt der Geist Abrahams. Geh! Geh aus deines Vaters Haus. Verlass wenn nötig die Bequemlichkeiten. Es kommt noch etwas. Ein Stück Weg liegt noch vor dir. Vielleicht ist es sogar noch das wichtigste Stück Weg, weil du von dem Alten und Vergangenen immer mehr loslassen kannst. Du darfst gar nicht soviel Gepäck mit dir herumschleppen. Du musst es ja schleppen! Du brauchst auch dein ganzes Sorgen-Gepäck nicht mehr. Mach dir nicht unnötige Sorgen! Aber geh! Gehe deinen Weg – bis ins gelobte Land!
Als wir 14 o. 15 waren, da haben wir wohl gedacht, dass das ganze Leben wie ein gelobtes Land vor uns liegt. Wir mussten es nur ergreifen und etwas aus ihm machen. Und das haben wir dann ja auch: wir haben gearbeitet, geschafft, mal mit weniger, mal mit mehr Erfolg.
Jetzt merken wir, dass es um solche Erträge eigentlich gar nicht geht. Es war gut so,- aber der Weg führt noch weiter. Es war noch nicht das Ziel.
Alles, was ich gesammelt oder erworben habe, muss ich auch wieder loslassen. Das muss nicht bitter sein. Es kann auch wie eine große Befreiung wirken. Je freier ich werde, desto lieber gehe ich auf meinem Weg, auf dem Lebensweg voran. Dabei sehe ich so viel Schönes und so vieles, was ich noch zu beenden und abzuschließen habe. Vieles, das zu vollenden ist..
Alles steht unter dem Segen. Solange ein Mensch geht und sich bewegt, ist er gesegnet. Erst wenn sich nichts mehr tut, schläft auch der Segen ein. Diese Lebensenergie der Bewegung ist die eigentliche Glut. Und da ist ein Gott, der lockt und lockt und lockt. Der ins Leben verlockt. Komm, Abraham, sagt er dem Alten. Es gibt noch so manches, das ich dir zeigen will.
Und Abraham glaubte Gott und ging.
Wir sind Abrahams Kinder. Wir sind in ihm gesegnet. Gehen wir also weiter. Es wird ein Segen sein.
AMEN
Samstag, 2. Mai 2009
NOAH - oder Schutzräume in Weltuntergängen
Noah - Hinweise für Konfirmanden und Konfirmandinnen und nicht nur für
diese
Liebe Jungen und Mädchen, liebe Gemeinde,
wir zählen auch diese Predigt zu den Glutpredigten. Da es schon länger her ist, dass ich erklärt habe, was wir unter einer solchen Glutpredigt zu verstehen haben, jetzt noch einmal ein Versuch.
In der Bibel stehen ziemlich alte Geschichten. In der Bibel ist damit altes Traditionsgut der Menschheit gesammelt, das allerdings für alle Menschen eine nicht unerhebliche Wahrheit aufbewahrt. Diese Wahrheit können wir uns wie eine Glut vorstellen. Ein Gluthaufen schwelt vor sich hin, fast ausgelöscht, fast vergessen. Hin und wieder aber wird eine solche Glut auch wieder zum lodernden Feuer. Wenn die Menschen Feuer brauchen, erinnern sie sich: da war doch etwas! Davon habe ich doch schon einmal gehört!
Die Geschichte von Noah gehört zu diesen Gluterzählungen. Sie ist schon in Kindergärten beliebt. Viele Bilderbücher erzählen von Noah, der Arche und dem Regenbogen, und man kann alles das auch gut in eigene Bilder fassen. Millionenfach ist diese Geschichte so schon von Kindern gemalt worden und hat sich so in den Köpfen festgesetzt.
Diese Geschichte steht aber nicht nur in der Bibel. Ca 250 mal wird sie in unterschiedlichsten Versionen in allen möglichen Kulturen überliefert, verstreut über die ganze Erde.
Alle Menschen haben offensichtlich so etwas wie eine ganz tief sitzende Urangst, dass ihre Welt einmal untergehen könnte. Nicht nur der Einzelne ist bedroht, sondern die Menschheit als Gattung. Wir könnten auch sagen, dass es eine überall schwelende Angst gibt, dass die ganze Schöpfung rückgängig gemacht werden könnte.
Das verdrängt der Mensch natürlich gerne. Nur bei großen, zumeist von Menschen verursachten Krisen oder Katastrophen erinnert man sich. Wie kann es sein, dass alles sang- und klanglos einfach so untergehen soll oder den Bach hinuntergeht, wie wir sagen?
Das passiert nicht, weil die Menschen grundsätzlich d.h. von Grund auf böse sind. Das sind sie nämlich nicht. Das passiert auch nicht, weil die Menschen gar nicht anders können. Sie könnten anders. Aber es passiert, weil die Menschen unter bestimmten Bedingungen so bösartig werden, dass die Schöpfung nur noch geringe Chancen hat. Es passiert, wenn die Menschen verführt werden, oder sie sich verführen lassen. Dann treibt alles in den Untergang, wie in den furchtbaren Kriegen des vergangenen Jahrhunderts, und heute scheint es ähnlich, wenn man den Krieg gegen die Umwelt bedenkt.
Dann erinnert man sich und fragt: da war doch was? Wie war das mit Noah?
Noah hatte eine Arche gebaut. In der wurde er gerettet, er und seine ganze Großfamilie und von allen Tierarten ein Paar. So konnte die Schöpfung später noch einmal neu beginnen.
Was dann neu begann, war nicht besser als das, was vorher gewesen war. Die Menschen sind die gleichen, vor der Flut und nach der Flut. Aber Gott hat sich geändert. Gott ist gnädiger geworden. Es ist, als hätte Gott jetzt erst - nach dem Sündenfall - erkannt, dass auch er mit einer defekten Welt leben muss. Deshalb verspricht er mit dem Zeichen des Regenbogens, dass er, Gott, die Welt nicht mehr zerstören wird.
Die Menschen aber können sie freilich sehr wohl noch zerstören und erst in unserer Zeit haben sie mehr als je zuvor auch die Mittel dazu. Die Menschen können es, wenn sie nicht doch noch von dem einstmaligen Entschluss Gottes lernen und sich selbst besinnen.
Katastrophen gibt es ja nun wirklich genug. Es gibt also auch genug Material, an dem wir üben könnten, die Welt zu retten.
Gerade wenn man 13,14 oder 15 Jahre alt ist, scheint die Welt oft wie eine einzige Katastrophe. Man fühlt sich zuhause nicht mehr richtig wohl. Die Schule bringt es erst recht nicht. Man fühlt sich oft noch nicht einmal in sich selber, in der eigenen Haut wohl.
Alles ist eine einzige Katastrophe,- aber untergehen soll darin ja niemand. Jedenfalls will Gott das nach unserer Glutgeschichte nicht.
Was ist also eure Arche?
Gibt es so etwas wie einen Ort, eine Höhle, in die man sich zurückziehen kann wie in einen Kokon?
Vielleicht ist es euer eigenes Zimmer, in das niemand eintreten darf, es sei denn mit eurer Erlaubnis.
Vielleicht ist es ein guter Freund oder eine Freundin? Vielleicht auch eine ganze Clique, die jeden Blödsinn mitmacht.
Eine Arche braucht jeder Mensch. Eine solche ist eigentlich kein Rückzugsort, kein heiles Örtchen in einer unheilen Welt, sondern vielmehr ein Aufbewahrungskasten für eine neue Geburt. Das Kästchen, in dem Moses im Nil überlebt, wird mit demselben Wort bezeichnet wie die Arche Noahs.
Eigentlich sollte und wollte auch jede Kirche eine Art Arche, ein Widerstandsnest, sein. Deshalb nennt man sie ja auch manchmal „Kirchenschiff“. Leider haben das die meisten Menschen vergessen. Vielleicht brauchen sie sie noch einmal ganz dringend – wer weiß? Wer weiß, wofür Gott noch einmal gut sein muss?
In der Geschichte von Noah hören wir jedenfalls, dass Gott die Arche von außen verschlossen hat. Das hat er ganz fürsorglich getan. Ähnlich könnten wir es für uns verstehen: Gott selber birgt uns in unserer Arche. Welche auch immer es sein mag.
Es kommt dann allerdings auch die Zeit, in der man die Arche wieder verlassen muss. Noah hatte das große Glück, dass er im richtigen Moment den bunten Regenbogen als Hoffnungszeichen sah. Er begriff sofort, dass das nur ein Friedenszeichen sein konnte. Der Regenbogen sah – nach den damaligen Modellen eines Kriegsbogens – wie ein entspannter Bogen, ein abgelegter Bogen aus. Der Regenbogen sagte Noah, dass Gott den Kriegsbogen beiseite gelegt hat und ihn zum Friedenszeichen gemacht hat.
Also: Wenn man hinausgeht, nach einer Zeit des Rückzugs, nach einer Zeit der bewussten Untätigkeit, weil alles Tun die Situation nur schlimmer macht, wenn die Katastrophe also vorbei ist und man hinausgeht,- ist alles anders geworden. Die Welt ist eine andere und vor allem man selbst ist ein anderer. Man sieht alles mit neuen Augen, auch und gerade sich selbst. Es ist der Sinn einer jeden Arche, dass man in ihr zu sich kommt, dass man groß wird und erwachsen.
Noch einmal: Die Arche will nicht zu einem bequemen Nichtstun verleiten. Man muss alles tun, um Katastrophen zu verhindern. Aber manchmal stellen sie sich trotz aller Gegenaktivität ein. Dann braucht man seine Arche. Dinge, die einem Kraft geben, Schutzräume, die Überleben helfen.
Das Wichtigste aber ist, dass wir nach jeder persönlichen oder allgemeinen Katastrophe lernen, neu und anders weiter zu leben. Die alten Strategien haben ja nicht wirklich geholfen.
Gott will, dass die Menschen und dass die Welt lebe. Dazu stärkt er jede Friedensaktivität und jeden Schutzraum, wenn er denn nötig ist.
Das sagt uns die alte Glut der Noaherzählung – und so segnet uns Gott, wo immer wir die Arche entdecken.
AMEN
diese
Liebe Jungen und Mädchen, liebe Gemeinde,
wir zählen auch diese Predigt zu den Glutpredigten. Da es schon länger her ist, dass ich erklärt habe, was wir unter einer solchen Glutpredigt zu verstehen haben, jetzt noch einmal ein Versuch.
In der Bibel stehen ziemlich alte Geschichten. In der Bibel ist damit altes Traditionsgut der Menschheit gesammelt, das allerdings für alle Menschen eine nicht unerhebliche Wahrheit aufbewahrt. Diese Wahrheit können wir uns wie eine Glut vorstellen. Ein Gluthaufen schwelt vor sich hin, fast ausgelöscht, fast vergessen. Hin und wieder aber wird eine solche Glut auch wieder zum lodernden Feuer. Wenn die Menschen Feuer brauchen, erinnern sie sich: da war doch etwas! Davon habe ich doch schon einmal gehört!
Die Geschichte von Noah gehört zu diesen Gluterzählungen. Sie ist schon in Kindergärten beliebt. Viele Bilderbücher erzählen von Noah, der Arche und dem Regenbogen, und man kann alles das auch gut in eigene Bilder fassen. Millionenfach ist diese Geschichte so schon von Kindern gemalt worden und hat sich so in den Köpfen festgesetzt.
Diese Geschichte steht aber nicht nur in der Bibel. Ca 250 mal wird sie in unterschiedlichsten Versionen in allen möglichen Kulturen überliefert, verstreut über die ganze Erde.
