Mittwoch, 18. März 2009

JESUS UND DIE KINDER

Die Kinder als Wegweiser zum Himmel Markus 10,15 u. Lukas 7,32

Liebe Gemeinde,

einmal habe ich in unserer Kirche, der Lutherkirche am Stadtpark in Bochum, ein kleines Mädchen – Jana – getauft. Sie war schon 15 Monate alt, konnte also bereits laufen, und sie wollte es auch. Sie wollte sich bewegen und lief in der Kirche hin und her.
Dabei entdeckte sie unseren gläsernen Altar in der Mitte und drückte sich ihr Näschen an den Scheiben platt – wie Kinder es gerne tun. Schließlich hat sie ausgerechnet an der Scheibe, auf der sich die Aufschrift „ hier ist ein Kind mit 5 Broten und 2 Fischen“ befindet, festgestellt, dass es Spalten zwischen den einzelnen Scheiben gibt und dass man hindurchgucken und sogar hindurchgreifen kann, dass man auf das Innenleben des Altars zupacken könnte, wenn die Ärmchen nur nicht noch zu kurz wären.

Jedes Kind ist neugierig und unternehmenslustig. Es ist geradezu begierig nach Entdeckungen. Es will Erfahrungen machen, Begreifen und erleben.

Wer unser Büchlein über die Lutherkirche gelesen hat, der weiß, dass ich die innerste Mitte unserer Kirche, - die Säule aus dem großen Leuchter und dem Altar - als Abbild von Himmel und Erde – also als Abbild des „Ganzen“ interpretiere und damit auch als Hinweis und Verweis auf Gott verstehe, der uns nährt an Leib und Seele. Und weil nun alles Sein und alles Geschehen auch ein Gleichnis ist, sagt mir das kleine und neugierige Mädchen Jana, woran wir uns annähern sollen, was wir ergreifen und berühren sollen. Noch niemand ist der Mitte unserer Kirche seit wir sie eingerichtet haben wohl so nahe gekommen, wie dieses kleine Mädchen.

Als ich die Bibelverse für den Altar aussuchte, habe ich besonders auf diesen einen, oft überlesenen Vers von dem Kind mit „den 5 Broten und 2 Fischen“ aus der Speisungsgeschichte der 5000 Wert gelegt. Das Kind ist die Quelle dieser Speisung. Mit dem Beitrag und der Gabe eines Kindes fängt alles überhaupt erst an.

Damit sind wir beim Thema: Jesus und die Kinder. Weil dieses nun eine Glutpredigt ist, stellt sich die Frage, welche Glut in den Kindern liegt. Was bringen uns die Kinder? Welche Hinweise geben sie für unser Erwachsenenleben?

Bevor wir nun zu „Jesus und die Kinder“ kommen, noch eine andere Geschichte. Vor kurzer Zeit ist ein Buch von Jirina Prekop – einer Kinder- und Jugendtherapeutin – und Gerald Hüther – einem Hirnforscher in Göttingen – erschienen. Es heißt: Auf Schatzsuche bei unseren Kindern. Die Grundthese des Buches ist folgende: Jeder Mensch ist schon von den ersten Wochen im Mutterleibe an so angelegt, dass er über sich hinauswachsen und über sich hinaussehen will. Er ist auf Beziehung angelegt und deshalb mit einer Fülle von Gaben ausgestattet, die das ermöglichen.
Das Kind will vertrauen und sich mit der Mutter auch schon ohne Worte verstehen z.B. Deshalb spiegeln beide. Jeder gibt wieder, was er beim anderen sieht. Jeder von uns kennt das: ein lachendes Kind lacht man unwillkürlich ebenfalls an.
Weiterhin: Das Kind will die Welt ohne Vorurteile entdecken. Auch Spinnen sind also schön.
Es will Dankbarkeit zeigen.
Es fragt energisch nach dem richtigen Weg – und das immer wieder, bis es zufriedengestellt ist und Grenzen der Beantwortbarkeit erfahren hat. Die berühmten Warum-Fragen.
Das Kind will ehrlich sein. „Sag Oma am Telefon, ich bin nicht da“, geht dann nur um den Preis einer Grunderschütterung.

Da steckt also ein großer Schatz in den Kindern. Es ist sehr viel Gold oder auch Glut in ihnen.
Nur – ganz anders als bei den Alchimisten im Mittelalter, die versuchten, aus Blei Gold zu machen und damit letztlich das Wesen des Menschen veredeln wollten – versuchen die Menschen heute aus dem Gold in den Kindern Blei zu machen. Und in der Regel kriegen sie das auch gut hin. Die jüngsten Amokfälle in Deutschland zeigen das drastisch und grauenvoll.
Eine solche Verwandlung von Seelengold in Blei fabrizieren die Eltern oder Lehrer oder wer auch immer nicht bösartig, sondern eher tragischerweise, weil aus ihnen selber so bleihaltige Menschen gemacht worden sind. Es gibt da geradezu bleihaltige Zusammenhänge über Generationen.

Das alles untersucht und beschreibt das Buch. Wie aus Gold Blei wird. Aber auch, wie man unter dem Blei das Gold noch ahnen, suchen und finden kann. Das Buch ist so etwas wie ein modernes Kinderevangelium, das wir ja bei jeder Taufe hören.

Es kommt mir nun vor, als hätte Jesus das alles ebenfalls schon über die Kinder gewusst, und als hätte er auch in diesem Wissen gehandelt. Nämlich: den Schatz im Menschen suchen und dort im Menschen die Glut finden. Dann diese Schätze zum Wachsen und zum Blühen zu bringen – das wollte er und das hat er getan.
Wir sollten nicht missverstehen: Jesus idealisiert das Kind oder das Kindsein nicht. Kindsein per se ist noch nicht viel. Gerade auch im Kind kann schon soviel Blei vorhanden sein, dass es auch in frühester Zeit schon verlernt hat, zu tanzen. Einmal sagt Jesus deshalb zu grauen Menschen: „Ihr seid wie die Kinder, denen man aufspielte, aber sie wollten nicht tanzen.“ Da ist schon alles schwer – wie Blei eben – geworden. Wenn man dem aber auf den Grund geht, dann ist es bei den Kindern so eben nicht normal.

Einmal wollten Mütter mit ihren Kindern zu Jesus. Die bleischweren Jünger aber wollten vorsorglich trennen. Hier Kinder und da Erwachsene, als hätten beide nichts miteinander zu tun, als könnten sie nichts miteinander anfangen. Als Jesus das merkte, wurde er böse. Nicht oft wird gerade das von Jesus gesagt. Aber hier – wohl weil es um das Elementarste geht – nun doch. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so kommt ihr nicht ins Reich Gottes“ – sagt er. Das heißt doch, dass die Kinder schon im Reich Gottes sind. Sie sind geradezu das Reich Gottes, weil sie das Gold wie einen Schatz im Acker in sich haben, wenn man es nur sein und wirken ließe.

Das oben erwähnte Buch ist voller Beispiele dafür. Hier nur eines: Eine Mutter ist mit ihrem kleinen Kind im Kurheim. Es ist offensichtlich ein christliches Haus, denn man isst nicht einfach so drauflos. Der Heimleiter hält – vielleicht doch etwas verschämt – einen Moment Stille und sagt dann: Ich bin dankbar, dass die Sonne heute so schön scheint, und ich freue mich auf unseren Ausflug heute Nachmittag. Amen. Das Kind findet diesen Ritus so interessant, dass es ihn am nächsten Tag selber sprechen will. Der Mutter ist das hochnotpeinlich – und es wird noch peinlicher als das Kind vor allen Leuten sagt: das musst du auch mal machen. Morgen bist du dran! Hier hat das Kind die Mutter beten gelehrt und nicht umgekehrt. Und es hat sie dankbar sein und Freude empfinden und ausdrücken gelehrt.
Wo ist hier der Schatz, das Gold? Und wo ist das Blei ?