Alle Menschen haben offensichtlich so etwas wie eine ganz tief sitzende Urangst, dass ihre Welt einmal untergehen könnte. Nicht nur der Einzelne ist bedroht, sondern die Menschheit als Gattung. Wir könnten auch sagen, dass es eine überall schwelende Angst gibt, dass die ganze Schöpfung rückgängig gemacht werden könnte.
Das verdrängt der Mensch natürlich gerne. Nur bei großen, zumeist von Menschen verursachten Krisen oder Katastrophen erinnert man sich. Wie kann es sein, dass alles sang- und klanglos einfach so untergehen soll oder den Bach hinuntergeht, wie wir sagen?
Das passiert nicht, weil die Menschen grundsätzlich d.h. von Grund auf böse sind. Das sind sie nämlich nicht. Das passiert auch nicht, weil die Menschen gar nicht anders können. Sie könnten anders. Aber es passiert, weil die Menschen unter bestimmten Bedingungen so bösartig werden, dass die Schöpfung nur noch geringe Chancen hat. Es passiert, wenn die Menschen verführt werden, oder sie sich verführen lassen. Dann treibt alles in den Untergang, wie in den furchtbaren Kriegen des vergangenen Jahrhunderts, und heute scheint es ähnlich, wenn man den Krieg gegen die Umwelt bedenkt.
Dann erinnert man sich und fragt: da war doch was? Wie war das mit Noah?
Noah hatte eine Arche gebaut. In der wurde er gerettet, er und seine ganze Großfamilie und von allen Tierarten ein Paar. So konnte die Schöpfung später noch einmal neu beginnen.
Was dann neu begann, war nicht besser als das, was vorher gewesen war. Die Menschen sind die gleichen, vor der Flut und nach der Flut. Aber Gott hat sich geändert. Gott ist gnädiger geworden. Es ist, als hätte Gott jetzt erst - nach dem Sündenfall - erkannt, dass auch er mit einer defekten Welt leben muss. Deshalb verspricht er mit dem Zeichen des Regenbogens, dass er, Gott, die Welt nicht mehr zerstören wird.
Die Menschen aber können sie freilich sehr wohl noch zerstören und erst in unserer Zeit haben sie mehr als je zuvor auch die Mittel dazu. Die Menschen können es, wenn sie nicht doch noch von dem einstmaligen Entschluss Gottes lernen und sich selbst besinnen.
Katastrophen gibt es ja nun wirklich genug. Es gibt also auch genug Material, an dem wir üben könnten, die Welt zu retten.
Gerade wenn man 13,14 oder 15 Jahre alt ist, scheint die Welt oft wie eine einzige Katastrophe. Man fühlt sich zuhause nicht mehr richtig wohl. Die Schule bringt es erst recht nicht. Man fühlt sich oft noch nicht einmal in sich selber, in der eigenen Haut wohl.
Alles ist eine einzige Katastrophe,- aber untergehen soll darin ja niemand. Jedenfalls will Gott das nach unserer Glutgeschichte nicht.
Was ist also eure Arche?
Gibt es so etwas wie einen Ort, eine Höhle, in die man sich zurückziehen kann wie in einen Kokon?
Vielleicht ist es euer eigenes Zimmer, in das niemand eintreten darf, es sei denn mit eurer Erlaubnis.
Vielleicht ist es ein guter Freund oder eine Freundin? Vielleicht auch eine ganze Clique, die jeden Blödsinn mitmacht.
Eine Arche braucht jeder Mensch. Eine solche ist eigentlich kein Rückzugsort, kein heiles Örtchen in einer unheilen Welt, sondern vielmehr ein Aufbewahrungskasten für eine neue Geburt. Das Kästchen, in dem Moses im Nil überlebt, wird mit demselben Wort bezeichnet wie die Arche Noahs.
Eigentlich sollte und wollte auch jede Kirche eine Art Arche, ein Widerstandsnest, sein. Deshalb nennt man sie ja auch manchmal „Kirchenschiff“. Leider haben das die meisten Menschen vergessen. Vielleicht brauchen sie sie noch einmal ganz dringend – wer weiß? Wer weiß, wofür Gott noch einmal gut sein muss?
In der Geschichte von Noah hören wir jedenfalls, dass Gott die Arche von außen verschlossen hat. Das hat er ganz fürsorglich getan. Ähnlich könnten wir es für uns verstehen: Gott selber birgt uns in unserer Arche. Welche auch immer es sein mag.
Es kommt dann allerdings auch die Zeit, in der man die Arche wieder verlassen muss. Noah hatte das große Glück, dass er im richtigen Moment den bunten Regenbogen als Hoffnungszeichen sah. Er begriff sofort, dass das nur ein Friedenszeichen sein konnte. Der Regenbogen sah – nach den damaligen Modellen eines Kriegsbogens – wie ein entspannter Bogen, ein abgelegter Bogen aus. Der Regenbogen sagte Noah, dass Gott den Kriegsbogen beiseite gelegt hat und ihn zum Friedenszeichen gemacht hat.
Also: Wenn man hinausgeht, nach einer Zeit des Rückzugs, nach einer Zeit der bewussten Untätigkeit, weil alles Tun die Situation nur schlimmer macht, wenn die Katastrophe also vorbei ist und man hinausgeht,- ist alles anders geworden. Die Welt ist eine andere und vor allem man selbst ist ein anderer. Man sieht alles mit neuen Augen, auch und gerade sich selbst. Es ist der Sinn einer jeden Arche, dass man in ihr zu sich kommt, dass man groß wird und erwachsen.
Noch einmal: Die Arche will nicht zu einem bequemen Nichtstun verleiten. Man muss alles tun, um Katastrophen zu verhindern. Aber manchmal stellen sie sich trotz aller Gegenaktivität ein. Dann braucht man seine Arche. Dinge, die einem Kraft geben, Schutzräume, die Überleben helfen.
Das Wichtigste aber ist, dass wir nach jeder persönlichen oder allgemeinen Katastrophe lernen, neu und anders weiter zu leben. Die alten Strategien haben ja nicht wirklich geholfen.
Gott will, dass die Menschen und dass die Welt lebe. Dazu stärkt er jede Friedensaktivität und jeden Schutzraum, wenn er denn nötig ist.
Das sagt uns die alte Glut der Noaherzählung – und so segnet uns Gott, wo immer wir die Arche entdecken.
AMEN
Sonntag, 26. April 2009
Kain und Abel
Kain und Abel - Ein Brudermord am Anfang der Kultur
Genesis 4
Liebe Gemeinde,
nach dem biblischen Mythos wurde zunächst ein Mensch erschaffen: Adam, der Mensch.
Dann spürte dieser eine Mensch bald, dass ihm ein gleichwertiges und gleichgewichtiges Gegenüber fehlte. Er hatte wohl Tiere. Die konnte er benennen und beherrschen. Aber es fehlte ihm das Gegenüber auf gleicher Augenhöhe. Es fehlte ihm gewissermaßen das Spiegelbild, in dem er sich selbst begegnen konnte und in dem er sich auch selbst erkennen konnte. Diesen Mangel empfand der Mensch – und Gott fand das auch.
Deshalb teilte Gott den einen Menschen im Schlaf in zwei Teile, in Mann und Frau. Er setzte so dem „isch“, dem Mann, den es durch die Teilung jetzt erst gab, die „ischah“, die Frau oder die Männin gegenüber. Den alten Adam gab es jetzt nicht mehr. Er war ein anderer geworden. Er war durch Eva zum Mann geworden, wie die Eva durch ihn zur Frau wurde. Dem Mann eine Gehilfin und der Frau einen Gehilfen. So sollte es im Idealfall sein. So war es gedacht.
Es ist aber nicht immer so. Der Mann oder die Frau ist dem anderen bei weitem nicht immer Gehilfe. Es kann so weit gehen, dass der eine dem anderen ein Mörder wird. Brudermörder, Schwestermörder, Gattenmörder. Das ist auch eine menschliche Erfahrung und sie wird früh in der menschlichen Geschichte gemacht. Fast ganz am Anfang schon. Es könnte ein solcher krimineller Akt die Grundlage der Kultur sein. Kultur ist die Entgegnung zu einem solchen Verbrechen.
Kain und Abel, die Söhne von Adam und Eva, sind dieses Täter – Opfer – Paar des Anfangs.
Der eine ist ein Ackerbauer. Es ist Kain. Er arbeitet hart, kämpft mit der Erde. Er schuftet im Schweiße seines Angesichts, ganz wie es das Fluchwort aus dem verschlossenen Paradies sagt. Kain ist der Ältere, der Erstgeborene. Eva bejubelt diesen Sohn nach der Geburt. Kain besitzt bereits eine gewisse Kultur. Ackerbau ist Kultur – und vom Namen „Kain“ her ist er auch wohl eine Art Schmied, ein Techniker. Später wird er sogar eine Stadt gründen. Aber soweit ist es noch nicht.
Der andere Sohn, Abel, ist Hirte. Er wird als 2. Sohn in gewisser Weise mal eben so in die Familie hineingeboren. Eva verliert kein Wort über ihn, als wäre er nicht der Rede wert. Sein Name bedeutet soviel wie „Hauch“, man könnte auch sagen „kleiner Furz“.
Abel hat es irgendwie leichter im Leben als Kain. Er liegt auf der Wiese bei seinen Schafen, bläst Flöte, guckt in den Himmel und lässt die Hunde für sich arbeiten. Es gelingt ihm auch irgendwie alles. Das nämlich bedeutet die Aussage der Bibel: „der Herr schaute gnädig auf sein Opfer“. Es gelingt ihm alles. Trotz der unbedeutenden Anfänge – oder gerade wegen ihnen – ist er ein Sonnenkind.
Kain hat es schwerer. Manchmal gelingt ihm rein gar nichts. Es geht nichts mehr. Selbst Gott scheint an ihm und seinem Opfer vorbei zu schauen. Das ist bitter.
Warum beide so ungleich sind, oder warum ihnen so Ungleiches widerfährt, wird nicht erzählt. Es ist einfach so. Aber die Frage, warum oder mit welchem Recht das so ist, ist auch nicht so wichtig. Wichtiger ist, was daraus wird.
Kain wird bitter. Er kann seinen Bruder noch nicht einmal mehr in die Augen schauen. Er kann sogar noch nicht einmal mehr geradeaus in die Welt schauen. Er sieht niemandem mehr ins Gesicht. Er starrt nur noch nach innen. Da brodelt es: Eifersucht, Neid, Hass, Wut… es dampft und zischt wie in einer Hexenküche. Die Bibel schiebt an dieser Stelle einen fast unverständlichen, verstümmelten Satz ein, als begänne Gott selbst gegenüber dem verfinsterten Kain zu stottern. Vermutlich ist es so etwas wie eine Warnung, die da aus Gottes Mund kommt: Pass auf! Die Sünde lauert vor der Tür!
Aber Kain passt nicht auf. Er lässt seine Wut laufen. Aus Todeshass wird ein Mordplan. Wo keiner etwas sieht, auf dem Acker, auf dem Terrain des Kain, das er genau kennt, erschlägt er den „Furz“ – und dessen Leben ist vorüber wie ein Hauch. Abel, der Bruder, ist tot.
Vielleicht fällt uns bei diesem Brüderpaar das andere namenlose Brüderpaar aus dem Lukasevangelium ein. Da bekommt auch ein Jüngerer vom Vater anscheinend alles geschenkt, und der Ältere schuftet auf dem Feld. Der verbittert auch, aber ermordet hat er seinen Bruder nicht. Noch nicht! Der Vater ging hinaus und redete mit ihm. Wie es ausgeht, wissen wir nicht.
Bei Kain und Abel redet Gott, der Vater, auch noch einmal mit dem Älteren, aber da ist es schon zu spät. Deshalb sind die Sätze Gottes jetzt auch wie Keulenschläge: Wo ist dein Bruder? Wo?
Soll ich etwa des Hirten Hüter sein, antwortet Kain keck. Bin ich für ihn verantwortlich? Soll ich immer noch auf den Kleinen aufpassen?
Wir wissen, dass das infame, lügnerische Fragen sind, hinter denen Kain sich ja nur verbirgt. Er hat ja wirklich nicht aufgepasst. Nicht auf den Bruder und noch nicht einmal auf sich selbst.
„Sein Blut schreit zum Himmel“. Das ist der nächste Keulenschlag Gottes.
Gott übersieht nichts. Er lässt sich nicht täuschen. Man kann ihm nichts verbergen und es bleibt nichts verborgen.
Kain steckt in seiner Schuld fest. Nach der Weltordnung muss das Blut gerächt werden. Kain wird in Zukunft ein Getriebener sein. Er irrt umher. Einen Bruder hat er nicht mehr. Wer seinen Bruder tötet, der hat eben auch keinen Bruder mehr. Er muss ohne einen solchen auskommen. Die Erde ist durch das Blut entweiht. Sie wird ihre Frucht verweigern.
Damit kann ich nicht leben! schreit Kain. So nicht! Jeder hat ein Recht mich zu töten und in der Fremde kann ich alleine nicht überleben.
Doch! sagt Gott. Du wirst so leben müssen! Du bist gezeichnet, gebrandmarkt. Die Schuld bleibt. Du musst als Schuldiger leben. Aber dieselbe Zeichnung, die dich mahnt und aussondert, schützt dich auch. Keiner soll dich töten dürfen! Blutrache ist keine Lösung. Todesstrafe soll nicht sein! Das ist eine neue Weltordnung: Wer dich tötet, der soll unter einem siebenfachen Fluch stehen.
Kain lebte dann gezeichnet bis an sein Ende. Er war verändert durch seine Tat und die Folgen. Er bekam Kinder, denen er eine Stadt gründete, die er nach seinem Sohn Henoch benannte. Der gezeichnete, schuldige Mensch wurde der Urvater der Kultur. Als hätte seine Untat diese erst möglich gemacht. Denn worin bestand diese Kultur? Nicht nur in der Stadtgründung, sondern darin, dass er lernte, hinfort auf sich selbst, auf seine Seele aufzupassen. Die Sünde lauerte ja immer noch vor der Tür.
Wir wissen jetzt auch, was die eigentliche Ursünde ist: Eifersüchtig sein, neidisch sein, begehren – und das geradezu so tief in sich verbergen, es geradezu nicht erkennen und benennen wollen, bis das Herz wirklich zur Mördergrube geworden ist. Es ist keine Sünde, dass solche Gedanken in uns sind. Sie sind unwillkürlich da. Aber dass man sie auswachsen lässt, was man aus ihnen macht - das ist Sünde.
Die Menschen sind verschieden. Das ist so! sagt die Bibel. Pass also auf, dass du deshalb nicht zum Mörder wirst – und Mörderschaft gibt es auch ohne Blutvergießen. Pass auf die Regungen deines Herzens auf! Kannst du noch offen und klar in die Welt schauen oder beginnst du schon den Blick zu senken. Dann wird es gefährlich. Pass auf!
Was hat das mit uns zu tun? Sitzen etwa Mörder unter uns? Wohl kaum. Aber potentiell sind wir alle gemeint. Die mörderhaften Regungen: Neid, Eifersucht, Missgunst, Gier und Begierde, kennen wir alle. Was das bedeutet und worauf wir zu achten haben, möchte ich an einer Geschichte verdeutlichen.
Die deutsch-tschechische Jüdin Ilse Weber hat in den 30iger und 40iger Jahre Gedichte, Lieder und Briefe verfasst, die vor kurzem veröffentlicht wurden. Von Beruf war Ilse Weber Kinderkrankenschwester. Sie hatte zwei Söhne, von denen sie den Älteren im Alter von 8 Jahren zu einer Freundin nach England in die Sicherheit schicken konnte. Er wurde gerettet. Die übrige Familie wurde in Theresienstadt und Auschwitz ermordet. In den Briefen an die Freundin und an ihren Sohn in England schildert Ilse Weber ganz schlicht und einfach, aber unglaublich beeindruckend und berührend, was und wie sie als Mutter und Jüdin im Naziherrschaftsbereich erlebt und empfindet – und was sie schließlich nicht mehr empfindet, weil es in ihr schon abgetötet worden ist. Ich frage mich, wie damals die Menschen, die dieses Leid verursachten oder mitansahen oder eben wegsahen, nicht empfinden konnten, was wir heute empfinden, wenn wir die Texte hören? Wie kann man so abstumpfen, dass man nicht mehr empfindlich ist für das Leid, das man selbst verursacht oder auch nur in Reichweite geschehen lässt?! Wo ist dein Bruder oder deine Schwester? Die Antwort ist immer noch: Ist mir doch egal!
Was ist die innere Glut, die uns heute die Geschichte von Kain und Abel vermittelt? Es ist nichts als der schlichte Rat: Pass auf deine Seele auf! Die Sünde lauert vor der Tür – zumal wenn du beginnst, neidisch zu werden. Und neidisch wirst du oder bist du, denn immer wird es einen geben, der es vermeintlich leichter hat als du, und den du zu einem Sündenbock machen kannst für alles, was in deinem Leben nicht rund läuft. Vor 60 oder 7o Jahren waren das die Juden, heute sind es andere, die zu Aussenseitern gemacht werden.
Wenn du Neid und Gier-Gedanken in dir spürst, dann senke den Blick nicht verstohlen nach unten, um den Gedanken noch mehr Raum in dir zu geben. Guck vielmehr hoch – und spuck es aus. Sprich die Gedanken aus – und sie werden wie Eis an der Sonne schmelzen.
So hältst du dein Herz rein und es wird nicht zur Mördergrube, auch wenn das Böse von Zeit zu Zeit hindurchzieht. Auf das reine Herz kommt es an. Das ist Kultur.
AMEN
Genesis 4
Liebe Gemeinde,
nach dem biblischen Mythos wurde zunächst ein Mensch erschaffen: Adam, der Mensch.
Dann spürte dieser eine Mensch bald, dass ihm ein gleichwertiges und gleichgewichtiges Gegenüber fehlte. Er hatte wohl Tiere. Die konnte er benennen und beherrschen. Aber es fehlte ihm das Gegenüber auf gleicher Augenhöhe. Es fehlte ihm gewissermaßen das Spiegelbild, in dem er sich selbst begegnen konnte und in dem er sich auch selbst erkennen konnte. Diesen Mangel empfand der Mensch – und Gott fand das auch.
Deshalb teilte Gott den einen Menschen im Schlaf in zwei Teile, in Mann und Frau. Er setzte so dem „isch“, dem Mann, den es durch die Teilung jetzt erst gab, die „ischah“, die Frau oder die Männin gegenüber. Den alten Adam gab es jetzt nicht mehr. Er war ein anderer geworden. Er war durch Eva zum Mann geworden, wie die Eva durch ihn zur Frau wurde. Dem Mann eine Gehilfin und der Frau einen Gehilfen. So sollte es im Idealfall sein. So war es gedacht.
Es ist aber nicht immer so. Der Mann oder die Frau ist dem anderen bei weitem nicht immer Gehilfe. Es kann so weit gehen, dass der eine dem anderen ein Mörder wird. Brudermörder, Schwestermörder, Gattenmörder. Das ist auch eine menschliche Erfahrung und sie wird früh in der menschlichen Geschichte gemacht. Fast ganz am Anfang schon. Es könnte ein solcher krimineller Akt die Grundlage der Kultur sein. Kultur ist die Entgegnung zu einem solchen Verbrechen.
Kain und Abel, die Söhne von Adam und Eva, sind dieses Täter – Opfer – Paar des Anfangs.
Der eine ist ein Ackerbauer. Es ist Kain. Er arbeitet hart, kämpft mit der Erde. Er schuftet im Schweiße seines Angesichts, ganz wie es das Fluchwort aus dem verschlossenen Paradies sagt. Kain ist der Ältere, der Erstgeborene. Eva bejubelt diesen Sohn nach der Geburt. Kain besitzt bereits eine gewisse Kultur. Ackerbau ist Kultur – und vom Namen „Kain“ her ist er auch wohl eine Art Schmied, ein Techniker. Später wird er sogar eine Stadt gründen. Aber soweit ist es noch nicht.
Der andere Sohn, Abel, ist Hirte. Er wird als 2. Sohn in gewisser Weise mal eben so in die Familie hineingeboren. Eva verliert kein Wort über ihn, als wäre er nicht der Rede wert. Sein Name bedeutet soviel wie „Hauch“, man könnte auch sagen „kleiner Furz“.
Abel hat es irgendwie leichter im Leben als Kain. Er liegt auf der Wiese bei seinen Schafen, bläst Flöte, guckt in den Himmel und lässt die Hunde für sich arbeiten. Es gelingt ihm auch irgendwie alles. Das nämlich bedeutet die Aussage der Bibel: „der Herr schaute gnädig auf sein Opfer“. Es gelingt ihm alles. Trotz der unbedeutenden Anfänge – oder gerade wegen ihnen – ist er ein Sonnenkind.
Kain hat es schwerer. Manchmal gelingt ihm rein gar nichts. Es geht nichts mehr. Selbst Gott scheint an ihm und seinem Opfer vorbei zu schauen. Das ist bitter.
Warum beide so ungleich sind, oder warum ihnen so Ungleiches widerfährt, wird nicht erzählt. Es ist einfach so. Aber die Frage, warum oder mit welchem Recht das so ist, ist auch nicht so wichtig. Wichtiger ist, was daraus wird.
Kain wird bitter. Er kann seinen Bruder noch nicht einmal mehr in die Augen schauen. Er kann sogar noch nicht einmal mehr geradeaus in die Welt schauen. Er sieht niemandem mehr ins Gesicht. Er starrt nur noch nach innen. Da brodelt es: Eifersucht, Neid, Hass, Wut… es dampft und zischt wie in einer Hexenküche. Die Bibel schiebt an dieser Stelle einen fast unverständlichen, verstümmelten Satz ein, als begänne Gott selbst gegenüber dem verfinsterten Kain zu stottern. Vermutlich ist es so etwas wie eine Warnung, die da aus Gottes Mund kommt: Pass auf! Die Sünde lauert vor der Tür!
Aber Kain passt nicht auf. Er lässt seine Wut laufen. Aus Todeshass wird ein Mordplan. Wo keiner etwas sieht, auf dem Acker, auf dem Terrain des Kain, das er genau kennt, erschlägt er den „Furz“ – und dessen Leben ist vorüber wie ein Hauch. Abel, der Bruder, ist tot.
Vielleicht fällt uns bei diesem Brüderpaar das andere namenlose Brüderpaar aus dem Lukasevangelium ein. Da bekommt auch ein Jüngerer vom Vater anscheinend alles geschenkt, und der Ältere schuftet auf dem Feld. Der verbittert auch, aber ermordet hat er seinen Bruder nicht. Noch nicht! Der Vater ging hinaus und redete mit ihm. Wie es ausgeht, wissen wir nicht.