Stellen wir uns das vor: wir – 20 oder 30 Haushalte, die wir hier versammelt sind, täten das einmal oder doch manchmal am Tage: innehalten und etwas aussprechen, wofür ich dankbar bin und worauf ich mich freue. Das allein schon würde uns, unsere Gemeinde und - über den Zusammenhang von allem mit allem - unsere Welt verändern. Mehr Gold würde sichtbar. Mehr Glut würde mehr Wärme verbreiten. Weniger Blei würde das Leben schwer und giftig machen.
Unendlich viel Gold ist in uns verborgen, versteckt, klein gemacht worden, belächelt, ausgetrieben, verhindert, verbogen worden. Aber es kann auch neu anfangen zu glänzen.

AMEN

Montag, 9. März 2009

Vom Verlorenen und vom Finden - Lukas 15

Predigt über Lukas 15 - Vom Verlorenen und vom Finden – ein Weg ins Er-
wachsene

Liebe Gemeinde,

Es gibt Texte in der Bibel da genügt ein einziges Wort, um sie zu interpretieren oder doch eine ganze Linie des Verständnisses vorzugeben. So bekannt sind diese Texte. Z.B. das 15. Kapitel des Lukasevangeliums. Da geht es um das Verlorene oder den Verlorenen oder die Verlorenen.

Verloren… wer oder was geht da verloren? Warum geht etwas verloren und wie? Und wie wird es wiedergefunden? Was bedeutet das Berichtete für Gott und die Menschen?

Bei dem Stichwort „Verloren“ denken wir gleich an eine ganze Palette negativer Begriffe. Verloren ist, was moralisch anstössig ist, das Ungezogene, Unartige, wo Hopfen und Malz eben verloren ist – das alles ist wirklich verloren.

Als ich in der kleinen Hosentaschenbibel das Bild zu unserer Geschichte sah, fiel mir schnell auf, dass die Bildseite mit dem einen, verlorenen Schaf und dem suchenden und nachsteigenden Hirten viel lebendiger und interessanter aussah als die andere Seite mit den 99 brav weidenden Schafen in der Herde. Bei ihnen war alles blass und langweilig, selbst die Hirtenhunde hatten sich verkrochen und nichts zu tun. Auf der Seite des sog. verlorenen Schafes aber gab es spitze Felsen und saftig grüne Pflanzen, die aus den Felsspalten herauskrochen, Abgründe und himmelshohe Spitzen. Alles war farbig.

Da ist ein anderer Gedanke schnell nahe: Wie, wenn es gar nicht in 1. Linie um das „arme“ Verlorene ginge, sondern um etwas ganz anderes? Etwas, was erst dahinter sichtbar wird: Erwachsen-werden oder Erwachsen-sein etwa?!

Wie wird man das - erwachsen? Nicht körperlich – das geschieht ja in der Regel von ganz alleine. Psychisch aber und noch interessanter: spirituell. Wie wird man ein geistlich reifer Mensch? Wie bleibt man im Glauben und in der Seele eben kein Kleinkind? Wie wächst man hin zu Gott, indem man erwachsen wird? Wie wird man ein erwachsener Mensch? Vielleicht sind das die wirklichen Fragen der Geschichten vom Verlorenen.

In der vorigen Glutpredigt hörten wir von der Heilung eines Blinden. Die Heilung bestand nicht darin, dass er alles irgendwie sehen kann, sondern dass er lernt, das Heil zu sehen. Das erst ist Heilung: das Heil zu sehen. Wenn man die Geschichten in Lukas 15 unter dem Leitwort „Erwachsen-werden“ betrachtet, gehen auf einmal ganz andere Aspekte auf. Eine neue Lesart erschließt die Geschichten anders. Eine solche neue Lesart wollen wir jetzt auch versuchen.

Von Kindern weiß man, dass sie gerne „Verstecken und Suchen“ spielen. Wenn die Kinder klein sind, denken sie gerne, dass man sie nicht sähe, wenn sie nur selbst nichts mehr sehen können. Zum Verstecken reicht es also, die Hände vor die eigenen Augen zu halten. Dann kann man nach Belieben unsichtbar oder sichtbar werden, gesucht werden oder sich finden lassen.
In einer kleinen jüdischen Geschichte spielen Kinder Verstecken. Ein Kind findet nun ein so verborgenes Versteck, dass es trotz allen Suchens nicht gefunden wird. Nach langer Zeit kommt das Kind aus seinem Versteck und muss enttäuscht feststellen, dass die anderen es gar nicht mehr gesucht haben.
Der Trauvers eines mir bekannten Brautpaares lautete: Ich will dich suchen und mich von dir finden lassen.
Man kann diese Worte oder auch den Vorgang selber auch auf das Verhältnis „Gott – Mensch“ anwenden. Wer versteckt sich da und wer sucht? Versteckt sich etwa Gott und die Menschen suchen – oder auch nicht? Verstecken sich die Menschen und Gott sucht – oder auch nicht?

Unsere Geschichte erzählt, dass sich ein Schaf verlaufen hat, sich versteckt hat und dass der Hirte es sucht. Jeder einzelne, meint das, ein jeder ist unendlich wertvoll. Ein jeder und eine jede ist der Suche wert. Und wenn ein Kind richtig erwachsen werden soll, muss es lange gesucht werden und es ist oftmals zu finden. Es darf weglaufen, ja es muss weglaufen. Die Felsen und Abgründe sind viel interessanter, ereignisreicher und spannender als die langweiligen Weideplätze der Herde. Aber es muss auch gesucht und gefunden werden. Es will auch gefunden werden. Auf keinen Fall will es am Ende sagen: Ihr habt mich ja gar nicht gesucht. War ich es euch nicht wert?
Daran krankt ja unsere Zeit, eben, dass wir die Kinder nicht richtig suchen. Es ist dies allerdings ein recht empfindlicher Weg mit vielen Verstecken und abgründigen Fallen. Das oben erwähnte Trauversprechen zeigt, dass „Suchen und Finden“ auch ein Thema für das Erwachsenenleben bleibt. Und es ist ein großes Thema für das Verhältnis und die Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Es gehört in die Vorbereitung zum Erwachsen-werden. Wer genügend gesucht wurde, der wandelt sich. Das sehen wir deutlich in der 2. Geschichte unseres Textes, in der berühmten Geschichte vom sog. „verlorenen“ Sohn. Eigentlich aber heißt diese Geschichte besser „Vom Suchen und Finden eines Vaters und vom Suchen und Finden seiner beiden Söhne“.

Mit den Augen des älteren Sohnes wollen wir das Geschehen jetzt zuerst einmal betrachten.

Dieser Sohn sagt zu seinem Vater: Nie hast du mich so in den Arm genommen, nie hast du mich so gesucht wie den Hallodri, den Jüngeren, den, der sein Erbe schon vor der Zeit verprasst hat! Nie hast du für mich ein Kalb geschlachtet!
Das sagt zwar der ältere Bruder, psychisch aber ist er der Kleinere und Jüngere geblieben.

Was sagst du da? – erwidert der Vater. Alles, was mir gehört, gehört doch auch dir. Ich muss dir nicht mehr geben. Du hast ja alles. Du nimmst es nur nicht wahr. Wüsstest du es, dann könntest du jetzt auch geben wie ein wirklich älterer, erwachsener Bruder. Eigentlich müsstest du selber schon Vater sein, aber du jammerst wie ein kleines Kind. Du buhlst um meine Gunst. Du willst immer noch für deine Artigkeit und Tüchtigkeit belohnt werden. Deshalb auch bleibst du der Konkurrent deines Bruders. Du würdest ihn gerne überall sehen, selbst wenn es die Hölle wäre, wenn es nur nicht hier, zuhause, ist. Wirst du eigentlich nie satt? Vielleicht habe ich dich nicht genug gesucht als du klein warst. Das mag sein. Aber wenn es so ist, dann lerne wenigstens jetzt: Werde groß. Wachse über dich hinaus! Feier mit uns! Verspann dich nicht! Komm herein! Dein Bruder ist durch den Tod gegangen, so verloren war er. Aber er lebt. Er ist ein anderer geworden. Er ist erwachsen. Das ist zu feiern, nichts sonst.

Damit sind wir bei dem jüngeren Bruder.
Es sieht so aus, als wäre sein Weggehen, sein Verlorengehen, sein Verstecken bitter nötig gewesen. Es ging dabei gar nicht um das „süße Leben“. Das vermutet nur der andere Bruder, weil er projektiert. Er ist neidisch und phantasiert. Ein süßes Leben hätte er sich gewünscht, aber ihm fehlte der Mut dazu.

Hinausgegangen aber ist der andere. Vielleicht hat er sogar den einen oder anderen Erfolg gehabt, vielleicht hat er mit viel Risiko das eine oder andere aufgebaut. Seelisch aber ist er dabei leider auf den Hund, sogar aufs Schwein gekommen. Da „ging er in sich“ – heißt es in der Bibel.
C.G.Jung, der große Psychoanalytiker und jüngere Konkurrent von S.Freud, hat gesagt, dass in der 2. Lebenshälfte alle Lebensprobleme eigentlich religiöser Art sind. Wenn sie alt genug sind, genügen den Menschen die äußeren Erfolge und großen Lebensleistungen nicht mehr. Was soll das Haus, das große Auto, die Edelküche, die Traumreisen, wenn die Seele nicht satt wird?

„Er ging in sich“ und findet Fragen wie „Wo komme ich her? Warum bin ich hier? Wo soll ich hin?“, er sucht Heimat und Wurzeln, und er ist so wagemutig, es noch einmal freiwillig dort zu versuchen, wo er als Kind gezwungenermaßen herkam. In einem viel tieferen Sinn will er dort seinen Quell und sein Leben finden und die Antworten auf die wirklich existentiellen Fragen.

Wem ist der Vater eigentlich ähnlicher, könnte man fragen? Dem jüngeren oder dem älteren Sohn. So bitter es für den älteren klingt, es wird der jüngere sein. Den hat der Vater ja einmal ziehen lassen und den nimmt er verändert zurück, ohne ein Wort des Abstands oder des Vorwurfs oder der Moral. Wenn er ihn in den Arm nimmt, integriert er auch ein Stück von sich selbst. Da wird aus zweien wirklich einer. Auch der Vater hat sich versöhnt, ausgesöhnt mit dem, was er lange und gerne abgespalten und verdrängt hat. Er hat den Sohn gesucht, indem er gewartet hat. Er hat nichts erzwingen wollen. Jetzt zögert er nicht einen Augenblick, ihn anzunehmen, sobald sich auch nur von ferne eine Gelegenheit zeigt. Der jüngere Sohn ist erwachsen. Er soll Erbe sein und nicht nur Erbteil-Verschleuderer. Er hat sich gefunden. Er ist gefunden.
Zugleich ist der Vater so vollständig geworden. Er ist jetzt ein ganzer Vater, dem nichts fremd ist. Nicht sein entlaufener Sohn und nicht sein kleingebliebener, zurückgebliebener älterer Sohn.

Was sagt uns das? Was bedeutet es für unseren Glauben und für unser Leben?:

Gott sucht uns und wir suchen Gott.
Gott versteckt sich und wir verstecken uns.
Gott findet und wir finden.

Und so sieht der Weg aus, den der jüngere Sohn geht, um erwachsen zu werden:

Er geht hinaus in die Fremde und sucht das immer andere.
Er geht in sich und erkennt seine Armut.
Er geht zur Quelle und wird satt.

Und so ist es bei dem anderen:

Er bleibt immer Kind. Er leistet viel und will belohnt werden.
Ein guter Vater im Himmel wie auf Erden soll den Kleinen lieb haben.

Hoffentlich kommt der Moment, dass letzterer erkennen kann, dass es so nicht geht. Alle seine Bemühungen machen nicht reif. Sie machen neidisch, konkurrenzhaft und halten klein. Er will haben und kann nicht geben. Er will Sohn bleiben und verweigert sich, Vater zu werden.

Die Geschichte in der Bibel bleibt – wohl mit Absicht – offen. Aber dieser offene Moment ist vielleicht die letzte Chance, da hinein zu gehen, wo das Leben wirklich spielt. Am Fest teilzuhaben, das der Vater mit seinen Söhnen, mit beiden !, feiern will. Es ist nicht ein Fest, das er für sie veranstaltet. Es ist eines, das sie nur gemeinsam feiern können. Ein jeder ist Teil und trägt seinen Teil zum Ganzen bei.

So werden sie alle drei erst ganz.

AMEN

Donnerstag, 26. Februar 2009

Zum Beginn der Fasten- u. Passionszeit: Sich die AUGEN öffnen lassen

Heilung eines Blinden bei Bethsaida - Markus 8+Markus 10 par., Joh. 9

Liebe Gemeinde,

in jedem der vier Evangelien wird von der Heilung eines Blinden berichtet, z.T. sogar mehrmals.
In einem Fall hat der Blinde einen Namen – Bartimäus – er ist also eine konkrete, vielleicht sogar historische Figur. In anderen Fällen hat der Blinde keinen Namen. Er könnte also ein Typos sein. Eigentlich könnte es jeder sein, auch ich und du.
Im Johannesevangelium ist der Blinde ein Blindgeborener. Das wird mit Nachdruck festgehalten. Es werden Spekulationen daran geknüpft, ob die Blindheit wohl eine vererbte Strafe – schlechtes Karma – ist.
Im Matthäusevangelium werden aus dem einen Blinden zwei Blinde, so als sollten aus ihnen Zeugen werden. Wenn etwas bezeugt werden sollte, mussten es ja mindestens zwei sein, die als Zeugen fungierten.

Um was geht es in all`diesen Geschichten? Geht es um Wunder? Um eine wunderbare Heilung, die einem konkreten Menschen das Augenlicht wieder gibt, die ihn wieder über den wohl wichtigsten Sinn, den Sehsinn, verfügen lässt?

Gewiss, geht es um ein Wunder. Es ist immer ein Wunder, wenn einem Menschen die Augen aufgehen. Wenn er wirklich sieht.

Aber das äußere Wunder ist viel mehr als nur eine einmalige konkrete Tat, von der dann nur ein gewisser Bartimäus profitiert. Dieses eine Wunder ist nur das Symbol für ein viel umfassenderes Wunder. Für eines, das jeden Menschen betrifft.

Jesus tritt als jemand auf, der Menschen die Augen öffnet, damit sie klar und eindeutig sehen können. Wie geschieht das? Und was geschieht da? Was sollen die Blinden denn Besonderes zu sehen bekommen? Vielleicht etwas, was man gar nicht nur mit zwei Augen erkennen kann? Etwas, wovon man zuerst eine Ahnung oder ein Gespür haben müsste? Etwas, wozu sich erst noch ein drittes Auge auf der Stirn, ein Auge des Geistes, auftun müsste?

Hören wir eine dieser Blindenheilungsgeschichten aus dem Markusevangelium:

Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre. Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: Siehst du etwas? Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen als sähe ich Bäume umhergehen. Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurecht gebracht, so dass er alles scharf sehen konnte. Und er schickte ihn heim und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf! (Mk 8,22ff)

Menschen führen einen Blinden zu Jesus. Ein Blinder muss geführt werden. Blinde gehen und denken nicht selbständig. Sie sind zu führen!
Jesus soll ihn berühren. Das also soll ihn sehend machen – und selbständig denkend, gehend und sehend. Die Berührung ist es, die das bewirkt.

Dass Jesus ihn nicht nur anrührt, sonder sogar Speichel dazu nimmt, ist ein weiteres, entscheidendes Detail. Der Blindgeborene im Johannesevangelium soll sich die Augen waschen. Da soll etwas weg- o. ausgespült werden. Im Markusevangelium wäscht Jesus dem Blinden mit Speichel die Augen rein und klar.

Haben Sie schon einmal in blinde Augen gesehen? Oder in Augen, die durch einen bösen Star trübe geworden sind und verschlossen wurden?
Aus solchen Augen spricht nichts mehr. Es kommt nichts heraus und es geht nichts hinein. Ein Blinder ist ganz in sich gefangen.
Solche Augen reinigt Jesus.