Bei Kain und Abel redet Gott, der Vater, auch noch einmal mit dem Älteren, aber da ist es schon zu spät. Deshalb sind die Sätze Gottes jetzt auch wie Keulenschläge: Wo ist dein Bruder? Wo?
Soll ich etwa des Hirten Hüter sein, antwortet Kain keck. Bin ich für ihn verantwortlich? Soll ich immer noch auf den Kleinen aufpassen?
Wir wissen, dass das infame, lügnerische Fragen sind, hinter denen Kain sich ja nur verbirgt. Er hat ja wirklich nicht aufgepasst. Nicht auf den Bruder und noch nicht einmal auf sich selbst.
„Sein Blut schreit zum Himmel“. Das ist der nächste Keulenschlag Gottes.
Gott übersieht nichts. Er lässt sich nicht täuschen. Man kann ihm nichts verbergen und es bleibt nichts verborgen.
Kain steckt in seiner Schuld fest. Nach der Weltordnung muss das Blut gerächt werden. Kain wird in Zukunft ein Getriebener sein. Er irrt umher. Einen Bruder hat er nicht mehr. Wer seinen Bruder tötet, der hat eben auch keinen Bruder mehr. Er muss ohne einen solchen auskommen. Die Erde ist durch das Blut entweiht. Sie wird ihre Frucht verweigern.
Damit kann ich nicht leben! schreit Kain. So nicht! Jeder hat ein Recht mich zu töten und in der Fremde kann ich alleine nicht überleben.
Doch! sagt Gott. Du wirst so leben müssen! Du bist gezeichnet, gebrandmarkt. Die Schuld bleibt. Du musst als Schuldiger leben. Aber dieselbe Zeichnung, die dich mahnt und aussondert, schützt dich auch. Keiner soll dich töten dürfen! Blutrache ist keine Lösung. Todesstrafe soll nicht sein! Das ist eine neue Weltordnung: Wer dich tötet, der soll unter einem siebenfachen Fluch stehen.
Kain lebte dann gezeichnet bis an sein Ende. Er war verändert durch seine Tat und die Folgen. Er bekam Kinder, denen er eine Stadt gründete, die er nach seinem Sohn Henoch benannte. Der gezeichnete, schuldige Mensch wurde der Urvater der Kultur. Als hätte seine Untat diese erst möglich gemacht. Denn worin bestand diese Kultur? Nicht nur in der Stadtgründung, sondern darin, dass er lernte, hinfort auf sich selbst, auf seine Seele aufzupassen. Die Sünde lauerte ja immer noch vor der Tür.
Wir wissen jetzt auch, was die eigentliche Ursünde ist: Eifersüchtig sein, neidisch sein, begehren – und das geradezu so tief in sich verbergen, es geradezu nicht erkennen und benennen wollen, bis das Herz wirklich zur Mördergrube geworden ist. Es ist keine Sünde, dass solche Gedanken in uns sind. Sie sind unwillkürlich da. Aber dass man sie auswachsen lässt, was man aus ihnen macht - das ist Sünde.
Die Menschen sind verschieden. Das ist so! sagt die Bibel. Pass also auf, dass du deshalb nicht zum Mörder wirst – und Mörderschaft gibt es auch ohne Blutvergießen. Pass auf die Regungen deines Herzens auf! Kannst du noch offen und klar in die Welt schauen oder beginnst du schon den Blick zu senken. Dann wird es gefährlich. Pass auf!
Was hat das mit uns zu tun? Sitzen etwa Mörder unter uns? Wohl kaum. Aber potentiell sind wir alle gemeint. Die mörderhaften Regungen: Neid, Eifersucht, Missgunst, Gier und Begierde, kennen wir alle. Was das bedeutet und worauf wir zu achten haben, möchte ich an einer Geschichte verdeutlichen.
Die deutsch-tschechische Jüdin Ilse Weber hat in den 30iger und 40iger Jahre Gedichte, Lieder und Briefe verfasst, die vor kurzem veröffentlicht wurden. Von Beruf war Ilse Weber Kinderkrankenschwester. Sie hatte zwei Söhne, von denen sie den Älteren im Alter von 8 Jahren zu einer Freundin nach England in die Sicherheit schicken konnte. Er wurde gerettet. Die übrige Familie wurde in Theresienstadt und Auschwitz ermordet. In den Briefen an die Freundin und an ihren Sohn in England schildert Ilse Weber ganz schlicht und einfach, aber unglaublich beeindruckend und berührend, was und wie sie als Mutter und Jüdin im Naziherrschaftsbereich erlebt und empfindet – und was sie schließlich nicht mehr empfindet, weil es in ihr schon abgetötet worden ist. Ich frage mich, wie damals die Menschen, die dieses Leid verursachten oder mitansahen oder eben wegsahen, nicht empfinden konnten, was wir heute empfinden, wenn wir die Texte hören? Wie kann man so abstumpfen, dass man nicht mehr empfindlich ist für das Leid, das man selbst verursacht oder auch nur in Reichweite geschehen lässt?! Wo ist dein Bruder oder deine Schwester? Die Antwort ist immer noch: Ist mir doch egal!
Was ist die innere Glut, die uns heute die Geschichte von Kain und Abel vermittelt? Es ist nichts als der schlichte Rat: Pass auf deine Seele auf! Die Sünde lauert vor der Tür – zumal wenn du beginnst, neidisch zu werden. Und neidisch wirst du oder bist du, denn immer wird es einen geben, der es vermeintlich leichter hat als du, und den du zu einem Sündenbock machen kannst für alles, was in deinem Leben nicht rund läuft. Vor 60 oder 7o Jahren waren das die Juden, heute sind es andere, die zu Aussenseitern gemacht werden.
Wenn du Neid und Gier-Gedanken in dir spürst, dann senke den Blick nicht verstohlen nach unten, um den Gedanken noch mehr Raum in dir zu geben. Guck vielmehr hoch – und spuck es aus. Sprich die Gedanken aus – und sie werden wie Eis an der Sonne schmelzen.
So hältst du dein Herz rein und es wird nicht zur Mördergrube, auch wenn das Böse von Zeit zu Zeit hindurchzieht. Auf das reine Herz kommt es an. Das ist Kultur.
AMEN
Montag, 20. April 2009
Paradis und Fall
Das Paradies - und der Fall aus dem Garten Genesis 2 u.3
Liebe Gemeinde,
einmal erschien zu Pfingsten ein Spiegel mit dem Titelthema „Das Paradies“.
Demnach behaupten einige Forscher neuerdings, dass es in ältester Vorzeit im kurdischen Bereich des Irak eine Art paradiesischer Kultur gegeben haben müsse. Die Menschen hätten dort große Tempelanlagen gebaut und von geradezu unerschöpflichen wilden Tierbeständen gelebt. Dann sei durch einen Klimawandel und durch Erschöpfung der Tierbestände an die Stelle des Paradieses eine Ackerbaukultur getreten, die von mühsamer Arbeit geprägt gewesen sei. Spuren dieser Zustände und Ereignisse hätten sich im biblischen Bericht vom „Garten Eden“ erhalten.
Das Paradies war also demnach eine Art Schlaraffenland, in dem den Menschen der gebratene Ochsen in den Mund fiel.
Wenn Familien bei IKEA einkaufen gehen, können sie die Kinder im „Kinderparadies“ abgeben, um sorglos und störungsfrei aussuchen und einkaufen zu können.
Das Paradies ist also dort eine Art Spielgarten.
Vor kurzem bekam ich einen Stereo-Viewer geschenkt. Durch eine besondere Folie kann man dreidimensional in eine paradiesische Karibikkulisse hineinschauen: türkisfarbenes Meer, weißer Sand, Palmen und zwei Liegestühle, die aufs Meer und in den blauen Himmel schauen lassen.
So malt uns eine Tourismusindustrie das Urlaubsparadies.
Daneben gibt es auch noch das Steuerparadies, das keine Abgaben oder sonstige unangenehmen Verpflichtungen kennt. Ein Paradies, das neuerdings ins Gerede gekommen ist.
Von welchem Paradies spricht eigentlich die Bibel? Und was sagt uns die biblische Vorstellung vom Paradies über den Menschen?
Alle Fragen, die mit dem Paradies zusammenhängen, gehören zu den Urfragen der Menschheit.
Menschheit!
Adam und Eva sind nicht historische Einzelpersonen, sondern sie sind die Menschen schlechthin. Was diese beiden erleben, erleben alle zu jeder Zeit. Also auch ein jeder von uns.
Die Bibel erzählt nun, dass Gott den Menschen einen Garten gegeben habe. Dieses Wort „Garten“ würde in der griechischen Übersetzung der Bibel mit dem altiranischen Wort „Paradies“ wiedergegeben.
Der Paradiesgarten bestand aus einem umzäunten Raum. Es war ein beschützter und beschützender Bereich. Das Wort „Gart“ ist mit den Wörtern Gürtel und Gurt verwand. Garten ist also ein zusammenhaltender, behütender Raum. So etwas wie ein Gürtel Gottes, oder auch eine hohle Hand Gottes.
„Gart“ taucht auch in vielen Frauennamen auf, wie Irmgard, Hildegard oder Friedgart etc.
Vielleicht können wir deshalb auch sagen, dass es in diesem Garten wie in weiblich-mütterlicher Obhut war. Alles stand in Übereinstimmung. Es war ein Raum, der Heimat und Geborgenheit vermittelte – und das nicht nur äußerlich, sondern auch bewusstseinsmäßig, innerlich.
Dieser Garten war die ganze Welt, soweit der Horizont reichte.
Er hatte eine Mitte, von der aus vier Flüsse wie Weltachsen in die vier Himmelsrichtungen ausströmten.
In der Mitte aber stand ein Baum.
Dieses dargelegte Bild ist eine mythisch-kultische Konstruktion, die ganz wesentlich für die Menschen ist. Es ist von einer mythischen Kartographie, die zugleich eine seelische Kartographie des Menschen abbildet.
Wenn die alten Völker, z.B. die Etrusker, eine Stadt gründeten, suchten sie zuerst eine Mitte. Dort in der Mitte dachte man sich die vertikale Weltachse, die Himmel und Erde und sogar auch noch die Unterwelt miteinander verband. Dort war die Erde wie an einer Nabelschnur mit dem Himmel verbunden. In dieser Mitte stand der Weltenbaum oder Lebensbaum, der im Stamm Himmel und Erde zusammenhielt und in dessen Krone sich der Himmel verfing.
Von dieser Mitte gingen die vier horizontalen Weltachsen aus, die die Stadttore und die vier Himmelsrichtungen bestimmten.
Die Mitte war unverfügbar. Sie war die Voraussetzung für jedes Leben. Von ihr aus lebte der Mensch. Diese Bindung gab seinem Lebensraum erst Bestand. So ermöglichte sie das Leben. Die Mitte war ein mythischer, symbolischer Ort.
Ein solches Denken bestimmt auch den biblischen Text vom Garten Eden. Wir verstehen jetzt, warum Adam und Eva alle anderen Bäume und Früchte im Garten berühren und essen durften, aber diesen einen in der Mitte, der zwei Namen trägt – Baum des Lebens und Baum der Erkenntnis – nicht. An diesem Baum war Tod und Leben geknüpft. Dieses Unverfügbare sollten sie nicht in die Hand nehmen. Das sollten sie sich nicht einverleiben, weil es eben draußen, als Vorgängiges, als Voraussetzung des Lebens bestehen bleiben musste. Es war das Gesetz des Lebens, das zu respektieren war, wenn man mit Gott und der Welt in Übereinstimmung leben wollte.