Und auch das ist wichtig:
Jesus nimmt den Blinden aus dem Dorf heraus. Und zum Schluss sagt er zu ihm: Geh nicht hinein in das Dorf!
Das ist so, als wenn Jesus den Blinden aus konformen Sichtweisen lösen will. Es ist geradezu so, als wenn die konkrete Sichtweise, die im Dorf herrscht, genau seine Blindheit ausmacht. Im Dorf sind lauter Blinde.
So tut Jesus einem Menschen die Augen auf. Er beginnt langsam zu sehen.
Zuerst sieht er nur verschwommen: Menschen wie Bäume. Er sieht nur undifferenziert, ungenau, alles fließt noch ineinander, es ist wie ein Brei. Er ahnt mehr, als dass er sieht.

Die zweite Berührung aber rückt die Augen vollends zurecht. Der zweite Blick ist klarer. Jetzt ist der ganze Mensch zurecht gebracht und nicht nur seine Augen. Jetzt kann er scharf und deutlich sehen.

Der erste Blick – das war auch schon etwas. Aber es war nur ein Schatten, was da zu sehen war. Die zweite Berührung und der zweite Blick macht alles erst wirklich klar.

Mir scheint, als hätten Markus, der das aufgeschrieben hat, oder Jesus, der das exerciert hat, Platon gekannt. Der hat ja das berühmte Höhlengleichnis erzählt:

Die Menschen leben – allegorisch - in einer Höhle, in der sie gefangen und gefesselt sind. Sie können nur in eine Richtung schauen – und zwar auf die hintere Höhlenwand. Hinter ihrem Rücken brennt ein Feuer oder die Sonne. Alle Gegenstände oder Personen, die hinter ihrem Rücken vorbeigehen oder vorbei getragen werden, werfen ihren Schatten auf die Höhlenwand. Nur den sehen die gefesselten Menschen. Sie sehen nur den Schatten der Realität. Sie sehen nichts im Sonnenlicht, im rechten Licht.

Gelänge es nun einem von diesen elenden Menschen sich zu befreien und ans Tageslicht zu gehen, so würde ihn die Sonne blenden. Das würde ihn schmerzen, er würde zunächst sogar gar nichts mehr sehen, er wäre geblendet, er würde blind sein. Dann würde er vielleicht die Menschen wie Bäume sehen, aber schließlich würde er sie erkennen, wie sie wirklich sind.

Käme er dann aber in die Höhle zurück, um den anderen von der Wahrheit zu erzählen oder ihnen von dem wirklichen Blick und der wirklichen Ansicht zu berichten - auch um sie vielleicht gar selber ans Licht zu führen - würden sie ihn für einen Verführer halten. Ihnen reichen die Schatten an der Wand. Diese halten sie für die wirkliche Welt.

Solch ein Führer oder Verführer zum Licht, ein Sichtbarmacher, ein Sehendmacher ist Jesus. Er ist ein Blindenheiler.


Allerdings: das ist jetzt die entscheidende Frage: Was sollen wir Menschen denn sehen - außerhalb der Höhle, außerhalb des Dorfes? Wie sind denn die Dinge wie sie sind?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir auf die Zusammenhänge unserer Bibelgeschichten achten. Da wird geschildert, was Blindheit ist, aber auch, was man sehen soll.
Markus schildert z.B. die Blindheit der Pharisäer, die wie ein Sauerteig sind, aber die kein Brot zum Sattwerden bieten. Jesus aber hat solches Brot. Er hat 5000 gesättigt und es blieben 12 Körbe übrig – also genug für alle, für alle 12 Stämme Israels.
Dann folgt die Geschichte der Blindenheilung. Und danach kommt das große Bekenntnis des Petrus: Du bist der Christus, der Messias, der Friedensfürst und Heilbringer.
Das sollen also die Blinden sehen. Das sollen sie erkennen: Wo das Heil ist. Wer das Heil ist.

Und wieso ist Jesus das Heil? Zunächst einmal ist das ja nur eine Behauptung. Es ist nur das subjektive Bekenntnis des Petrus.
Bei der Beantwortung dieser Frage hilft uns der Zusammenhang im Matthäusevangelium weiter.
Dort streiten sich zuvor zwei Jünger um die Macht. Wir wollen mit dir herrschen – sagen sie zu Jesus. Wir wollen zu deiner Rechten und zu deiner Linken sitzen. Das sind die beiden Blinden. Sie sind verblendet vom Machtrausch. Ganz so, wie die ganze kapitalistische Welt aufgebaut ist: Macht ist Geld und Geld ist Macht.
Da haben sich Christen zu fragen, was Gerechtigkeit ist. Darf es sein, dass die Erfolge der einen, immer die Misserfolge der anderen sind?! Kann sich eine gerechte Gesellschaft auf Opfer aufbauen?! Gewiss, man kann Opfer bringen, um voranzukommen. Aber man müsste sich selbst opfern. Meistens aber wird es so verstanden, dass man andere zu Opfern macht. Man will „auf ihren Schultern“ vorankommen. Das aber ist Blindheit. Die erzeugte Gewalt wird sich einmal zurückwenden. Sie ist zerstörerisch, auch wenn sie kurzfristige Erfolge zeitigt.

Jesus legt seinen Finger an solche Blindheit. Er heilt dann aber auch die beiden machtgierigen Blinden und macht sie zu sehenden Zeugen. Und wofür?

Es folgt der gewaltlose Einzug in Jerusalem, dann die Reinigung des Tempels von Kapitalinteressen, es folgen viele Gleichnisse und dann kommt Jesu Passion, Jesu Leiden und darin sein Sieg, Ostern.
Als würde Jesus sagen: Das ist der Weg. Seht doch! Schaut doch hin!

Und was ist die Glut in diesen Geschichten von den Blindenheilungen?
Es ist die Sehnsucht, richtig und klar zu sehen. Man muss sich – ebenso wie im platonischen Mythos – von vielen Fesseln und Augenbinden in der Höhle oder im Dorf befreien. Man muss sich befreien lassen, um zu sehen. Schließlich hält man dann sogar das Feuer, die leuchtende Sonne aus, die alles im rechten Licht stehen lässt. Man freut sich an ihr, wie der Adler, der ihr ins Gesicht schaut, sehend – ohne je wieder zu erblinden.

AMEN

Sonntag, 22. Februar 2009

Verwandlungsgeschichte einer Seele - PETRUS

PETRUS - Geschichte einer Seele Lukas 5,1ff, Matthäus 14,22ff, Lukas 22 , 54ff, Joh. 21,15ff

Liebe Gemeinde,

in der vorigen Glutpredigt haben wir uns der Bekehrung des Petrus zugewandt. Bei dem Wort „Bekehrung“ könnte man denken, dass damit so etwas wie eine Kehre zurück, eine Kehre zum Anfang aller Anfänge gemeint sei. Jetzt, in diesem Augenblick beginnt das Neue. Genauso haben wir auch die Bekehrung des Petrus im Zusammenhang mit seinem großen Fischzug verstanden. Petrus wird im selben Augenblick zum Jünger, d.h. zum Schüler und Nachfolger.

Dennoch ist Bekehrung nichts Einmaliges. Gewiss, es kann einmal anfangen, aber dann wird daraus ein Weg. Mit der Bekehrung ist es wie mit einer Spirale: sie führt tiefer und tiefer.

Petrus ist ein stolzer Mann. Ein Fachmann, der sein Handwerk versteht. Er ist auf Erfolg programmiert – jedenfalls nach außen hin.
Als er mit Jesus in Berührung kommt, kommt er zugleich mit seiner Seele, mit seiner tiefsten Tiefe in Berührung.

Das Wort „Seele“ hängt etymologisch mit dem Wort „See“ zusammen. Zum See gehörig.
Genau dahin schickt Jesus ihn nun ja auch: hinaus auf den See, wo er tief ist. Und Petrus fängt dort, in der Tiefe seiner Seele, Fische, von denen der Fachmann, der Fischer, nicht geahnt hat, dass sie überhaupt da sein könnten. Mit einem Schlag erkennt Petrus, dass sein nur äußerlicher Lebensaufbau eine Illusion ist. Er, der genau in dieser Illusion gefangen ist, sieht sich als Sünder.

Alles ist Ahnung.
Petrus ahnt wohl etwas von dem wahren Gott. Er ahnt etwas von den wahren Möglichkeiten des Lebens, aber er wünscht sich trotzdem den wahrhaftigen Jesus fort, weil die Umbruchs-Berührung so weh tut. Jesus aber verspricht ihm Wachstum. Wenn Petrus nur sein Fundament tief genug baut! Wenn er sich nicht in den Sackgassen seiner Illusion verrennt. Er muss vom Nullpunkt ausgehen oder durch das Nadelöhr gehen, wenn er ins Reich Gottes, ins wahre Leben eintreten will.

Wie geht nun die Geschichte dieses Petrus weiter? Eigentlich genauso, wie sie angefangen hat. Seine Bekehrung hat angefangen, vollendet ist sie noch lange nicht. Vollendet wird sie erst in seinem Tode sein.

Ziemlich in der Mitte seines Lebens hat Petrus eine Probe zu bestehen. Es scheint, als sollte er überprüfen, wieweit er wohl schon gekommen ist. Wieweit seine Seele schon gewachsen ist.
Wieder spielt die Erfahrung auf dem „See“, also in der Seele.

Jesus beherrscht dieses See-Instrument. ER kann auf dem Wasser gehen. Petrus kann das auch,- aber nur, solange das Wasser eben und glatt ist. Sobald eine Unruhe, eine Woge, eine Turbulenz auftritt, verliert er Jesus aus dem Blick, verliert er den Boden unter den Füßen. Er geht jämmerlich baden. Er ist noch nicht sehr weit gekommen, heißt das. Da sind nur erst Anfänge seiner Seele zu sehen.

Die entscheidende Probe aber kommt zum Schluss. Da ist Petrus zwar auf dem festen Land, aber er wird noch jämmerlicher baden gehen als es je auf dem See geschah. Seine eigenen Tränen werden zum See. In ihnen geht er unter, sie werden ihn aber auch wieder ins Leben spülen.
Kurz bevor Jesus verhaftet wird, sieht er sehr hellsichtig, was geschehen wird. Jesus erkennt das, weil er die Seele versteht. Er ahnt, er weiß, was sich vollziehen muss, weil der 1. Schritt immer schon in der Seele getan ist. Alle werden sich gegen ihn verschwören,- weiß Jesus. Den Weg, den er jetzt geht, wird er alleine gehen müssen. Keiner geht mit. Der Glaube an ihn, das Vertrauen an Gott, in die Güte des Lebens wird ausgelöscht werden. Die Herde verläuft sich, sie stiebt auseinander. Ich bete darum, sagt Jesus, dass dein Glaube, Petrus, nicht aufhört, wie er aufhörte, als du damals von der Woge verschluckt wurdest.

Ich doch nicht! – antwortet Petrus. Bis ins Gefängnis, ja bis in den Tod gehe ich mit.
Was für eine Illusion das ist! Wenn er leise gesagt hätte: ich weiß nicht so recht – es wäre ehrlicher und besser gewesen.

Jesus kennt Petrus tiefer als dieser sich selbst kennt. Er kennt die Seele. Er weiß, wo die Fische sind und wo nicht.
Ehe der Hahn kräht, wirst du mich drei Mal in Stich gelassen haben, sagt er zu Petrus. Es ist seine bittere Erkenntnis, dass alle an ihm irrewerden.

Das muss so sein. Nicht, weil es ein bestimmender Gott so will, sondern weil das das Gesetz der Seele ist, wenn sie erst einmal irregeleitet ist, wenn sie keinen Glauben mehr hat, wenn sie sich mit dem blanken Ich verwechselt oder identifiziert.

Petrus wird im entscheidenden Moment alles vergessen haben, was Jesus ihm im Vorhinein sagte. Er wird nur noch ein zitterndes Bündel von Angst sein. Aus Angst wird er sich noch mit den Gegnern verbünden. Er wird sie noch übertreffen wollen in der Absage an Jesus: Ich kenne den nicht! Was habe ich mit dem zu tun! Er wird sich verfluchen. Es ist, als wollte er Jesus schon vorweg töten. Er tötet ihn auch – in seiner Seele, und er lässt alles in Stich. Nicht nur Jesus, sondern alles, was er durch ihn und an ihm gelernt hat. Er verrät auch seine eigene Seele, jedenfalls da, wo sie tief ist. Er geht wieder ins seichte Gewässer,- bis der Hahn kräht.

Es ist das Glück des Petrus, dass er den Hahn überhaupt hört bei soviel Gefluche und Gelüge.
Der Hahnenschrei trifft ihn wie ein Blitz. Sein Krähen ist wie ein Dolch, der bis in seine vergessene, irregeleitete Seele stößt und trifft.

Petrus ist wieder am Nullpunkt. Er ist keinen Schritt weitergekommen. Wahrscheinlich ist dies sogar erst sein absoluter Nullpunkt. Tiefer und eisiger geht es nicht mehr.

Aber es ist nicht das Ende. Judas hat sich einen Strick genommen und erhängt. Für ihn war das die verzweifelte Konsequenz eines verirrten Lebens. Petrus aber lässt dieses verirrte Leben von seinen Tränen wegspülen. Gott sei Dank kann er weinen. Das ist der große Unterschied zum Judas. Nachdem Petrus geweint hat, sieht er klarer.

Später – nach Ostern – begegnet Petrus noch einmal dem Auferstandenen. Liebst du mich – fragt ihn Jesus. Petrus antwortet nicht einfach „Ja“, was bescheiden und einfach und klar wäre.
Du weißt es, sagt der alte, starke, zu starke Petrus, aber eigentlich meint das „Nein“. Liebst du mich, fragt Jesus deshalb noch einmal. Ich stelle mir vor, dass die Antwort jetzt schon etwas leiser kommt. Und noch ein drittes Mal fragt Jesus. Drei Mal, wie er drei Mal verleugnet wurde. Und jetzt antwortet gar nicht mehr der Petrus, sondern der Hahn, den er mittlerweile in seine Seele integriert hat, antwortet traurig: Herr, Du weißt, dass ich dich liebe. Vielleicht meint er aber auch „ob ich dich liebe“.

Petrus vermag wenig. Er vermag alles, solange man nur das Äußere sieht. Aber je tiefer man gräbt, um so weniger bleibt. Schließlich kann er sich nur in die Hände Gottes werfen.

Genauso, als hätte er das getan, antwortet ihm Jesus dann auch zu guter Letzt: Bisher hast du dich selbst gegürtet, jetzt gürtet dich ein anderer. Gott – und er führt dich.

Darin vollendet sich das Leben des Petrus – und er kommt Jesus noch ganz nahe. Er stirbt fast wie er. Worauf er sich bei der Verleugnung noch nicht einlassen konnte,- es kommt, und Petrus besteht.

Das klingt alles sehr traurig. Manches klingt vielleicht sogar schaurig. Ist das Leben so grausam? Sieht die Nachfolge Jesu zwangsläufig so aus? Die Geschichte des Petrus soll doch ein Glutfunke für uns sein. Aber soll seine Wahrheit etwa so wie bei ihm in uns zum Feuer werden?
Ich wage auf diese Frage nicht „Ja“, aber auch nicht „Nein“ zu sagen.
Jeder, jede muss sehen!

Jesu Leben bestand nicht nur aus Leiden. Das darf nicht vergessen werden. Er hat Heil gebracht, und zum Heil gehören Freude, Essen, Trinken, Tanzen, Lieben, Gesundsein und Glücklichsein. Aber als er um des Heils willen sterben musste, hat er darum auch keinen Bogen gemacht. Dieses Sterben ist nicht immer gleich ein grausamer Tod, wie ja auch das Heil nicht sofort das ganze Paradies ist. Es gibt auch die vielen kleinen Tode, die man im Alltag stirbt. Wenn wir uns vor denen drücken wollen, kräht der Hahn des Petrus. Hoffentlich hören wir ihn dann auch wie Petrus.
Eines allerdings ist noch wichtiger: nach den Tränen sieht man klarer. Man sieht durch sie hindurch ins Heil. Das ist und bleibt – unter Einschluss der Tränen - Inhalt und Ziel des Lebens: das tiefe, tiefe Heil.