Dieses „ auf eine Mitte ausgerichtet sein“ ist also etwas schöpfungsgemäßes. Es bedeutet, dass es eine heilige, unverfügbare Mitte geben muss, die wir ein Leben lang suchen. Wir möchten den Kern von allem finden und das, was alles zusammenhält.
Selbst die Galaxien rotieren noch um ein schwarzes Loch in der Mitte. Auch diese Mitte ist unverfügbar, unberührbar. Jeder Zugriff würde in ihr verbrennen, er wird verschluckt.
Nicht wir nehmen die Mitte in unsere Hand, sondern sie uns. Unter ihren Bedingungen haben wir zu leben. Wir haben der Mitte nichts vorzuschreiben.
Die Mitte, der Kern alles dessen, was ist, ist gewissermaßen auch das Tor zum Jenseitigen, zur Transzendenz. Diese vorausgesetzte Mitte finden wir tatsächlich in allem. Nicht nur im Großen, im Kosmos oder im Sonnensystem, sondern auch im Kleinsten, im Feinsten, in dem, was gar nicht mehr stofflich ist. Wir finden sie gerade in der Psyche, in der Seele.
Jeder Mensch besitzt eine unverfügbare Mitte, ein Herz, auf das hin er gespannt ist, und in dem ihm Gott näher ist, als er sich selbst je sein könnte.
Wehe, man verletzt die Mitte eines Menschen! Wenn man ihn ins Herz trifft, tötet man ihn, seelisch.
Auch jede Beziehung zwischen Menschen hat eine solche Mitte. Die Menschen sind als Beziehungswesen geschaffen. Es sind zumindest immer zwei: Adam und Eva. Die Mitte ist das Unverfügbare im anderen, die unverfügbar sich auch in der Beziehung abbildet, wenn diese eine wirkliche Beziehung und eine lebendige sein soll. Die Unverfügbarkeit macht die Beziehung reizvoll.
Alles Verfügbarmachenwollen ist nur Bemächtigung und zerstört letztendlich.
Wir verstehen jetzt, warum Gott verboten hat, die Mitte des Gartens anzutasten. Es ist kein autoritäres Verbot, das dem Menschen das Schönste vorenthalten will. Gott will sich keine überlegene Macht sichern oder den Menschen abhängig und unmündig halten. Solche Kategorien von Über- u. Unterlegenheit sind noch gar nicht denkbar.
Es ist die Struktur der Wirklichkeit, der Schöpfung, die hier geschützt wird. Unsere eigene Voraussetzung sollen wir nicht in die Hand nehmen, wir sollen sie– mental und haptisch - nicht begreifen oder uns gar selbst einverleiben wollen. Sie bleibt uns vorausgesetzt Wir zerstören uns selber, wenn wir das Unverfügbare zerstören, indem wir es einholen wollen. Leben oder Tod – es hängt davon ab, ob das Unverfügbare als solches geachtet bleibt.
Die Menschen haben nun aber doch an die Mitte gerührt. Und sie tun es noch und immer wieder. Der Mensch ist haptisch. Es reizt uns, alles in die Hand nehmen zu wollen: auch Gott, auch das Nichts oder die Leere, die jedem Sein eingezeichnet ist und es oft erst mit Sinn erfüllt - wie das Loch, oder den Topf, wie die Tür oder das Rad -, auch die schwarzen Löcher des Kosmos, die diesen erst konstituieren, auch das Verborgene und Geheimnisvolle in der Seele, auch das Leben und den Tod, auch die Quelle des Lebens, die Weltachse, den Lebensbaum, die Nabelschnur. Wir wollen alles wissen, das ganze Wissen haben, Gut und Böse – was additiv nur ein anderer Ausdruck für „alles“ ist. Wenn wir Gut und Böse wirklich unterscheiden und scheiden und das Böse als Böses etikettieren, sind wir in einem rein quantitativen Sinn tatsächlich weiser geworden als wenn wir alles nur als „gut“ begreifen, wie es das Schöpfungsurteil Gottes vorgesehen hatte. Was das allerdings bedeutet, in diesem Sinne weise zu sein, zeigt uns die Bibel an einem drastischen Beispiel:
Die Menschen waren nackt, bevor sie die Mitte berührten – und es war gut so. Jedenfalls hören wir es nicht anders. Nachdem sie allerdings die Mitte berührt hatten, war das Gleiche nicht mehr „nur“ gut. Es war auch böse. Es war ambivalent geworden. Und sie schämten sich – ein bislang unbekanntes Gefühl. Und sie versteckten sich – ein bislang unbekannter Ort. Sie „wussten“ das alles. Sie kannten jetzt „das Ganze“. Sie wussten jetzt mehr als vorher,- aber war das Wissen noch gut? Tat es ihnen gut? Die Erfahrung dieses neu erworbenen Wissens ist immer bitter, sie ist selber böse.
Die Bibel redet von diesem grenzüberschreitenden Tun übrigens nicht als Sünde. Es ist Ungehorsam gegenüber Gott und zugleich Ungehorsam gegenüber sich selbst, gegenüber dem Charakter des Menschen, der sich selbst begrenzen sollte, wie sich Gott in seiner Schöpfung selbst begrenzt hat. Es ist keine Sünde im moralischen Sinn, es ist die Grundabständigkeit von Gott, anders eben als Gott selbst ist. Auch ist die Sünde nicht durch dieses Tun gewissermaßen magisch auf alle Folgenden vererbt worden. Wohl aber wird diese Grundabständigkeit von allen Folgenden ebenfalls vollzogen. Ein jeder, eine jede versucht die empfindliche und fragile Mitte zu berühren. Der mythische Text der Bibel will aber die Existenz des Menschen erhellen helfen und die sich daraus ergebenden Fragen der Menschen beantworten: Warum ist der Mensch und das menschliche Leben so tragisch und tödlich begrenzt? Warum folgt aus der versäumten Selbstbegrenzung eine Verfehlung des ganzen Lebens, warum entstehen Mühe und Leid und Tod? Warum ist der Garten verschlossen und warum findet sich nur ein verschlossenes Feld der Erde vor?
Die Antwort lautet: Weil der Mensch an die Mitte rührt. Weil er sie sich verfügbar machen will, statt sie verfügen zu lassen. Er weiß jetzt das Ganze und er will es wissen, aber er muss es jetzt auch tragen. Das Leben selbst ist ambivalent geworden. Auch unter dem Guten steckt das Böse. Eine zweite Ebene ist aufgetan, die Last und mühsame Aufgabe ist und bleibt.
Die Menschen haben an die Mitte gerührt und sie rühren weiter an sie auf verhängnisvolle Weise. Die Menschen machen sich Menschen in Beziehungen verfügbar, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Sie ziehen Gott in ihre Verfügbarkeit, indem sie vor allem selbst an seine Stelle treten. Sie respektieren das Heilige nicht, lösen die Mitte in lauter Relativismen auf. Sie holzen den Baum des Lebens ab und plündern ihn. Sie unterscheiden nicht mehr nur Gut und Böse, sie erklären selbst, was gut und was böse ist.
Und immer noch verlieren sie deshalb das Paradies, wenn sie es auch noch so sehr suchen und ersehnen. Sie erschaffen sich deshalb aus Not und Orientierungslosigkeit Ersatzparadiese: Schlaraffenländer, in denen man alles umsonst bekommt wie im Kurdistan der Vorzeit. Im Garten Eden aber arbeitete der Mensch. Er lebte auch nicht von getöteten Tieren. Er bebaute und bewahrte, und vielleicht war ja gerade das das Paradies, dass man sinnvoll arbeiten konnte, weil man in der Arbeit die Schöpfung bewahrte, indem man ihre Mitte, ihre Voraussetzungen achtete.
Oder man errichtet Kinderparadiese wie bei Ikea, obwohl dort kein Kind lange bleiben will. Die Kinder spüren, dass sie um eines Kaufinteresses willen manipuliert werden sollen.
Und die Urlaubsparadiese? Meistens sehen die Menschen nach einem Aufenthalt dort gar nicht so aus als seien sie im Paradies gewesen. Sie erscheinen eher gestresst oder gefoppt.
Die Steuerparadiese aber sind so wie so nur Tummelplätze für Raff und Gier, Geiz und Co.
Und selbst ein nur jenseitiger Himmel, das sog. Himmelreich, ist wohl nur ein Ersatzparadies für das, was auch hier, diesseitig, schon erfahrbar sein müsste.
Solange die Menschen ausgreifen zur Mitte, solange sie sich das Unverfügbare verfügbar machen wollen, anstatt sich von der Mitte ergreifen zu lassen und sich der Mitte selbst zur Verfügung zu stellen, solange verpassen sie das Paradies.
Dabei können wir allerdings letztlich die Mitte gar nicht erreichen. Es ist nur der Versuch, der bereits schadet, und es ist eine ungedeckte Einbildung, die die Menschen auf den falschen Weg treibt. Wir können die Mitte gar nicht wirklich erreichen, denn ein Cherub steht vor dem Tor- sagt der Mythos
Man könnte allerdings auch sagen, dass dann, wenn die Mitte respektiert ist, das Paradies schon begonnen hätte, sich zu verwirklichen. Das Paradies beginnt dann in uns, wenn die Seele bereit ist, respektvoll zu sein. Das ist freilich leichter gesagt als getan.
AMEN
Liebe Gemeinde,
einmal erschien zu Pfingsten ein Spiegel mit dem Titelthema „Das Paradies“.
Demnach behaupten einige Forscher neuerdings, dass es in ältester Vorzeit im kurdischen Bereich des Irak eine Art paradiesischer Kultur gegeben haben müsse. Die Menschen hätten dort große Tempelanlagen gebaut und von geradezu unerschöpflichen wilden Tierbeständen gelebt. Dann sei durch einen Klimawandel und durch Erschöpfung der Tierbestände an die Stelle des Paradieses eine Ackerbaukultur getreten, die von mühsamer Arbeit geprägt gewesen sei. Spuren dieser Zustände und Ereignisse hätten sich im biblischen Bericht vom „Garten Eden“ erhalten.
Das Paradies war also demnach eine Art Schlaraffenland, in dem den Menschen der gebratene Ochsen in den Mund fiel.
Wenn Familien bei IKEA einkaufen gehen, können sie die Kinder im „Kinderparadies“ abgeben, um sorglos und störungsfrei aussuchen und einkaufen zu können.
Das Paradies ist also dort eine Art Spielgarten.
Vor kurzem bekam ich einen Stereo-Viewer geschenkt. Durch eine besondere Folie kann man dreidimensional in eine paradiesische Karibikkulisse hineinschauen: türkisfarbenes Meer, weißer Sand, Palmen und zwei Liegestühle, die aufs Meer und in den blauen Himmel schauen lassen.
So malt uns eine Tourismusindustrie das Urlaubsparadies.
Daneben gibt es auch noch das Steuerparadies, das keine Abgaben oder sonstige unangenehmen Verpflichtungen kennt. Ein Paradies, das neuerdings ins Gerede gekommen ist.
Von welchem Paradies spricht eigentlich die Bibel? Und was sagt uns die biblische Vorstellung vom Paradies über den Menschen?
Alle Fragen, die mit dem Paradies zusammenhängen, gehören zu den Urfragen der Menschheit.
Menschheit!
Adam und Eva sind nicht historische Einzelpersonen, sondern sie sind die Menschen schlechthin. Was diese beiden erleben, erleben alle zu jeder Zeit. Also auch ein jeder von uns.
Die Bibel erzählt nun, dass Gott den Menschen einen Garten gegeben habe. Dieses Wort „Garten“ würde in der griechischen Übersetzung der Bibel mit dem altiranischen Wort „Paradies“ wiedergegeben.