AMEN

Dienstag, 17. Februar 2009

PETRUS - die Bekehrung zum Heil

Die Berufung des Petrus Lukas 5,1-11

Liebe Gemeinde,

in der letzten Predigt über die Geschichte vom 12jährigen Jesus im Tempel haben wir gehört, dass jeder Mensch nicht nur seine natürlichen Wurzeln in Vater und Mutter hat, sondern dass er aus einem noch tieferen Grund – aus Gott – kommt, und dass er vor allem aus diesem Grund leben soll. Anders leben also als es die bloße Herkunft oder die reinen Gene hergeben. Das hat Jesus mit 12 Jahren erfahren, als er beginnt, erwachsen zu werden.

Was ist in der Zwischenzeit mit ihm geschehen?

Jesus hat – wie man annehmen kann – mit seinem Vater als Zimmermann gearbeitet. Er hat Häuser gebaut und dabei ist auch das Haus seines Lebens gewachsen. Im Alter von ca 30 Jahren muss ihm etwas Außergewöhnliches passiert sein. Er war kein junger Mann mehr, sondern nach damaligem Maßstab bereits ein reifer Mann. Er ließ sich von Johannes dem Täufer taufen und erfuhr in dieser Taufe, dass ihm eine besondere Sendung, eine besondere Aufgabe zukommen sollte. Er sollte das Reich Gottes ankündigen und nicht nur ankündigen, sondern mehr noch: er sollte es beginnen, zu leben.

Was ist das, das „Reich Gottes“?

Es gibt viele Definitionen. Die schönste – finde ich – ist folgende: Reich Gottes ist die Anwesenheit, die Realisierung des umfassenden, umfassendsten Heils. Das universale Heil. Die Menschen, ja die Welt, der ganze Kosmos – sie sollen heil, ganz, vollkommen sein. Unheil soll es nicht mehr geben!

Deshalb heilt Jesus. Er ist vor allem ein Heiler. Er macht Kranke gesund, mehr aber noch als den Körper, heilt er ihre Seele. Jesus macht ganz. Diese Kraft, dieses Vermögen besitzt Jesus, weil er aus dem tiefsten Grund – aus Gott – lebt.

Jesus heilt. Er befreit u.a. die Schwiegermutter des Petrus von einem bösen Fieber. Das war der Auftakt zur Bekehrung des Simon – Petrus. Was da geschehen ist – in Petrus und mit Jesus, wie Jesus seinen ersten Jünger und Nachfolger findet – das soll jetzt das Thema sein. Es bringt uns Gewinn für unser eigenes Seelenleben.

Zunächst die Geschichte:

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im anderen Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so dass sie fast sanken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Wie wird Petrus heil? – das ist jetzt die Frage.
Man könnte unsere Geschichte zunächst einmal ganz oberflächlich verstehen. Dann hätte Jesus Wunderbares vollbracht, Kranke geheilt und für wunderbar viele Fische gesorgt. Ein Dummkopf, wer nicht mit fliegenden Fahnen zu ihm überlaufen würde, wenn es bei ihm so beeindruckend her geht. Jesus wäre dann ein Wunder-Guru, der für alle in seiner Nähe vollen Erfolg verspricht. Er wäre einer, der großartige Aussichten ankündigt, wie das auch manchmal Politiker, die politischen Messiasse, tun. Und die Scharen laufen hinter ihnen her. Das Reich Gottes als Schlaraffenland. Hitler – um den schlimmsten zu nennen – war ein solcher Menschenfänger, vor allem in seinen Anfängen. Um so etwas geht es aber bei Jesus nicht.

Wenn man tiefer in den Text hineinschaut, merkt man schnell, dass es nicht um eine Erfolgsstory geht. Jesus will auch keine Anhänger machen, die abhängig werden, Gefolgsleute sind, die ihr eigenes Ich und ihr Vermögen aufgeben, um sich blind an einen anderen zu hängen. Vor Anhängern hütet sich Jesus. Sie belasten eigentlich alles. Wenn sich eine solche Gefahr anbahnt, geht Jesus immer schnell fort. Er zieht sich in die Einsamkeit zurück, weil er weiß, dass solche Anhänger ihn gar nicht verstehen. Sie hängen nur an und beschweren den Weg. Alles, was sie wollen, ist etwas für sich selbst. Alles ist nur Oberfläche auf äußeren Erfolg aufgebaut. Äußeren Erfolg aber nutzt Jesus nie aus. Die sog. Anhänger sehen nie das Tiefengeschehen, um das es wirklich geht.

Bei Petrus ist es anders. Er freut sich gar nicht über den riesigen Fischfang. Er fürchtet sich. Das ist merkwürdig. Petrus sieht sich als „sündigen Menschen“. Das versteht man nicht sofort. Irgendwelche Vergehen, wie sie jeder auf dem Kerbholz hat, sind dabei doch wohl nicht gemeint. Petrus sieht sich ganz, vom Wesen her, als sündigen Menschen. So kann er mit Jesus nicht in Berührung kommen. Geh weg von mir – sagt er. Das ist äußerst unverständlich.

Was ist da passiert? Was knirrscht da in der Seele des Petrus? Was dreht sich da in ihm um?

Nun, Jesus hatte Petrus ja auf den See hinausgeschickt, „da wo er tief ist“. Das Wasser ist tief und unergründlich. Es ist gefährlich. Es kann einen Menschen verschlingen oder wegschwemmen. Im Wasser gibt es keine Balken. Wer nicht schwimmen kann, ersäuft – und welcher Seemann kann schon schwimmen?
Alles am Wasser ist anders als auf dem festen Land. An Land kann man auftreten. Alles ist konkret, planbar, berechenbar. Das Wasser aber ist unberechenbar. Wir verstehen die Gesetze nicht, die dort herrschen.

Nun ist Petrus aber Fischer. Er sollte das Wasser kennen! Aber Jesus – der Zimmermann – kennt es besser, wie sich zeigt. Er schlägt Petrus auf eigenem Terrain. Und doch geht es nicht um einen Wettkampf. Jesus versteht. Er weiß. Petrus versteht gar nichts, auch wenn er es anfänglich gemeint hat. Dass er nichts weiß, begreift er jetzt. Er kapituliert als Fachmann. Ich bin nichts als ein sündiger Mensch – sagt er.

Sünde kommt von Sund. Das ist ein Graben. Ein Graben trennt. In diesem Fall trennt er Gott und den Menschen.
Petrus erkennt also, dass er ein von Gott abgetrennter Mensch ist. Jesus ist nicht so abgetrennt. Er steht in innigstem Kontakt mit dieser unbekannten Welt. Er weiß, er versteht, er beherrscht, und er kann die Gesetze dieser unbekannten Welt anwenden. Durch ihn kommen Fische und nicht nur einige wenige. Nein, durch ihn kommt die Überfülle. Es kommt das allumfassende Heil.

Das begreift Petrus schlagartig. Er erlebt es und er streicht seine Segel als Fischer. Das ist eine erste illusionslose Einsicht. Und es ist die erste heile Einsicht. Von hieraus kann er wachsen.

Es ist uns sicher klar geworden, dass es hier um ein spirituelles Verständnis des Geschehens und des Ortes geht. Tiefenpsychologisch steht das Wasser immer für das Unbewusste. Das feste Land ist dazu im Gegensatz das Bewusste, das Konkrete. Da aber, wo das Wasser – das Unbewusste – am tiefsten ist, da, wo Jesus ja Petrus hingeschickt hatte, da ist noch mehr als nur Unbewusstes. Spirituell gesehen können wir sagen, dass das tiefe Wasser hier für den Bereich Gottes, für das Reich Gottes steht. Die Fische sind dann die Früchte dieses Reiches.
Das ist der Bereich, den Jesus kennt. Es ist sein eigner, tiefster Grund. Genau das will er den Menschen kenntlich machen. Das will er ihnen zeigen und dorthin will er sie führen.

Das Bekenntnis des Petrus lässt ahnen, was mit dem Menschen geschieht, wenn er mit diesem Bereich in Berührung kommt: Petrus sieht sich negiert und zugleich im höchsten Maße aufgefangen. Er wächst.

Das ist das Großartigste an der Geschichte. Jesus stößt Petrus nicht von sich. Er geht auch nicht weg, wie Petrus ihn bittet. Er macht vielmehr Petrus heil. Er erklärt sein Heil: von nun an wirst du Menschen fangen. Wenn du das begriffen und erlebt hast, was du erlebt und begriffen hast, kannst du auch andere Menschen dahin führen. Du kannst sie ebenfalls heilen. Du kannst ihnen das Heil aufgehen lassen.

Jesus will keine Anhänger, sondern er will Menschen, die das Heil leben. Die das Reich Gottes leben, wie er es lebt. Er will keine Anhänger, sondern Nachfolger. Es gibt keinen anderen Eingang ins Reich Gottes als dieses Nadelör, als diesen Tod, den der Petrus „als Fachmann“ sterben muss. Er stirbt ihn, als er sieht und bekennt, wer er ist: ein von Gott getrennter Mensch. Wer das einmal betrauert hat, der ist heil und er kann das Heil weitergeben. Der kann andere Menschen zu ihrem Heil führen. Durch ihre allzu feste Bodenständigkeit hindurch, führt der Weg ins Andere und Neue.

Das können und sollen wir alle auch so erleben und weitergeben. Das ist nichts, was etwa nur religiösen Genies vorbehalten bleibt. Wir müssen allerdings auch wie Petrus da fischen, wo das Wasser am tiefsten ist. Wenn wir immer nur an Land bleiben oder nur vorne im flachen Wasser, im Trüben fischen, kommen wir nicht weit. Dann begnügen wir uns mit dem Bekannten. Dort finden wir nicht wirklich uns, wie wir wirklich sind, und auch nicht Gott.

Versprochen ist uns aber, das ganze Heil zu finden.

Auf die Boote also – und die Netze ausgeworfen, wo das Wasser am tiefsten ist!

AMEN

Sonntag, 8. Februar 2009

Der 12jährige Jesus im Tempel - zur seelischen Entwicklungsgeschichte des Menschen

Die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel Lukas 2, 41–52


Liebe Gemeinde,

es gibt ein Bild von Max Ernst unter dem Titel: Die Jungfrau Maria züchtigt das Kind Jesus vor 3 Zeugen. Auf diesem Bild sieht man eine stattliche Frau in einem roten Gewand gekleidet mit einem schönen ernsten Gesicht. Sie hat ein Kind, ein lockiges Goldköpfchen, übers Knie gespannt und versohlt ihm den nackten Hintern. Er ist sogar schon ein bisschen rot. Der Heiligenschein des Kindes ist zu Boden gerollt, der der Maria aber sitzt korrekt über ihrem Haupt.

Dieses Bild ist natürlich eine Provokation. Es passt nicht zu dem allgemeinen Bild des immer braven und artigen Jesusknaben und der ach so sanften Himmelsmutter Maria. Es stellt uns aber die Frage: Wie steht`s mit dem Gehorsam? War Jesus gehorsam? Und wenn ja, wem? Gab es Konflikte? Und wenn ja, was können wir aus solchen lernen?

Die wohlbekannte Geschichte vom 12jährigen Jesus im Tempel könnte auf diese Fragen antworten.

Jesus ist also 12 Jahre alt. Nach damaliger Einschätzung ist er damit kein Kind mehr. Er ist ein Heranwachsender, ein Pubertierender, ein Teen, ein Halbstarker. In diesem Alter wurde man damals konfirmiert. Bar Mizwa heißt das bei den Juden. Ein Junge wurde in diesem Alter in die Gemeinde aufgenommen. Er durfte zum ersten Mal in der Synagoge vorlesen, d.h. er durfte unter Erwachsenen den Mund aufmachen. Was Jesus in der Geschichte tut, ist also nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist, dass er so klug, so verständig, so interessiert ist.

Wenn man erwachsen wird, geht man eigene Wege. Es soll auch vorkommen, dass manche Jugendlichen von zu hause weg laufen und die Eltern ihre Kinder suchen. Das ist zwar auch heute noch nicht das unbedingt Normale, wenn es aber vorkommt, schweigt man lieber darüber. Dass es aber bei Jesus und in der Familie von Maria und Josef so vorkommt, hätte man nicht so schnell vermutet.

Als Maria dann ihren Sohn schließlich wieder gefunden hat, erhält sie noch eine ziemlich patzige und zunächst völlig unverständliche Antwort. Sie reagiert wahrscheinlich erst einmal verstimmt. Sie denkt darüber nach.

Wenn Kinder flügge werden, verstehen Eltern das normalerweise nicht so leicht und so schnell. Sie brauchen Zeit, bis sie es akzeptieren und annehmen können. Und diese Zeit beginnt für Maria jetzt.

Jesus aber hat tatsächlich einen ziemlich komischen Satz gesagt. Er klingt fast verstiegen. „Ich muss sein in dem, was meines Vaters ist“. Wir halten ja Josef für seinen Vater. Also dann mal los. Ab nach Nazareth!

Jesus scheint aber offensichtlich einen anderen Vater zu meinen. Das versteht Maria noch nicht. Wir wissen, dass Jesus an Gott denkt. Seine Antwort halten wir dann allerdings für sehr fromm, für ungewöhnlich fromm. So kann eigentlich nur ein Jesus denken: als 12jähriger immer nur in der Kirche! Das ist ja nicht normal.

Aber Jesus sagt eigentlich damit wohl etwas ganz anderes. Es geht nicht um seinen Aufenthalt in der Kirche oder im Tempel, sondern um „beim Vater sein“. Als würde Jesus sagen: Normalerweise denkt ihr doch, dass ich zu eurer Familie gehöre. Ihr denkt, dass ich aus Maria und Josef bin. Das ist richtig, aber ich bin noch weit mehr. Ich habe noch einen anderen Wurzelgrund, und dieser ist noch mehr mein wirklich eigener als der bloß familiäre.

Jesus wird hier etwas klar, was jedem Menschen im Verlauf seines Erwachsenwerdens klar werden muss: Ich bin mehr als das Produkt aus meinen Eltern. Ich – oder genauer: meine Seele wurzelt noch in einem ganz anderen Grund. Den muss ich jetzt aufsuchen. Aus dem muss ich jetzt wachsen, nachdem ihr Eltern mich 12 Jahre lang bei euch habt aufwachsen lassen.

Jesus nennt diesen anderen Grund nun ebenfalls „Vater oder Abba“. Das ist das Verwirrende. Dieser Grund ist ja auch Gott. Aber er meint eben nicht den gewaltigen, fernen, unnahbaren Gott der Tradition, sondern einen Gott, aus dem er ist und den er in sich selbst findet, wie er seinen eigenen Vater und seine Mutter auch in sich findet. Ja, diesen Gott findet er noch mehr in sich als diese.

Jesus findet also langsam zu seiner wirklichen Herkunft. Sie wird ihm bewusst. Er findet die Herkunft seiner Seele. Das hat nichts mehr mit seiner Familie zu tun. Das kann sogar zu einem Konflikt mit dieser führen, wie es unsere Geschichte und andere spätere Aussagen Jesu zeigen. Seine biologische Familie ist ihm nicht mehr so wichtig. Jesus wird so auch um einiges freier. Er ist nicht mehr so gebunden. Er wird unabhängiger.

Wie immer, wenn ein Mensch sich psychisch etwas erkämpft hat, kann er dann aus freien Stücken dem Alt-Hergebrachten und Traditionellen jetzt auch wieder ein Stück weit folgen. Deshalb geht Jesus dann auch wieder gehorsam mit seinen Eltern mit. Er lebt weiterhin in Nazareth bis ein ganz anderes Kapitel seines Lebens beginnt.

Diese kleine und unscheinbare Geschichte vom 12jährigen Jesus – die einzige Geschichte aus seiner Jugendzeit! – lässt uns eine tiefen Blick in seine Entwicklung tun. Es ist bei Jesus nicht wesentlich anders als es bei jedem Menschen sein muss, wenn er wirklich erwachsen, unabhängig und frei werden will. Es gibt Menschen, die bleiben ja immer gehorsam ihrer Herkunft verpflichtet. Sie bleiben immer artig in den Bahnen, die ihnen vorgeschrieben waren. Jesu Pubertätsgeschichte zeigt, dass es so nicht sein soll, auch wenn fast alle Eltern es sich so wünschen. Jesus ist gegenüber seinen Eltern schon unartig und ungehorsam. Das muss so sein, wenn er seinem eigentlichen Wurzelgrund wirklich gehorsam werden will. Wenn er seiner eigenen Seele folgen soll.