Der Paradiesgarten bestand aus einem umzäunten Raum. Es war ein beschützter und beschützender Bereich. Das Wort „Gart“ ist mit den Wörtern Gürtel und Gurt verwand. Garten ist also ein zusammenhaltender, behütender Raum. So etwas wie ein Gürtel Gottes, oder auch eine hohle Hand Gottes.
„Gart“ taucht auch in vielen Frauennamen auf, wie Irmgard, Hildegard oder Friedgart etc.
Vielleicht können wir deshalb auch sagen, dass es in diesem Garten wie in weiblich-mütterlicher Obhut war. Alles stand in Übereinstimmung. Es war ein Raum, der Heimat und Geborgenheit vermittelte – und das nicht nur äußerlich, sondern auch bewusstseinsmäßig, innerlich.
Dieser Garten war die ganze Welt, soweit der Horizont reichte.
Er hatte eine Mitte, von der aus vier Flüsse wie Weltachsen in die vier Himmelsrichtungen ausströmten.
In der Mitte aber stand ein Baum.
Dieses dargelegte Bild ist eine mythisch-kultische Konstruktion, die ganz wesentlich für die Menschen ist. Es ist von einer mythischen Kartographie, die zugleich eine seelische Kartographie des Menschen abbildet.
Wenn die alten Völker, z.B. die Etrusker, eine Stadt gründeten, suchten sie zuerst eine Mitte. Dort in der Mitte dachte man sich die vertikale Weltachse, die Himmel und Erde und sogar auch noch die Unterwelt miteinander verband. Dort war die Erde wie an einer Nabelschnur mit dem Himmel verbunden. In dieser Mitte stand der Weltenbaum oder Lebensbaum, der im Stamm Himmel und Erde zusammenhielt und in dessen Krone sich der Himmel verfing.
Von dieser Mitte gingen die vier horizontalen Weltachsen aus, die die Stadttore und die vier Himmelsrichtungen bestimmten.
Die Mitte war unverfügbar. Sie war die Voraussetzung für jedes Leben. Von ihr aus lebte der Mensch. Diese Bindung gab seinem Lebensraum erst Bestand. So ermöglichte sie das Leben. Die Mitte war ein mythischer, symbolischer Ort.
Ein solches Denken bestimmt auch den biblischen Text vom Garten Eden. Wir verstehen jetzt, warum Adam und Eva alle anderen Bäume und Früchte im Garten berühren und essen durften, aber diesen einen in der Mitte, der zwei Namen trägt – Baum des Lebens und Baum der Erkenntnis – nicht. An diesem Baum war Tod und Leben geknüpft. Dieses Unverfügbare sollten sie nicht in die Hand nehmen. Das sollten sie sich nicht einverleiben, weil es eben draußen, als Vorgängiges, als Voraussetzung des Lebens bestehen bleiben musste. Es war das Gesetz des Lebens, das zu respektieren war, wenn man mit Gott und der Welt in Übereinstimmung leben wollte.
Dieses „ auf eine Mitte ausgerichtet sein“ ist also etwas schöpfungsgemäßes. Es bedeutet, dass es eine heilige, unverfügbare Mitte geben muss, die wir ein Leben lang suchen. Wir möchten den Kern von allem finden und das, was alles zusammenhält.
Selbst die Galaxien rotieren noch um ein schwarzes Loch in der Mitte. Auch diese Mitte ist unverfügbar, unberührbar. Jeder Zugriff würde in ihr verbrennen, er wird verschluckt.
Nicht wir nehmen die Mitte in unsere Hand, sondern sie uns. Unter ihren Bedingungen haben wir zu leben. Wir haben der Mitte nichts vorzuschreiben.
Die Mitte, der Kern alles dessen, was ist, ist gewissermaßen auch das Tor zum Jenseitigen, zur Transzendenz. Diese vorausgesetzte Mitte finden wir tatsächlich in allem. Nicht nur im Großen, im Kosmos oder im Sonnensystem, sondern auch im Kleinsten, im Feinsten, in dem, was gar nicht mehr stofflich ist. Wir finden sie gerade in der Psyche, in der Seele.
Jeder Mensch besitzt eine unverfügbare Mitte, ein Herz, auf das hin er gespannt ist, und in dem ihm Gott näher ist, als er sich selbst je sein könnte.
Wehe, man verletzt die Mitte eines Menschen! Wenn man ihn ins Herz trifft, tötet man ihn, seelisch.
Auch jede Beziehung zwischen Menschen hat eine solche Mitte. Die Menschen sind als Beziehungswesen geschaffen. Es sind zumindest immer zwei: Adam und Eva. Die Mitte ist das Unverfügbare im anderen, die unverfügbar sich auch in der Beziehung abbildet, wenn diese eine wirkliche Beziehung und eine lebendige sein soll. Die Unverfügbarkeit macht die Beziehung reizvoll.
Alles Verfügbarmachenwollen ist nur Bemächtigung und zerstört letztendlich.
Wir verstehen jetzt, warum Gott verboten hat, die Mitte des Gartens anzutasten. Es ist kein autoritäres Verbot, das dem Menschen das Schönste vorenthalten will. Gott will sich keine überlegene Macht sichern oder den Menschen abhängig und unmündig halten. Solche Kategorien von Über- u. Unterlegenheit sind noch gar nicht denkbar.
Es ist die Struktur der Wirklichkeit, der Schöpfung, die hier geschützt wird. Unsere eigene Voraussetzung sollen wir nicht in die Hand nehmen, wir sollen sie– mental und haptisch - nicht begreifen oder uns gar selbst einverleiben wollen. Sie bleibt uns vorausgesetzt Wir zerstören uns selber, wenn wir das Unverfügbare zerstören, indem wir es einholen wollen. Leben oder Tod – es hängt davon ab, ob das Unverfügbare als solches geachtet bleibt.
Die Menschen haben nun aber doch an die Mitte gerührt. Und sie tun es noch und immer wieder. Der Mensch ist haptisch. Es reizt uns, alles in die Hand nehmen zu wollen: auch Gott, auch das Nichts oder die Leere, die jedem Sein eingezeichnet ist und es oft erst mit Sinn erfüllt - wie das Loch, oder den Topf, wie die Tür oder das Rad -, auch die schwarzen Löcher des Kosmos, die diesen erst konstituieren, auch das Verborgene und Geheimnisvolle in der Seele, auch das Leben und den Tod, auch die Quelle des Lebens, die Weltachse, den Lebensbaum, die Nabelschnur. Wir wollen alles wissen, das ganze Wissen haben, Gut und Böse – was additiv nur ein anderer Ausdruck für „alles“ ist. Wenn wir Gut und Böse wirklich unterscheiden und scheiden und das Böse als Böses etikettieren, sind wir in einem rein quantitativen Sinn tatsächlich weiser geworden als wenn wir alles nur als „gut“ begreifen, wie es das Schöpfungsurteil Gottes vorgesehen hatte. Was das allerdings bedeutet, in diesem Sinne weise zu sein, zeigt uns die Bibel an einem drastischen Beispiel:
Die Menschen waren nackt, bevor sie die Mitte berührten – und es war gut so. Jedenfalls hören wir es nicht anders. Nachdem sie allerdings die Mitte berührt hatten, war das Gleiche nicht mehr „nur“ gut. Es war auch böse. Es war ambivalent geworden. Und sie schämten sich – ein bislang unbekanntes Gefühl. Und sie versteckten sich – ein bislang unbekannter Ort. Sie „wussten“ das alles. Sie kannten jetzt „das Ganze“. Sie wussten jetzt mehr als vorher,- aber war das Wissen noch gut? Tat es ihnen gut? Die Erfahrung dieses neu erworbenen Wissens ist immer bitter, sie ist selber böse.
Die Bibel redet von diesem grenzüberschreitenden Tun übrigens nicht als Sünde. Es ist Ungehorsam gegenüber Gott und zugleich Ungehorsam gegenüber sich selbst, gegenüber dem Charakter des Menschen, der sich selbst begrenzen sollte, wie sich Gott in seiner Schöpfung selbst begrenzt hat. Es ist keine Sünde im moralischen Sinn, es ist die Grundabständigkeit von Gott, anders eben als Gott selbst ist. Auch ist die Sünde nicht durch dieses Tun gewissermaßen magisch auf alle Folgenden vererbt worden. Wohl aber wird diese Grundabständigkeit von allen Folgenden ebenfalls vollzogen. Ein jeder, eine jede versucht die empfindliche und fragile Mitte zu berühren. Der mythische Text der Bibel will aber die Existenz des Menschen erhellen helfen und die sich daraus ergebenden Fragen der Menschen beantworten: Warum ist der Mensch und das menschliche Leben so tragisch und tödlich begrenzt? Warum folgt aus der versäumten Selbstbegrenzung eine Verfehlung des ganzen Lebens, warum entstehen Mühe und Leid und Tod? Warum ist der Garten verschlossen und warum findet sich nur ein verschlossenes Feld der Erde vor?
Die Antwort lautet: Weil der Mensch an die Mitte rührt. Weil er sie sich verfügbar machen will, statt sie verfügen zu lassen. Er weiß jetzt das Ganze und er will es wissen, aber er muss es jetzt auch tragen. Das Leben selbst ist ambivalent geworden. Auch unter dem Guten steckt das Böse. Eine zweite Ebene ist aufgetan, die Last und mühsame Aufgabe ist und bleibt.
Die Menschen haben an die Mitte gerührt und sie rühren weiter an sie auf verhängnisvolle Weise. Die Menschen machen sich Menschen in Beziehungen verfügbar, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Sie ziehen Gott in ihre Verfügbarkeit, indem sie vor allem selbst an seine Stelle treten. Sie respektieren das Heilige nicht, lösen die Mitte in lauter Relativismen auf. Sie holzen den Baum des Lebens ab und plündern ihn. Sie unterscheiden nicht mehr nur Gut und Böse, sie erklären selbst, was gut und was böse ist.
Und immer noch verlieren sie deshalb das Paradies, wenn sie es auch noch so sehr suchen und ersehnen. Sie erschaffen sich deshalb aus Not und Orientierungslosigkeit Ersatzparadiese: Schlaraffenländer, in denen man alles umsonst bekommt wie im Kurdistan der Vorzeit. Im Garten Eden aber arbeitete der Mensch. Er lebte auch nicht von getöteten Tieren. Er bebaute und bewahrte, und vielleicht war ja gerade das das Paradies, dass man sinnvoll arbeiten konnte, weil man in der Arbeit die Schöpfung bewahrte, indem man ihre Mitte, ihre Voraussetzungen achtete.
Oder man errichtet Kinderparadiese wie bei Ikea, obwohl dort kein Kind lange bleiben will. Die Kinder spüren, dass sie um eines Kaufinteresses willen manipuliert werden sollen.
Und die Urlaubsparadiese? Meistens sehen die Menschen nach einem Aufenthalt dort gar nicht so aus als seien sie im Paradies gewesen. Sie erscheinen eher gestresst oder gefoppt.
Die Steuerparadiese aber sind so wie so nur Tummelplätze für Raff und Gier, Geiz und Co.
Und selbst ein nur jenseitiger Himmel, das sog. Himmelreich, ist wohl nur ein Ersatzparadies für das, was auch hier, diesseitig, schon erfahrbar sein müsste.
Solange die Menschen ausgreifen zur Mitte, solange sie sich das Unverfügbare verfügbar machen wollen, anstatt sich von der Mitte ergreifen zu lassen und sich der Mitte selbst zur Verfügung zu stellen, solange verpassen sie das Paradies.