Für unser eigenes Leben stellt sich die Frage, ob wir nicht im Allgemeinen zu schnell und zu leicht gehorsam sind. Ob wir nicht zu oft und zu sehr kuschen.
Max Ernst wollte mit seinem anfänglich erwähnten Bild wohl provokativ zeigen, dass schon der kleine Jesus nie nur so gehorsam war, dass ihm die Jungfrau Maria nicht auch einmal den Hosenboden stramm ziehen musste – gegen alle gute Pädagogik. Dass Jesus nicht so gehorsam war, hat ihm nicht geschadet. Es hat ihn vielmehr zu dem Gehorsam geführt, der wirklich etwas Wert ist. Er war eine starke Persönlichkeit und dazu ist er geworden, weil er sich seinen wirklichen tragenden Grund erkämpft hat: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist“.

Da müssen wir alle sein – im Hause unseres Vaters. Jesus hat es uns gezeigt, aber den Schritt in dieses Haus gehen… - das muss jeder selbst tun.

Zu guter Letzt: Warum sind diese Sätze nun eine Glutpredigt? Wo steckt hier die Glut-Erkenntnis, die sich zu einem Feuer auswachsen kann? Sie könnte so lauten: Jeder Mensch lebt nicht nur aus der Wurzel seiner biologischen Eltern. Wenn er voll und ganz der Mensch werden will, der er sein soll, muss er auch die andere Wurzel finden: GOTT. Um sie zu finden, muss er von der 1. Wurzel „weglaufen“. Das tun in der Pubertät ja auch fast alle. Aber viele verlaufen sich dann. Sie finden nicht den wirklichen Wurzelgrund, - anders als Jesus. Dann laufen sie wieder zum 1. Grund zurück – und werden mehr oder weniger wie ihre Eltern.

Wer sich aber nicht verläuft, der findet sich im Grund der Welt, in GOTT, wieder. So wird er der Mensch, der er wirklich werden soll.

Sich so zu verlaufen und sich so zu finden, das ist Glut und Feuer.

AMEN

Mittwoch, 4. Februar 2009

Noch einmal: Das goldene Kalb - eine aktualisierte Version

Liebe Gemeinde,

die Bibel stellt uns viele Szenen vor Augen. Eine der eindrucksvollsten ist sicherlich der „Tanz um das goldene Kalb“. Wir stellen uns vor, dass eine wildbewegte, ekstatisch tanzende Volksmenge um ein goldenes Standbild in der Mitte herumwirbelt.

Das goldene Kalb ist eigentlich ein Jungstier- Symbol für Kraft und Fruchtbarkeit.
Man hat den Stier aus Gold gefertigt. Er ist aus dem gemacht, was dieses Volk aus eigenem Besitz an Gold und Schmuck geopfert hat. Das Volk hat etwas von sich weggegeben, um es zugleich wieder in seine Mitte zu stellen, um selbst zu dem zu werden, was es vor sich hin gestellt hat: kraftvoll, mächtig und fruchtbar. So stellt es sich Wachstum vor.

Aber je lauter sie rufen, je ekstatischer sie herumwirbeln, desto weniger erreichen sie, was sie erreichen wollen. Sie werden nicht kraftvoll und fruchtbar. Sie werden eher müde und schlapp. Zu guter letzt wird eine große Depression über sie kommen, aus ihnen selbst hervorbrechen, denn die Lebendigkeit, die sie sich erwünschten, kommt nun einmal nicht aus Totem – auch wenn man es golden anstreicht oder es selbst aus purem Gold herstellt.

II

Zur selben Zeit befindet sich Moses auf dem Berg, in der Nähe Gottes, um Lebensregeln in steinerne Tafeln zu schlagen. Er wird sie später zerstören, als er das vergoldete, betörte Volk sieht. Wir werden nie wirklich wissen, was zuerst in Stein geschlagen war.

Dann schlägt Moses ein 2. Gesetz in den Stein. Es soll das 1. wiederholen. Aber eben: es ist nur eine Wiederholung und nicht das Original. Es ist vermutlich ein Gesetz, das auf solche vergoldeten Menschen, die lieber aus 2. Hand leben, besser gemünzt ist: Du sollst nicht begehren, nicht neiden – und alles, was daraus folgt: lügen, stehlen, töten, ehebrechen, Autoritäten verachten, Feiertage umgehen, Gott abbilden und Götter fabrizieren, überhaupt nach anderen Göttern schauen, Götter machen, wo keine sind. Alles das, sollst du nicht tun!

Auch dieses Gesetz ist in Stein gehauen, und es wird den Menschen – als wären sie selber Stein – einzumeißeln sein. Ihr Herzensgesetz ist es aber nicht. Aus dem Herzen spricht ihnen dieses Gesetz nicht. Es bleibt äußerlich.

Ihr tatsächliches Herzensgesetz ist vielmehr die Begierde und das verleitet sie zum „Machen und Haben“. Vor allem wollen sie „haben“, am Ende sogar, ohne zu „machen“, ohne es sich zu verdienen. Das goldene Geld soll es machen. Das goldene Kalb soll Zinsen tragen, und eine wilde außer Rand und Band gerissene Menge feuert das Kapital im zuckenden Tanz an, immer im Kreis herum, bis alles und alle schwindelnde Höhen erreichen. Bis alles und alle abstürzen in die tiefste Tiefe.

Das geschieht, wenn das Herz langsam aber stetig zu Stein wird. Wenn es steinern und immer steiniger wird. Die von außen eingehauenen Gesetze erreichen das Innere nicht mehr – auch wenn sie gut gemeint sind und das Schlimmste verhüten wollen. Innen treibt die Menschen ein anderes Gesetz. Sie begehren doch und stehlen und morden und lügen. Ihr Symbol steht in der Mitte: eine goldenes Kalb.

Heute sind es diese goldene Kälber: Derivate, Schuldverschreibungen, Leerverkäufe, Wetten auf Wetten, Spekulationen, Erwartungen, Renditen.
Man muss gar nichts tun. Nur tanzen

Und wer soll es bezahlen? Wer bezahlt am Ende die Rechnung?

Sie alle werden es bezahlen. Die einen mehr, die anderen weniger. Die Cleversten mästen schon das nächste Kalb im Stall. Sie warten bis die Gelegenheit günstig ist, es hinauszuführen, um es wieder in die Mitte der Menge zu stellen.

Solange ihre Herzen aus Stein bleiben – vom Gesetz bestenfalls nur angekratzt – wird sich am Spiel nichts ändern.


III

Jahrhunderte später verkündet ein Prophet (Ezechiel): Gott will euch ein Herz aus Fleisch geben.
Und ein anderer (Jeremia) sagt: Ich, GOTT, will euch in dieses Herz ein Gesetz hineinschreiben. Nicht auf die Oberfläche. Hinein.

Ihr werdet erkennen,- sagt dieses Gesetz. Aber „erkennen“ ist in der hebräischen Sprache zugleich „lieben“. Lieben ist ein Wille. Das endlich ist ihr tiefstes und wahrstes Herzensgesetz – neu entdeckt und formuliert. Am Begehren ändert sich nichts. Das bleibt. Aber das fleischerne Herz ist Begehren u n d es ist Erkennen zugleich. „Erkennen“ aber ist „lieben“.
Lügen, stehlen, töten und morden, ehebrechen, Respekt verlieren, Feiertage missachten, Götter fabrizieren – alles hat ein Ende. Ohne steinernes Gesetz. Wenn sie nur ihrem Herzensgesetz wirklich folgen.

Vielleicht stand ja ehedem nur e i n Wort auf den ersten Tafeln des Moses: Lieben! Oder Erkennen! Das Grundwort des Lebens und des ganzen Kosmos, für das die Menschen nur noch nicht reif waren oder noch immer nicht reif sind. Es muss nur ins Herz geschrieben sein und nicht auf steinerne Tafeln.

AMEN