Dabei können wir allerdings letztlich die Mitte gar nicht erreichen. Es ist nur der Versuch, der bereits schadet, und es ist eine ungedeckte Einbildung, die die Menschen auf den falschen Weg treibt. Wir können die Mitte gar nicht wirklich erreichen, denn ein Cherub steht vor dem Tor- sagt der Mythos
Man könnte allerdings auch sagen, dass dann, wenn die Mitte respektiert ist, das Paradies schon begonnen hätte, sich zu verwirklichen. Das Paradies beginnt dann in uns, wenn die Seele bereit ist, respektvoll zu sein. Das ist freilich leichter gesagt als getan.
AMEN
Samstag, 11. April 2009
Ein neuer spiritueller Weg ... auf dem österlichen Weg nach Emmaus
Die Auferstehung ... in Emmaus Lukas 24
Eine andere Art eines "Osterspazierganges"
Liebe Gemeinde,
als vor einigen Jahren Papst Johannes Paul II. gewissermaßen in aller Öffentlichkeit starb, fand ich es verwunderlich, wie ungebrochen man von seinem Weiterleben nach dem Tode sprach. Es schien mir, als würde im Geschick des Papstes das ganze Drama von Leid, Tod, Auferweckung und Neuem Leben ansichtig gemacht. Es wurden immer nur wenige Worte gesprochen, aber sie saßen wie Hammerschläge. Die offizielle Todesnachricht lautete: „Heute Abend um 21.37 Uhr ist der Heilige Vater heimgekehrt ins Haus seines Vaters.“
Das erinnert fast an die Geschichte vom Verlorenen Sohn, der aus der Fremde und dem Elend heimkehrt zu seinem Vater.
In der Trauer-Predigt sagte Kardinal Ratzinger dann sinngemäß: „Vor 2 Wochen segnete der Hl. Vater ein letztes Mal urbi et orbi aus dem Fenster seines Palastes. Jetzt steht er am Fenster des himmlischen Palastes, im Hause seines himmlischen Vaters. Er sieht auf uns herab und segnet uns.“
Die Menschen, die das hörten, jubelten und klatschten. Dennoch ist das so gezeichnete Bild nicht ganz ungefährlich. Es sieht ja fast so aus, als stände Gott selber am Fenster und segnete.
Warum aber berührt und bewegt dieses Bild so viele Menschen?
Offensichtlich ist mit dem Tode dieses Papstes eine Epoche zu Ende gegangen. Jemand ist unwiederbringlich weggegangen. Die Zurückgebliebenen sind traurig und fragen sich, wie Nähe jetzt zu erfahren sein kann. Ist noch irgendetwas an Nähe überhaupt spürbar?
Der katholischen Kirche gelingt es, auch noch das Jenseitigste und das Heiligste zu symbolisieren und zu „materialisieren“. Es wird greifbar und fassbar und fühlbar. Das Jenseitige, Transzendente wird in die Welt geholt. Man kann es spüren und selbst Wind, Sonne und Schatten spielen in der Regie der päpstlichen Trauerfeier wie ein jenseitiges Eingreifen mit.
Die Gefahr besteht in solchen Fällen immer, dass man Irdisches vergötzt. Aber es liegt auch eine Chance in solcher Ungebrochenheit und Direktheit. Wir können spüren, was wir alle spüren wollen. Die Verbindung, der Kontakt zu GOTT, als der Kraftquell des Lebens, ist erfahrbar. Deshalb folgen Hunderttausende einem Papst. Hoffentlich werden sie nicht irre geleitet. Hoffentlich bleiben sie auf dem rechten Weg.
Die Frage, wie uns das Ferne und Jenseitige nahe kommen kann, wie wir es spüren können, wie es zur Kraft in unserem Leben wird, begegnet uns auch in dem österlichen Text der Geschichte aus Emmaus. Als diese Geschichte ins Lukasevangelium geschrieben wurde, war Jesus sicher schon 60 Jahre tot. Es war also die 2. u.3. Generation nach ihm, die sich fragte, wie man ihm jetzt nahe sein könnte. Die Menschen, die Jesus noch leiblich gekannt hatten, waren längst selbst tot. Jetzt aber fasste man die Lehre aus dem einstigen Geschehen in einer Geschichte zusammen. Es geht in ihr nicht darum, bloße Fakten zu berichten. Vielmehr wird eine Erlebensmöglichkeit aufgezeigt. So könnte es jetzt, heute, hier sein!
Wir sehen zwei Jünger wandernd auf einem Weg. Es sind zwei Menschen, zwei – keine Massen, aber auch kein Einzelgänger. Christentum vermittelt sich nur in der Gemeinschaft, im Gespräch miteinander. Das ist eine erste Beobachtung.
Dann ist diese Gemeinschaft auf dem Weg. Leben ist Gehen. Der gezeichnete Weg führt nicht nur von A nach B. Es ist der Lebensweg, wie wir alle ihn gehen. Was auf dem Weg geschieht, geschieht in den Grenzen von Raum und Zeit. Alles auf dem Lebensweg ist begrenzt durch den Tod und durch das Leid, das auf den Tod zuführt.
Mit solchen Gedanken werden die beiden Männer in Gesprächen beschäftigt sein. Und sie sind traurig. Sie reiben sich an der Grenze.
Nun aber tritt ein Unbekannter zu ihnen als wenn eine andere Dimension an sie heranträte. Der Unbekannte erklärt, dass dieses Leiden und der Tod Sinn machen. Es ist gar keine Grenze, vielmehr so etwas wie ein Durchgang. In sich scheint es sinnlos, aber es dient dem größeren Sinn des Lebens. Ins Leben will es verwandeln, dorthinein will es führen.
Jesus musste leiden. GOTT aber hat ihn auferweckt – heißt es im Text.
Ein Unbekannter oder ein Unerkannter zeigt unserem Leben, dem begrenzten, also erst einen wirklichen Sinn. Was wir hier konkret leben und erleben, erscheint plötzlich in einer neuen Dimension. Aber das merken wir nur, wenn wir tatsächlich auf dem Weg sind, wenn wir gehen, wenn wir lebendig unseren Lebensweg gehen. Man kann es nicht theoretisch erfassen. Man muss es erfahren, besser ergehen.
Was wir erfahren, ahnen wir mehr, als dass wir es wissen. Wir ahnen, dass unser Leben einmal vollendet sein soll. Wir ahnen, dass alles, was hier auf der Erde nur Sehnsucht war, nur Teil oder Fragment, einmal ganz sein soll. So geschieht es zunächst einmal, aber im Nachhinein – als sie schon wissen, dass es so ist – sagen die Männer: Brannte nicht unser Herz auf dem Weg? Haben wir es nicht geahnt, besser: intuitiv gewusst?
Das ist die Glut im Herzen! Ein Unbekannter, ein anderer Mensch und vielleicht manchmal auch ein Unbekanntes, ein Neues, ein Zentralerlebnis kann uns diese Glut erschließen. Wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind, da ist Jesus unter ihnen. Dann wird die Glut zum Feuer und die neue Sicht- u. Lebensweise tut sich auf. Zum Alltäglichen tritt die zugehörige spirituelle Dimension.
Nun gibt es aber nicht nur das Unterwegssein im Leben mit spiritueller Qualität. Am Wegesrand stehen auch Einkehrhäuser. Neben dem Alltag des Lebensweges - wie wir ihn alle Tage leben – gibt es auch das Haus des Sonntags. Besonders wenn es Abend wird, wenn es dunkel auf dem Lebensweg ist, können und wollen wir einkehren.
Auch die beiden Jünger tun das, und sie laden den Unerkannten ein, bei ihnen zu bleiben. Dann geschieht noch einmal genau das gleiche wie auf dem Weg. Wieder soll Bekanntes und Gewöhnliches einen anderen, tieferen Sinn bekommen. Man isst zu Abend. Das ist das Gewöhnliche und Bekannte. Als der Fremde nun aber das Brot bricht und es teilt, begreifen sie: hier ist mehr als nur ein Abendessen. Hier ist zugleich Gemeinschaft in dichtester Form, hier ist Einheit und Verbindung. Himmel und Erde verbinden sich. Alle und alles wird eins. Das Brot verweist.
Das ist der Herr – sagen sie.
Dazu also ist das Haus am Wege da. Man kann in ihm rituell und symbolisch, verdichtet feiern und erfahren, was einem auch im Leben begegnet. Alles bekommt einen anderen, einen tieferen Sinn. Der Ritus, das Symbol verweisen auf eine ganze Wirklichkeit.
Das Eigentliche und Entscheidende aber kommt erst jetzt. Nachdem der Fremde es ihnen auf dem Weg erklärt hat und nachdem sie es gemeinsam am Tisch erlebt haben, nachdem ihnen die Lehre erschlossen worden ist und die rituelle Feier des Erlebten vollzogen ist, ist der unerkannte Herr verschwunden. Vielleicht würden sie ihn ja gerade jetzt gerne festhalten. Sie würden ihn gerne verehren, immer noch mehr hören wollen und seine Worte und Handlungen tiefen. Aber als Gegenüber oder als ein Objekt ist der Herr nicht mehr nötig. Er ist vielmehr Subjekt in den Jüngern selbst geworden, ganz wie in Maria Magdalena am 1. Ostermorgen. Der Herr ist jetzt in ihnen, in ihrem Denken und Verstehen, in ihrem ganzen Erleben. Er ist einer von ihnen und sie sind ER.
Jesus festhalten zu wollen, ist gefährlich. Es macht abhängig, wie ein kleines Kind abhängig ist. Wer an etwas oder an jemandem klebt, wird nicht erwachsen.
Die Buddhisten sagen: „Triffst du Buddha unterwegs – d.h. triffst du den Lehrer, den Guru – dann töte ihn“. Damit vermeiden sie, abhängig zu bleiben. Sie tragen die Buddhaschaft wie jeder Mensch selber in sich.
Auch in unserer Geschichte verschwindet am Ende der Lehrer und Meister. Jetzt gilt es, selber ein Stück auf dem Weg voranzukommen. Die Männer wissen, dass Jesus lebt. Er ist auferstanden, wie sie das in ihrem Leben, in ihrer eigenen Auferstehung des neuen Verstehens der alten Tradition über Leid, Tod und Leben selbst erfahren haben. Sie können zu den anderen als Zeugen des Auferstandenen und der Auferstehung zurückkehren.
Auch wir sind Emmaus-Jünger. Auch wir suchen die Nähe zu Gott und zu Jesus. Zunächst suchen wir sie in der Begegnung mit dem, was uns von außen entgegenkommt. Das ganze Leben ist unser Material. Wir müssen es durchleben, bis es uns umgestaltet und zu veränderten Menschen macht. Jesus geht als Unerkannter an unserer Seite ein gehörig Stück mit.
Ebenfalls feiern wir das Mahl mit rein äußerlichem Brot und Wein, bis es in uns selbst zu neuem Brot und Wein wird. Bis wir selbst Nahrung und Freude, Nahrung und Feuer geworden sind.
Was nur äußerlich bleibt, gefährdet uns, weil es uns klein und abhängig macht. Wir werden uns schließlich selbst fremd und kommen nicht zu unseren erwachsenen Möglichkeiten. Es ist gefährlich ein Leben lang hinter heiligen Vätern wie hinter einem Guru herzulaufen. Wir sollen selbst väterlich und mütterlich werden. Wir haben nicht die Buddhaschaft, aber Christus in uns.
Die Emmaus-Geschichte zeigt uns ein spirituelles Programm: die Schriften und d.h. auch das alltägliche Leben verstehen und ihm den Sinn geben, das Mahl feiern als Verweis auf die ganze Wirklichkeit, selber Christus werden. Das sind die drei Schritte auf dem spirituellen Weg nach Emmaus
.
Das ist zugleich die elementarste Osterbotschaft: Christus ist auferstanden. Wir laufen hinter ihm her, weil wir selbst auferstanden leben. Christus ist nicht nur unter uns. Er ist in uns.
AMEN
Eine andere Art eines "Osterspazierganges"
Liebe Gemeinde,
als vor einigen Jahren Papst Johannes Paul II. gewissermaßen in aller Öffentlichkeit starb, fand ich es verwunderlich, wie ungebrochen man von seinem Weiterleben nach dem Tode sprach. Es schien mir, als würde im Geschick des Papstes das ganze Drama von Leid, Tod, Auferweckung und Neuem Leben ansichtig gemacht. Es wurden immer nur wenige Worte gesprochen, aber sie saßen wie Hammerschläge. Die offizielle Todesnachricht lautete: „Heute Abend um 21.37 Uhr ist der Heilige Vater heimgekehrt ins Haus seines Vaters.“
Das erinnert fast an die Geschichte vom Verlorenen Sohn, der aus der Fremde und dem Elend heimkehrt zu seinem Vater.
In der Trauer-Predigt sagte Kardinal Ratzinger dann sinngemäß: „Vor 2 Wochen segnete der Hl. Vater ein letztes Mal urbi et orbi aus dem Fenster seines Palastes. Jetzt steht er am Fenster des himmlischen Palastes, im Hause seines himmlischen Vaters. Er sieht auf uns herab und segnet uns.“
Die Menschen, die das hörten, jubelten und klatschten. Dennoch ist das so gezeichnete Bild nicht ganz ungefährlich. Es sieht ja fast so aus, als stände Gott selber am Fenster und segnete.
Warum aber berührt und bewegt dieses Bild so viele Menschen?
Offensichtlich ist mit dem Tode dieses Papstes eine Epoche zu Ende gegangen. Jemand ist unwiederbringlich weggegangen. Die Zurückgebliebenen sind traurig und fragen sich, wie Nähe jetzt zu erfahren sein kann. Ist noch irgendetwas an Nähe überhaupt spürbar?
Der katholischen Kirche gelingt es, auch noch das Jenseitigste und das Heiligste zu symbolisieren und zu „materialisieren“. Es wird greifbar und fassbar und fühlbar. Das Jenseitige, Transzendente wird in die Welt geholt. Man kann es spüren und selbst Wind, Sonne und Schatten spielen in der Regie der päpstlichen Trauerfeier wie ein jenseitiges Eingreifen mit.
Die Gefahr besteht in solchen Fällen immer, dass man Irdisches vergötzt. Aber es liegt auch eine Chance in solcher Ungebrochenheit und Direktheit. Wir können spüren, was wir alle spüren wollen. Die Verbindung, der Kontakt zu GOTT, als der Kraftquell des Lebens, ist erfahrbar. Deshalb folgen Hunderttausende einem Papst. Hoffentlich werden sie nicht irre geleitet. Hoffentlich bleiben sie auf dem rechten Weg.
Die Frage, wie uns das Ferne und Jenseitige nahe kommen kann, wie wir es spüren können, wie es zur Kraft in unserem Leben wird, begegnet uns auch in dem österlichen Text der Geschichte aus Emmaus. Als diese Geschichte ins Lukasevangelium geschrieben wurde, war Jesus sicher schon 60 Jahre tot. Es war also die 2. u.3. Generation nach ihm, die sich fragte, wie man ihm jetzt nahe sein könnte. Die Menschen, die Jesus noch leiblich gekannt hatten, waren längst selbst tot. Jetzt aber fasste man die Lehre aus dem einstigen Geschehen in einer Geschichte zusammen. Es geht in ihr nicht darum, bloße Fakten zu berichten. Vielmehr wird eine Erlebensmöglichkeit aufgezeigt. So könnte es jetzt, heute, hier sein!
Wir sehen zwei Jünger wandernd auf einem Weg. Es sind zwei Menschen, zwei – keine Massen, aber auch kein Einzelgänger. Christentum vermittelt sich nur in der Gemeinschaft, im Gespräch miteinander. Das ist eine erste Beobachtung.
Dann ist diese Gemeinschaft auf dem Weg. Leben ist Gehen. Der gezeichnete Weg führt nicht nur von A nach B. Es ist der Lebensweg, wie wir alle ihn gehen. Was auf dem Weg geschieht, geschieht in den Grenzen von Raum und Zeit. Alles auf dem Lebensweg ist begrenzt durch den Tod und durch das Leid, das auf den Tod zuführt.
Mit solchen Gedanken werden die beiden Männer in Gesprächen beschäftigt sein. Und sie sind traurig. Sie reiben sich an der Grenze.
Nun aber tritt ein Unbekannter zu ihnen als wenn eine andere Dimension an sie heranträte. Der Unbekannte erklärt, dass dieses Leiden und der Tod Sinn machen. Es ist gar keine Grenze, vielmehr so etwas wie ein Durchgang. In sich scheint es sinnlos, aber es dient dem größeren Sinn des Lebens. Ins Leben will es verwandeln, dorthinein will es führen.
Jesus musste leiden. GOTT aber hat ihn auferweckt – heißt es im Text.
Ein Unbekannter oder ein Unerkannter zeigt unserem Leben, dem begrenzten, also erst einen wirklichen Sinn. Was wir hier konkret leben und erleben, erscheint plötzlich in einer neuen Dimension. Aber das merken wir nur, wenn wir tatsächlich auf dem Weg sind, wenn wir gehen, wenn wir lebendig unseren Lebensweg gehen. Man kann es nicht theoretisch erfassen. Man muss es erfahren, besser ergehen.
Was wir erfahren, ahnen wir mehr, als dass wir es wissen. Wir ahnen, dass unser Leben einmal vollendet sein soll. Wir ahnen, dass alles, was hier auf der Erde nur Sehnsucht war, nur Teil oder Fragment, einmal ganz sein soll. So geschieht es zunächst einmal, aber im Nachhinein – als sie schon wissen, dass es so ist – sagen die Männer: Brannte nicht unser Herz auf dem Weg? Haben wir es nicht geahnt, besser: intuitiv gewusst?
Das ist die Glut im Herzen! Ein Unbekannter, ein anderer Mensch und vielleicht manchmal auch ein Unbekanntes, ein Neues, ein Zentralerlebnis kann uns diese Glut erschließen. Wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind, da ist Jesus unter ihnen. Dann wird die Glut zum Feuer und die neue Sicht- u. Lebensweise tut sich auf. Zum Alltäglichen tritt die zugehörige spirituelle Dimension.
Nun gibt es aber nicht nur das Unterwegssein im Leben mit spiritueller Qualität. Am Wegesrand stehen auch Einkehrhäuser. Neben dem Alltag des Lebensweges - wie wir ihn alle Tage leben – gibt es auch das Haus des Sonntags. Besonders wenn es Abend wird, wenn es dunkel auf dem Lebensweg ist, können und wollen wir einkehren.
Auch die beiden Jünger tun das, und sie laden den Unerkannten ein, bei ihnen zu bleiben. Dann geschieht noch einmal genau das gleiche wie auf dem Weg. Wieder soll Bekanntes und Gewöhnliches einen anderen, tieferen Sinn bekommen. Man isst zu Abend. Das ist das Gewöhnliche und Bekannte. Als der Fremde nun aber das Brot bricht und es teilt, begreifen sie: hier ist mehr als nur ein Abendessen. Hier ist zugleich Gemeinschaft in dichtester Form, hier ist Einheit und Verbindung. Himmel und Erde verbinden sich. Alle und alles wird eins. Das Brot verweist.
Das ist der Herr – sagen sie.
Dazu also ist das Haus am Wege da. Man kann in ihm rituell und symbolisch, verdichtet feiern und erfahren, was einem auch im Leben begegnet. Alles bekommt einen anderen, einen tieferen Sinn. Der Ritus, das Symbol verweisen auf eine ganze Wirklichkeit.
Das Eigentliche und Entscheidende aber kommt erst jetzt. Nachdem der Fremde es ihnen auf dem Weg erklärt hat und nachdem sie es gemeinsam am Tisch erlebt haben, nachdem ihnen die Lehre erschlossen worden ist und die rituelle Feier des Erlebten vollzogen ist, ist der unerkannte Herr verschwunden. Vielleicht würden sie ihn ja gerade jetzt gerne festhalten. Sie würden ihn gerne verehren, immer noch mehr hören wollen und seine Worte und Handlungen tiefen. Aber als Gegenüber oder als ein Objekt ist der Herr nicht mehr nötig. Er ist vielmehr Subjekt in den Jüngern selbst geworden, ganz wie in Maria Magdalena am 1. Ostermorgen. Der Herr ist jetzt in ihnen, in ihrem Denken und Verstehen, in ihrem ganzen Erleben. Er ist einer von ihnen und sie sind ER.
Jesus festhalten zu wollen, ist gefährlich. Es macht abhängig, wie ein kleines Kind abhängig ist. Wer an etwas oder an jemandem klebt, wird nicht erwachsen.
Die Buddhisten sagen: „Triffst du Buddha unterwegs – d.h. triffst du den Lehrer, den Guru – dann töte ihn“. Damit vermeiden sie, abhängig zu bleiben. Sie tragen die Buddhaschaft wie jeder Mensch selber in sich.
Auch in unserer Geschichte verschwindet am Ende der Lehrer und Meister. Jetzt gilt es, selber ein Stück auf dem Weg voranzukommen. Die Männer wissen, dass Jesus lebt. Er ist auferstanden, wie sie das in ihrem Leben, in ihrer eigenen Auferstehung des neuen Verstehens der alten Tradition über Leid, Tod und Leben selbst erfahren haben. Sie können zu den anderen als Zeugen des Auferstandenen und der Auferstehung zurückkehren.
Auch wir sind Emmaus-Jünger. Auch wir suchen die Nähe zu Gott und zu Jesus. Zunächst suchen wir sie in der Begegnung mit dem, was uns von außen entgegenkommt. Das ganze Leben ist unser Material. Wir müssen es durchleben, bis es uns umgestaltet und zu veränderten Menschen macht. Jesus geht als Unerkannter an unserer Seite ein gehörig Stück mit.
Ebenfalls feiern wir das Mahl mit rein äußerlichem Brot und Wein, bis es in uns selbst zu neuem Brot und Wein wird. Bis wir selbst Nahrung und Freude, Nahrung und Feuer geworden sind.
Was nur äußerlich bleibt, gefährdet uns, weil es uns klein und abhängig macht. Wir werden uns schließlich selbst fremd und kommen nicht zu unseren erwachsenen Möglichkeiten. Es ist gefährlich ein Leben lang hinter heiligen Vätern wie hinter einem Guru herzulaufen. Wir sollen selbst väterlich und mütterlich werden. Wir haben nicht die Buddhaschaft, aber Christus in uns.
Die Emmaus-Geschichte zeigt uns ein spirituelles Programm: die Schriften und d.h. auch das alltägliche Leben verstehen und ihm den Sinn geben, das Mahl feiern als Verweis auf die ganze Wirklichkeit, selber Christus werden. Das sind die drei Schritte auf dem spirituellen Weg nach Emmaus
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Das ist zugleich die elementarste Osterbotschaft: Christus ist auferstanden. Wir laufen hinter ihm her, weil wir selbst auferstanden leben. Christus ist nicht nur unter uns. Er ist in uns.
AMEN
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